Diese Fotos zeigen die Anti-Rassismus-Proteste in den USA

Der Fotograf Chris Laxamana sagt: „Meine Fotografie ist das, was ich zur Bewegung beisteuern kann.“
Von Dana Marie Weise
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Bei einem Protest in Santa Monica wird die Polizei ungeduldig, weil die Protestierenden beim Einsetzen der Sperrstunde nicht schnell genug nach Hause gehen. Diese Frau spült nach einer Attacke mit Tränengas ihre Augen aus.

Foto: Chris Laxamana
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Nach einer Attacke durch Pfefferspray hat sich ein Mann mit Milch die Augen ausgespült, ein anderer Mann kümmert sich um ihn. Diese Momente des Mitgefühls fotografiert Chris besonders gern.

Foto: Chris Laxamana
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Auf die Straßen: Rote Ampeln gibt es in Zeiten des Aufruhrs nicht.

Foto: Chris Laxamana
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Chris schätzt, dass mindestens 50 Prozent der Protestierenden weiße Menschen sind: „Es ist wichtig, Solidarität zu zeigen“.

Foto: Chris Laxamana
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Protest unter Palmen: Die Demonstration in Santa Monica führte über die Ocean Avenue, nur wenige Meter vom Meer entfernt.

Foto: Chris Laxamana

Beim ersten Protest, an dem Chris Laxamana teilnimmt, ist die Stimmung aufgeladen. An diesem Tag fotografiert er brennende Polizeiautos und Feuerwehrmänner, die einen Brand zu löschen versuchen. Er fotografiert Menschen, die mit Schlagstöcken bewaffneten Polizisten ihre ‚Black lives matter‘-Plakate entgegenstrecken. Auf einem Foto sieht man einen Mann, der in der Luft über einem völlig demolierten Polizeiauto zu schweben scheint – Chris hat auf den Auslöser gedrückt, kurz bevor der Mann mit voller Wucht auf dem Autodach landet und es noch mehr verbeult. An diesem Tag fotografiert Chris auch, wie sich ein Schwarzer und ein weißer Mann auf dem Dach eines ausgebrannten Polizeiautos umarmen: „Das war ganz besonders. Der Schwarze Mann half dem weißen Mann auf das Auto und sie umarmten sich, während die Menge um sie herum jubelte.“ All diese Momente hält Chris auf seinem Instagram-Account fest und teilt sie so mit der Welt.

Chris lebt in North Hollywood – ein lebendiger Stadtteil von Los Angeles, sagt er, der voller kreativer Menschen ist. Er selbst ist Event-Fotograf und -Videograf mit einer eigenen Firma. In seinem normalen Arbeitsalltag dokumentiert der 38-Jährige vor allem Veranstaltungen und Pop-up-Events von bekannten Gaming-Herstellern oder auch Kosmetikmarken. Er fühlt sich wohl in North Hollywood, ein diverser und multikultureller Ort; viele der Anwohner sind Sänger, Schauspieler oder Tänzer. „Ein chilliger Vibe“, sagt Chris.  Bis sich mit George Floyds Tod plötzlich die Stimmung veränderte – und zwar „auf einen Schlag“, wie Chris am Telefon erzählt.

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„Ich bin kein Verbrecher“, steht auf dem Schild dieses Mannes. „Eine subtilere Form des Rassismus ist, wie unsere Gesellschaft schwarze Männer wahrnimmt. Wie groß zum Beispiel ein Cop die Bedrohung einschätzt, die von einem Schwarzen Mann ausgeht“, sagt Chris.

Foto: Chris Laxamana
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„Wir sind hier, wir sind eins, und wir fordern Veränderung“ – dieses Gefühl wird laut Chris bei den Protesten vermittelt.

Foto: Chris Laxamana
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Die Arme sind erhoben: Im Protest, doch gleichzeitig, um zu zeigen, dass man unbewaffnet und friedlich protestiert.

Foto: Chris Laxamana
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Nur weil ein Problem dich nicht betrifft, heißt es nicht, dass es nicht existiert: Das will diese Frau mit ihrem Plakat deutlich machen. Sie ist eine Freundin von Fotograf Chris.

Foto: Chris Laxamana
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Ein Schwarzer Mann hilft einem weißen Mann auf das Dach eines ausgebrannten Polizeiwagens. Auf die zerstörte Motorhaube hat jemand „RIP George F.“ gesprüht.

Foto: Chris Laxamana

Er erfuhr über die sozialen Medien vom Fall, der in den darauffolgenden Tagen um die Welt ging und Proteste in den USA auslöste. Er sah das entsetzliche Video und realisierte: „Es ist schlimm, dass wir irgendwie daran gewöhnt sind, solche Dinge zu sehen. Zu sehen, wie Minderheiten, besonders Schwarze Menschen, ungerecht behandelt, sogar ermordet werden. Doch dieses Video war besonders schrecklich, weil George Floyd quasi um sein Leben bettelt. Und dem Officer ist es egal.“ Das Video hat ihn wütend gemacht: „Ich glaube, das war der Moment, in dem die ganze Nation – und vielleicht sogar die ganze Welt, dachte: Genug ist genug.“

Als Amerikaner mit philippinischer Abstammung hat er Rassismus schon am eigenen Leib erfahren, will seine Erfahrungen aber nicht mit denen Schwarzer Menschen vergleichen: „Manche Leute denken einfach nur, ich sei gut in Mathe. Nur einmal ist auf der Straße ein Mädchen an mir vorbeigegangen, hat mit ihren Fingern die Augen zu Schlitzen verzogen und ‚Ching Chang!‘ gesagt. Das war wie ein Faustschlag für mich. Aber das ist wirklich nichts im Gegensatz zu dem, was Schwarze jeden Tag aushalten müssen.“

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Ein Mann scheint in der Luft über einem völlig demolierten Polizeiauto zu schweben – Chris hat auf den Auslöser gedrückt, kurz bevor der Mann mit voller Wucht auf dem Autodach landet und es noch mehr verbeult.

Foto: Chris Laxamana
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Bei den Protesten fotografiert Chris Menschen unterschiedlichster Herkunft und sexueller Orientierung.

Foto: Chris Laxamana
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„Stellt den Glauben an die Menschheit wieder her“, fordert dieses Schild einer Frau in Hollywood. Darunter, etwas kleiner: „BLM“ – das Kürzel für „Black Lives Matter“.

Foto: Chris Laxamana
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Diese Frau fordert mit ihrem Schild weiße Menschen dazu auf, gegen Rassismus laut zu werden, auch wenn sie nicht selbst betroffen sind. Chris beschreibt die Protestierenden als inspirierende Mischung aus Schwarzen, Weißen, Asiaten und Latinos.

Foto: Chris Laxamana
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Chris beschreibt die Protestierenden als leidenschaftlich und wütend. Trotz Maske glaubt man, die Emotionen dieser Frau erkennen zu können.

Foto: Chris Laxamana

Dass er seine Kamera zu den Protesten, an denen er sich ohnehin beteiligte, mitnehmen würde, war ihm sofort klar. Die Liebe zum Fotografieren und Filmen bestand, seit Chris‘ Vater ihm in der Middle School zum ersten Mal den Umgang mit einer Kamera zeigte. Und jetzt spürte er, dass er einen historischen Moment dokumentieren kann. Chris teilt seine Fotos auf Instagram und Facebook und berichtet auch in seiner Instagram-Story von den Protesten. Dass er keine tausenden Follower hat, spielt dabei keine Rolle: „Ich möchte auch denen, die nicht an der Bewegung teilnehmen können, einen intimen Einblick ermöglichen, nah an den Protestierenden dran sein und ihre Emotionen einfangen. Meine Fotografie ist das, was ich zur Bewegung beisteuern kann.“

Die Stimmung bei den Protesten habe sich mit der Zeit verändert

Ein bewegender Moment während seiner ersten Demonstration in West Hollywood fiel Chris erst später auf, als er ein Foto Zuhause genauer betrachtete. Darauf hält ein Schwarzer, bis unter die Augen vermummter Mann ein Schild in die Kamera. „Let me be black in peace“, steht darauf. Doch das Berührendste am Bild sind für Chris die Augen dieses Mannes: „Ich konnte den Schmerz in seinen Augen sehen und es sieht aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. Dieses Foto spricht einfach Bände.“

Die Stimmung bei den Protesten habe sich mit der Zeit verändert, erzählt Chris. Als er zum dritten Mal mitmarschiert, sind die Menschen ruhiger, aber dennoch leidenschaftlich und wütend. „Die Leute treten jetzt mehr als Einheit auf und fordern Veränderung. Den Sunset Boulevard entlang zu marschieren, eine der Hauptstraßen in Hollywood, und 1000 Leute rufen im Chor ‚Black lives matter!‘ oder ‚Say his name! George Floyd!‘ – das ist unglaublich.“

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Chris beschreibt die Protestierenden als leidenschaftlich und wütend. Trotz Maske glaubt man, die Emotionen dieser Frau erkennen zu können.

Foto: Chris Laxamana
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Um einer Eskalation bei einem Zusammentreffen mit Polizisten zu entgehen, knien die Protestierenden mit ausgestreckten Armen nieder. Dies geschieht auf Anweisung eines „protest leaders“ mit Megafon, meist Aktivisten der „Black Lives Matter“-Bewegung.

Foto: Chris Laxamana
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Chris schreibt zu diesem Bild: „Dieser Streifenwagen wurde von Protestierenden mit Feuerwerkskörpern in Brand gesetzt. Die große Mehrheit der Protestierenden ist friedlich, aber verständlicherweise herrscht große Wut auf die Polizei.“

Foto: Chris Laxamana
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Zwei Männer benutzen das Dach eines zerstörten Polizeiwagens, um Faust und Plakat weithin sichtbar zu machen.

Foto: Chris Laxamana
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Bei einem Protest in Hollywood biegen die Protestierenden aus Versehen in eine Wohnstraße ab, die in der angemeldeten Route nicht vorgesehen war. Die Polizei blockiert daraufhin für einige Minuten beide Ausgänge der Straße. Um eine Eskalation zu vermeiden, zeigen die Protestierenden ihre friedlichen Absichten und knien sich hin.

Foto: Chris Laxamana

Chris legt Wert darauf, keine Gewaltszenen abzulichten, denn davon sähe man in den Medien schon genug, und diese Berichterstattung sei sehr einseitig. Er glaubt, dass die positiven Bilder mehr bewirken als Bilder der Gewalt. Diese flamme aber leider immer wieder auf. Bei einem Protest im Stadtteil Santa Monica marschierten die Menschen friedlich an der Ocean Avenue in der Nähe des Wasser. Als Chris danach zu seinem geparkten Auto zurückkehrte, das nur einige Parallelstraßen weiter stand, geriet er plötzlich ins Chaos: Es brannten mehrere Autos, er sah Menschengruppen mit Brechstangen, zerbrochenes Glas lag auf dem Gehweg, der Goodwill Store in der Straße und weitere Geschäfte wurden geplündert.

Nicht der einzige aufwühlende Moment für Chris: Einmal raste ein Gummigeschoss der Polizei nah an seinem Kopf dabei, ein anderes Mal wurde Tränengas eingesetzt. Der Grund: Die Ausgangssperre soll um 16 Uhr beginnen, doch von offizieller Seite hieß es bei einem Protest, man würde den Protestierenden eine Stunde mehr Zeit gewähren, um nach Hause zu gehen. Offenbar ging es der Polizei aber nicht schnell genug – und es wurde gefeuert: „Du fängst vom Tränengas direkt an zu keuchen, man hustet, es brennt in den Augen und auf der Haut.“ In solchen Momenten hat Chris oft zu große Angst, um viele Fotos zu schießen.

Auf Chris‘ Bildern sieht man, wie divers die Proteste sind: Schwarze, Weiße, Asiaten, Latinos, Menschen unterschiedlichster Herkunft und sexueller Orientierung sind dabei. Dass so viele Menschen Solidarität zeigen, findet Chris inspirierend und wichtig. Und seiner Meinung nach ist es egal, ob man dabei laut ist, ob man singt, rappt, tanzt oder im Chor ruft, wie es bei vielen Protesten in Los Angeles der Fall ist: „Präsent sein, ein weiterer Mensch auf der Straße sein, die Sichtbarkeit erhöhen, ist genug. Ich glaube, wir werden Zeugen eines entscheidenden Wendepunkts in der Geschichte. Es fühlt sich gut an, dabei zu sein.“

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