Wo warst du am 22. Juli 2016?

Panisch am Stachus, die Eltern unerreichbar im OEZ, eingesperrt im Theater: Wie sieben Münchner sich an den Amoklauf vor einem Jahr erinnern.
Protokolle von Stefanie Witterauf
Foto: Lorraine Hellwig; Bearbeitung: jetzt

Der 22. Juli 2016 ist für viele Münchner nur schwer zu vergessen: An diesem Tag erschoss der 18-jährige Schüler David S. bei einem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) neun Menschen. Vier weitere wurden verletzt, am Ende tötete er sich selbst. Obwohl der Täter alleine agierte, war der Amoklauf in der gesamten Stadt spürbar. Aufgrund von zahlreichen über soziale Medien verbreitete Falschmeldungen gab es Massenpaniken, der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt und Menschen aufgefordert, ihre Häuser nicht mehr zu verlassen. Zeitweise gingen die Menschen von 73 Tatorten aus, wie es dazu kam, haben die Kollegen von SZ.de hier detailliert aufbereitet.

Verständlich also, dass jeder Münchner sehr genau weiß, wo er sich am Tag des Amoklaufs befand. Sieben von ihnen haben uns ihre Geschichten erzählt.

Laura Bittner, 25

Foto: Lorraine Hellwig

Laura Bittner, 25, war bei der Massenpanik am Stachus

"Ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern. Die Geschehnisse kommen mir immer noch sehr surreal vor. Ich war an dem Abend mit meinem Onkel am Odeonsplatz Hugo trinken und wollte mich danach mit einer Freundin treffen. In der Theatinerstraße waren alle unruhig und starrten auf ihre Handys. Ich sprach zwei Mädchen an, was denn los sei, und erfuhr so von der Schießerei im OEZ. Aber Gedanken, ob es ein Terroranschlag war, machte ich mir da noch nicht.

Es war eine unheimliche Stimmung. Es fuhr keine Tram mehr, die Straßen waren leer und ich dachte nur: „Schau zu, dass du schnell nach Hause kommst!“ An der großen Kreuzung von Stachus und Sonnenstraße traf ich zufällig eine Freundin von mir. Plötzlich fingen alle an zu schreien und rannten los. Ich war mit meinem Fahrrad unterwegs, schmiss es einfach weg und rannte auch. So schnell, wie ich nur konnte. Meine Flip-Flops verlor ich dabei, weil ich ohne sie einfach schneller laufen konnte.

Ich wohne in der Nähe vom Alten Botanischen Garten. Ich schaute mich nicht um, bis ich daheim war, und malte mir aus, wie Männer mit Pistolen hinter mir herliefen. Auch im Aufzug war ich noch paranoid und hatte Angst, dass jemand mit einer Waffe schon auf mich wartet. Als ich endlich die Wohnungstür hinter mir schloss, fing ich an zu weinen.

"Wie schlimm muss eigentlich Krieg sein?"

Ein Gedanke schoss mir immer wieder durch den Kopf: „Wie schlimm muss eigentlich Krieg sein? Jetzt ist er hier bei uns. In München.“ Meine Freundin hatte ich in der Massenpanik verloren. Wir waren alle in verschiedene Richtungen gerannt. Ich hatte an sie gedacht, wollte aber nicht mehr umkehren. Sie schrieb mir später, dass es ihr gut gehe. Den ganzen Abend versuchte ich klarzukommen. Meine Schwester, mit der ich zusammen wohne, war nicht da und ich ganz alleine. Eine Freundin schrieb mir, ich solle zu den Nachbarn gehen. Aber ich traute mich nicht rauszugehen. Nicht mal über den Flur. Ich hatte immer noch furchtbare Angst und Panik. Irgendwann kam eine Freundin von mir und übernachtete, weil ich mich nicht beruhigen konnte. Sie ist total mutig von der Poccistraße zu mir geradelt."

Steve Ziegler, 27

Foto: Lorraine Hellwig

Steve Ziegler, 27, arbeitet im OEZ

"Der 22. Juli 2016 begann für mich wie ein ganz normaler Tag. Aber im Nachhinein ist es der schlimmste, den ich je erlebt habe. Ich arbeite im OEZ - auch an jenem Freitag vor einem Jahr. Die Erlebnisse kommen mir immer noch vor wie im Film. Die Menschen wie Statisten aus einem Action-Drama aus Hollywood.

Auf einmal rannten die Leute aus dem Gebäude. Das war komisch, denn zehn Minuten bevor alles anfing, war ein Mann zum Ausgang gesprintet. Mein Kollege und ich konnten ihn durch das Schaufenster sehen und wunderten uns, was mit ihm los wäre. Und dann ging die Massenpanik los. Plötzlich rannten alle. Jemand sagte, es habe Schüsse in der U-Bahn gegeben.

"Mein einer Kollege war beim Militär und meinte, wir seien hier nicht sicher"

Ich ging nochmal zu unserem Laden zurück, holte die Kasse und schloss die Tür ab. Das Einkaufzentrum hatte sich in wenigen Momenten verwandelt. Es wirkte wie eine Geisterstadt. Dann flüchtete ich auch aus dem Gebäude. Schutz fand ich bei einer indischen oder pakistanischen Gemeinschaft. In der Wohnung waren fünfzig Leute. Sie war viel zu voll. Wir wussten nicht, was passiert war. Ein Kollege war früher beim Militär gewesen und meinte, wir wären hier nicht sicher. Wenn jemand mit Schusswaffen reinkäme, dann wären wir in Gefahr.

Mein Auto stand vor dem Parkhaus. Genau dort, wo der Täter aufs Dach gelaufen ist. Wir wollten weiter in die Wohnung von einem Freund in der Dachauer Straße. Überall war Polizei. Alle Autos, die uns entgegen kamen, waren Streifenwagen. Es war absoluter Ausnahmezustand. Es fühlte sich an, als ob gleich Krieg ausbrechen würde. Über Umwege, weil viele Wege abgesperrt waren, erreichten wir die Wohnung meines Freundes. Dort fühlte ich mich sicher.

Ich wohne außerhalb von München. Deswegen habe ich beschlossen, über Nacht in der Wohnung zu bleiben. Um zwei Uhr morgens nahm das SEK eine Wohnung in der Nähe auseinander. Keine 200 Meter Luftlinie von meinem Freund, wo ich Unterschlupf finden konnte, hatte der Täter gewohnt. Schon wieder war ich so nah an den Geschehnissen dran. Der Horror nahm einfach kein Ende.

Am Sonntag holte ich mein Auto. Ich fühlte mich merkwürdig. Immer noch war alles surreal. Danach fuhr ich ein paar Tage nach Italien. Einfach weg aus München. Ich brauchte Abstand, um die Ereignisse zu verarbeiten."

Laura Gamez, 25

Foto: Lorraine Hellwig

Laura Gamez, 25, ihre Eltern waren während des Amoklaufs im OEZ

 

"Mein Freund und ich waren mit Freunden am Gärtnerplatz verabredet. Weil wir nichts zu Essen daheim hatten, wollten wir noch in ein Restaurant im Glockenbachviertel gehen. Gerade als wir am Bahnhof in Karlsfeld in die S-Bahn stiegen, kam die erste Push-Nachricht von den Schüssen am OEZ auf mein Handy.

Ich versuchte sofort, meine Eltern anzurufen. Sie wollten noch ein Mitbringsel für meinen Onkel in Spanien kaufen und hatten mir erzählt, dass sie dafür ins OEZ fahren wollen. Aber daheim ging niemand ans Telefon und meine Mutter auch nicht an ihr Handy. Das ist an sich nichts Besonderes, weil sie es oft nicht hört oder im Auto liegen lässt. Aber ich machte mir Sorgen und rief sicher 20 Mal hintereinander an. Es kam immer nur die Mailbox.

 

"Im Nachhinein meint sie, dass sie die Schüsse auch gehört hätte"

 

Die Zeit, in der ich sie nicht erreichte, war schrecklich. In Whatsapp-Gruppen wurden Falschmeldungen von weiteren Anschlägen am Odeonsplatz und Stachus geteilt. Auch die Massenpanik im Hofbräuhaus. Ich hatte Angst, dass jemand in das Lokal stürmen und uns abknallen würde. Irgendwann kam der Rückruf von meinen Eltern. Als ich die Nummer von daheim auf meinem Display sah, war ich schon beruhigt. Meine Eltern waren tatsächlich im Einkaufzentrum gewesen. Zum Glück ist ihnen nichts passiert. Die Situation nahmen sie gar nicht richtig wahr. Als die Schüsse fielen, aß meine Mutter gerade eine Currywurst. Sie wollte ihre Pommes fertig essen, als die Menschen im Gebäude anfingen zu rennen. Sie fuhren mit dem Auto nach Hause. Im Nachhinein meint sie, dass sie die Schüsse auch gehört hätte. Sie dachte aber wohl, dass etwas auf die Fliesen gekracht wäre.

 

Ich war wahnsinnig erleichtert. Die Polizei hatte bekannt gegeben, dass sie den Personennahverkehr einstellen, und wir hatten keine Chance, wieder nach Hause zu fahren. Also wollten wir noch in eine Bar gehen. Aber die Bar hatte geschlossen. Stattdessen kauften wir Bier in einem Späti und liefen zu einer Freundin.  

Dort war es sehr schön, wenn man das sagen kann. Auch andere Freunde von mir waren da. Wir saßen auf dem Balkon, haben uns unterhalten und das mitgebrachte Bier getrunken. Über uns kreisten die Hubschrauber. Ständig rannte jemand zum Fernseher gerannt und schaute, ob es etwas Neues gab. Bis ein Uhr morgens spekulierten wir, ob es ein Terroranschlag von mehreren war oder ein Einzeltäter. Als die S-Bahnen wieder fuhren, lief ich mit meinem Freund von der Fraunhoferstraße zum Hauptbahnhof. Es war eine komische Atmosphäre. Am Bahnhof war noch alles abgesperrt. Polizisten patroullierten mit Maschinengewehren. In der Halle schliefen Leute, die mit dem Zug nicht mehr weiter gekommen waren. Als wir in der S-Bahn saßen, war ich froh, dass der Abend vorbei war."

Andreas Hilz, 37

Foto: Lorraine Hellwig

Andreas Hilz, 33, wurde mit seinem Date im Theater eingesperrt

 

"An den Abend denke ich oft zurück. Den ganzen Tag über hatte ich schon Herzklopfen, denn ich hatte das dritte Date mit meiner jetzigen Freundin Teresa. Wir wollten zusammen in die Münchner Kammerspiele gehen. Bevor es losging, wurde im Theater eine Ansprache gehalten. Es wurde von den Schüssen im OEZ berichtet. Die Schauspieler hätten sich trotzdem oder genau deswegen entschieden aufzutreten. Gerade in solchen Momenten soll die Kunst den Menschen helfen. Ich aber war einfach nur genervt. „Muss das denn sein? Das versaut mir den ganzen stimmungsvollen Abend mit der Frau, in die ich verliebt bin“, dachte ich.

 

Das Stück, das aufgeführt wurde, hieß Mittelreich. Es handelt von menschlichen Abgründen. Es war eine bedrückte Stimmung im Theater, nicht nur wegen des tragischen Inhalts, sondern auch wegen der Situation draußen.

 

In der Pause gab es wieder eine Ansprache, Neuigkeiten wurden verkündet. Über den oder die Täter war immer noch nichts bekannt. Die Türen wurden von innen verriegelt, wenn aber jemand gehen wolle, dann sei das möglich. Die Polizei hätte aber davon abgeraten. Während des Stückes hatte niemand sein Handy gecheckt. Aber in der Pause telefonierten alle oder schrieben Nachrichten. Auch ich telefonierte mit meinen Eltern.

 

"Teresa und ich sprechen oft über den 22. Juli 2016"

 

Der Applaus nach dem Stück war eher verhalten. Uns wurde angeboten, solange im Theater zu bleiben, wie wir wollten. Doch Teresa und ich wollten nach Hause. Sie ist Ärztin und es war noch nicht klar, ob sie noch ins Krankenhaus müsste. Wir wurden aus dem Hinterausgang rausgelassen. Statt gemütlich zu schlendern, wie ich mir mein Rendezvous ausgemalt hatte, stiegen wir auf die Fahrräder und radelten los. Nachdem ich sie vor ihrer Haustür abgesetzt hatte, war ich alleine. Plötzlich bekam ich Angst. Mit Teresa hatte mir der Abend irgendwie Spaß gemacht. Obwohl es tragisch war, war es auch aufregend und spannend. Die Straßen waren total leer. Als ich den Berg beim Maximilianeum runterfuhr, fielen mir die Hubschrauber auf, die über die Stadt kreisten. Ich weiß nicht, ob sie schon davor da waren, zumindest habe ich sie erst da wahrgenommen. Das empfand ich als sehr bedrohlich und trat noch stärker in die Pedale.

 

Erst, als ich das massive Eisentor zu meinem Hinterhof geschlossen hatte, war ich erleichtert. Jetzt war ich in Sicherheit. Meine ganze Anspannung fiel ab. Ich hatte schon wieder Herzklopfen, aber diesmal war die Aufregung eine ganz andere. Die Neugierde, was passiert war und wie es weiter gehen würde, machte sich in mir breit. Bei mir in der WG waren Freunde meiner Mitbewohnerin. Es ist schön, dass sie bei uns Schutz gefunden haben und ich hatte ein gutes Gefühl, weil ich nicht alleine war. Bis tief in die Nacht schrieb ich mit Teresa. Ich habe unser Date in schöner Erinnerung, obwohl die Geschehnisse schrecklich waren und Menschen ums Leben gekommen sind. Teresa und ich sprechen oft über den 22. Juli 2016. Wir werden uns wohl unser ganzes Leben daran erinnern. "

 

 

Josephine Robinson, 25

Foto: Lorraine Hellwig

Josephine Robinson, 25, hat im Krankenhaus Unterschlupf gefunden

 

"Eine Freundin von mir wurde in der Frauenklinik in der Maistraße operiert und ich stattete ihr dort einen Krankenbesuch ab. Das Gebäude der Klinik ist alt und wunderschön. Aber auch ein bisschen unheimlich, was die Stimmung an dem Tag nur noch verschärfte. Als die ersten Nachrichten über Social Media einprasselten, saßen wir im Innenhof mit Springbrunnen. Die Belegschaft sprintete herum und verschloss alle Türen. Es war Ausnahmezustand - niemand durfte mehr rein und niemand mehr raus.

 

"Immer wieder hatten wir kleine Anfälle mit Tränen und Panik"

 

Wir gingen dann in das Zimmer meiner Freundin. Zusammen saßen wir bei ihr im Bett. Auf dem kleinen Fernseher verfolgten wir die Nachrichten entsetzt. Man konnte ihn nicht laut stellen, sondern musste mit Kopfhörern über das Krankentelefon zuhören. Einen Knopf hatte ich im Ohr, den anderen sie. Wir waren beide extrem angespannt, weil wir nicht alle Freunde und Familie erreicht hatten. Mein Freund war auch irgendwo draußen unterwegs. Die Schwester von einer Freundin war im OEZ und hatte sich noch bei niemandem gemeldet. Irgendwann war aber klar, dass alle in Sicherheit waren. Immer wieder hatten wir kleine Anfälle mit Tränen und Panik. Und dann hatte ich noch ein Problem. Denn raus durfte ich nicht. Und wollte auch nicht. Aber die Besucherzeit war längst vorbei und eigentlich hätte ich gar nicht mehr in der Klink sein dürfen. Eine liebe Krankenschwester erlaubte mir dann, über Nacht zu bleiben. Sie schob mir sogar ein Bett rein. Es war die komischste Pyjamaparty, auf der ich je war."

Rassa Rahim, 25

Foto: Lorraine Hellwig

Rassa Rahim, 25, hat an diesem Tag seine Freundin kennengelernt

 

"Die erste Nachricht von der Schießerei erreichte mich auf meinem Nachhauseweg von Unterföhring. Erstmal dachte ich, das wäre nur ein schlechter Scherz. Doch dann kamen Anrufe und Nachrichten aus Köln, wo ich herkomme. Meine Familie und Freunde bombardierten mich mit Nachrichten.

Eigentlich war ich an diesem Abend mit einer Freundin verabredet. Aber ich wollte nicht mehr raus. Daheim schaltete ich den Fernseher an. Auf N24 liefen die Nachrichten rauf und runter. Lieber hätte ich etwas gemacht, was mich abgelenkt hätte, aber ich konnte mich nicht konzentrieren und habe Nonstop Nachrichten angeschaut.

 

Das Eigenartigste an diesem Moment war, dass es im OEZ war. Da war ich  schon oft. Die Bilder von den Orten im TV waren mir so bekannt. Normalerweise fahre ich mit dem Bus von der Arbeit dorthin und laufe die restlichen 700 Meter zu Fuß nach Hause. Aber an diesem Tag fuhr ich über die Studentenstadt, warum weiß ich gar nicht mehr. Wenn an anderen Orten so etwas Schlimmes passiert, wie in Paris oder Syrien, dann sind die Aufnahmen für mich nicht greifbar. Aber die Bilder in den Nachrichten waren vor meiner Haustür. Ein bedrohliches und beunruhigendes Gefühl machte sich breit.

 

"Mit der Situation vor einem Jahr war ich einfach nur überfordert "

 

Bei Facebook nutzte ich die Funktion, mich als in Sicherheit zu markieren. Viele Freunde und Arbeitskollegen haben das auch getan. So musste man sich keine Sorgen machen. Falls jemand in der Nähe wäre, könne er zu mir kommen, habe ich gepostet. Busse, Bahnen und Taxis fuhren ja keine mehr.

 

Tatsächlich meldete sich jemand. Eine ehemalige Arbeitskollegin war mit einer Freundin auf dem Sommertollwood im Olympiapark. Sie schrieb, dass sie nicht mehr heim kämen und fragte, ob sie zusammen zu mir kommen könnten. Zu Fuß kamen sie 40 Minuten später bei mir an.

 

Die Freundin dieser Arbeitskollegin ist jetzt meine Freundin. Ob es damals sofort funkte, weiß ich nicht mehr. Mit der Situation vor einem Jahr war ich einfach nur überfordert und wollte den Tag, an dem so schlimme Dinge passiert sind, überstehen. Dass sie eine tolle Frau ist, das merkte ich trotzdem. Wir versuchten, die angespannte Stimmung aufzulockern, und fingen an, Comedyfilme anzuschauen. Als erstes „Project X“, danach noch „Zoomania“. Währenddessen beantworteten wir die ganze Zeit die vielen Nachrichten auf unseren Smartphones. Aber wir schauten keine Nachrichtensendungen mehr. Bis acht Uhr morgens quatschen wir und sahen Filme. Niemand von uns schlief in dieser Nacht. Mit Maria verabredete ich mich später. Wir sind nun fast ein Jahr ein Paar."

Franziska Loth, 26

Foto: Lorraine Hellwig

Franziska Loth, 26, saß im Flieger von Düsseldorf fest

 

"Im Rahmen meines damaligen Praktikums musste ich nach Düsseldorf und wollte abends wieder zurück nach München fliegen. Ich war gerade auf dem Weg zum Flughafen, als ich von meinem damaligen Freund einen Panikanruf bekam. Ob ich schon mitbekommen hätte, was in München los sei? Ich bekam viele Nachrichten von Freunden und Bekannten. Auch von solchen, die nicht in München sind. Das wunderte mich, weil es viele Leute waren, mit denen ich gar nicht so eng befreundet bin.  Am Flughafen war klar, dass mit Verspätung zu rechnen war. Wir flogen dann zwei Stunden später als geplant los. Zu Beginn kam eine Durchsage, die die Situation in München ansprach. In dem Flieger waren viele Geschäftsleute. Aber die Stimmung war zu keinem Zeitpunkt panisch. Ich hatte das Gefühl, dass die anderen Passagiere eher genervt als verängstig waren. Spekulationen wurden zurückgehalten und zu Beginn des Fluges auch versprochen, über Lautsprecher über Neuigkeiten informiert zu werden. Das Handy musste ja während des Flugs ausgeschaltet werden.

 

"Ich habe mich darauf eingestellt, nun ziemlich lange eingesperrt zu sein"

 

Der oberste Stewart ging zu allen Passagieren gegangen und beruhigte sie. „Wir fliegen los und schauen dann, wie es weiter geht“, erklärte er immer wieder. Als wir schon im Landeflug waren, kam die nächste Durchsage. Das Terminal in München sei gesperrt. Zwar könnten wir landen, aber niemand würde eine Treppe aufstellen und wir müssten im Flieger sitzen bleiben. Essen und Getränke für die nächsten Stunden wären aber auch genug an Bord. Ich habe mich darauf eingestellt, ziemlich lange eingesperrt zu sein.

 

In Düsseldorf habe ich schon versucht, mir ein Taxi vorzubestellen, weil ich wusste, dass der öffentliche Nahverkehr eingestellt wurde. Aber ich konnte bei der Stelle niemanden erreichen. Deswegen wollten mich meine Schwester und Mama abholen. In solchen Situationen reagieren meine Eltern recht entspannt. Trotzdem schrieb ich ihnen, dass sie auf jeden Fall im Auto sitzen bleiben sollten. Man weiß ja nicht, ob irgendein Verrückter am Flughafen rumläuft. Aber die groß angekündigte Wartezeit war dann nicht länger als 30 Minuten."

 

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