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Was treibt Polens Rechtsextreme an?

Mateusz Marzoch ist einer ihrer Anführer. Unsere Autorin hat ihn begleitet.
Von Valerie Höhne
  • warschau naziaufmarsch cover
    Foto: Jacek Turczyk / dpa

Mateusz Marzoch steht ganz vorn, den Rücken zur Wand, er schaut in die Gesichter seiner „Kollegen“, wie er sie nennt. Die Allpolnische Jugend trifft sich an diesem Donnerstag zum ersten Mal seit dem Aufmarsch der Nationalisten am 11. November: An Polens Unabhängigkeitstag hatten sich in der Hauptstadt nach offiziellen Angaben etwa 60.000 Demonstranten getroffen. Sie marschierten durch Warschaus Straßen, schwenkten polnische Flaggen und skandierten teils rassistische Sprüche wie „Für ein weißes Polen“. Viele der Teilnehmer waren rechte Aktivisten, viele waren aus dem Ausland angereist, wie zum Beispiel Tommy Robinson, Gründer der rechtspopulistischen „English Defence League“ und Pegida-Redner.

Der Marsch findet seit 2008 am 11. November statt, nach Angaben der Organisatoren ist die Teilnehmerzahl in den vergangenen Jahren gewachsen. Auch 2016 gingen bereits mehrere Zehntausend auf die Straße.

Marzoch ist gegen die Pille, gegen Muslime, gegen die Europäische Union

Marzoch ist der Vorsitzende der Warschauer Fraktion der Allpolnischen Jugend. Er mag es nicht, wenn man sie (Neo-)Nazis nennt oder mit der Hitlerjugend vergleicht, wie das linke Aktivisten und die Medien manchmal tun. Er sei Nationalist, Katholik und Patriot. Aber kein Neonazi. „Nein, nein, nein“, sagt er, als man ihn danach fragt, mit Faschismus hätten sie nichts zu tun. Ihre Väter und Großväter hätten doch gegen die Nazis gekämpft.

Er sieht auch nicht aus wie ein Neonazi. Keine Springerstiefel, keine Glatze, nicht einmal die halbrasierte Version, mit der junge Rechte in Deutschland so gerne ihre Stiernacken präsentieren. Marzoch, 23, trägt Seitenscheitel, schwarze Jeans, elegante Schuhe. Er hat ein freundliches Lächeln. Am Revers seines Sakkos steckt eine Anstecknadel: das „Mieczyk Chrobrego“. Es ist ein Schwert, das drei Mal von einer polnischen Flagge umwickelt ist. In den 1920er Jahren wurde es zum Symbol der nationalistischen Bewegung, heute ist es in polnischen Fußballstadien verboten, weil es als rechtsextrem gilt.

Marzoch ist gegen die Aufnahme von Geflüchteten, gegen die Gleichstellung von Lesben und Schwulen, gegen Abtreibung, gegen die Pille, gegen Muslime und gegen die Europäische Union.

Die rechte Szene in Polen wächst. Im Oktober 2015 gewann die nationalkonservative Partei „Prawo i Sprawiedliwość“, zu deutsch „Recht und Gerechtigkeit“, die Parlamentswahlen. Die Nationalkonservativen haben ganze Redaktionen der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten entlassen und ersetzt. Im vergangenen Sommer verabschiedeten sie ein Gesetz, das es dem Justizminister erlaubt, Richter ohne Grund zu entlassen und auszutauschen.

 

Vor allem aber stellten sich die Politiker der PiS-Partei gegen die Aufnahme von Geflüchteten, die über die Mittelmeerroute nach Europa kamen. Nach dem Aufmarsch in Warschau sprach der Innenminister Mariusz Błaszczak von einem „schönen Anblick“. Dennoch: Für viele junge Nationalisten ist die PiS-Partei nicht radikal genug. Die Allpolnische Jugend wächst nach eigenen Angaben im Schnitt jährlich um 5 bis 10 Prozent. Im Jahr 2012 hätten sie 500 Mitglieder gehabt, nun seien es geschätzt 2000. Sie selbst bezeichnen sich als die größte nationalistische Jugendorganisation in Polen. Gemeinsam mit dem „Obóz Narodowo-Radykalny“, dem Nationalradikalen Lager, organisieren sie den Aufmarsch am Unabhängigkeitstag.

 

Als die jungen Nationalisten in Warschau das Gebet fertig gesprochen haben, bekreuzigen sie sich. Sie stimmen die „Hymn Młodych“ an, das offizielle Lied der Allpolnischen Jugend: „Vorwärts in die Flut, lass des Feindes Übermacht erzittern, schon ist der Siegestag nah, des großen Polens Macht sind wir, des großen Polens Macht sind wir.“

 

Als er singt, starrt Marzoch an die Decke, so als bete er auch in diesem Moment. Dann dankt er seinen Kollegen für ihren Einsatz beim Marsch und bittet die Presse, zu gehen. Es sind vier Frauen und 29 Männer im Raum. Die eine Hälfte sieht aus, als käme sie gerade von einem Ed-Sheeran-Konzert, die andere, als verließe sie frisch geduscht das Fitnessstudio.

 

Junge rechte Polen scheint oft eine undefinierte Angst zu treiben

 

Warum Marzoch ein Nationalist ist? Er sitzt im Konferenzzimmer des Hauptquartiers. Die Decken sind hoch, die Möbel massiv. An den Wänden reihen sich die Bücherregale. Er mache sich Sorgen um sein Land. „Die Europäische Union wollte uns zwingen, Migranten aufzunehmen. Die nehmen unser Geld und arbeiten nicht. Das sind keine Flüchtlinge“, sagt Marzoch. Seine Stimme klingt hart.

 

Auf seinem Instagram-Profil posiert er vor einem Banner, auf dem „Allpolnische Jugend“ steht. Dahinter haben sich um die 100 Menschen versammelt. Er grinst wie ein Kind, das sich über einen gelungenen Streich freut, die Faust kurz vor dem Mund, als wolle er das Lachen unterdrücken.

 

2012 ist er zum Studium nach Warschau gekommen. In linken und liberalen Kreisen seien weder seine Werte noch sein Glauben aufgetaucht. Er aber sei als Patriot erzogen worden. Junge rechte Polen scheint oft eine undefinierte Angst zu treiben. Angst vor Anderen, Angst vor Gleichstellung. Schwule und Lesben zerstörten die Familie, Muslime sollten bleiben, wo sie hingehörten: im Nahen Osten, sagt Marzoch.

 

Junge Polen seien nicht mehr gewillt, an den Westen als fantastischen Mythos zu glauben

 

Karolina Wigura, Soziologin bei dem Warschauer ThinkTank „Kultura Liberalna“ sagt, die Angst vor dem Islam sei in dem Moment so stark geworden, als die Diskussion um eine misslungene Integration in Europa bereits in vollem Gang gewesen sei. „Dann kam die Flüchtlingskrise, und die liberalen Eliten meinten, jetzt müsse Polen die Geflüchteten aufnehmen, weil Brüssel es so wolle“, sagt die 37-Jährige. Das habe viele Menschen gestört. Für das Erstarken des Nationalismus bei jungen Menschen sieht sie noch weitere Gründe: Die jüngere Generation habe im Gegensatz zu der älteren, die noch im Kommunismus gelebt habe, ein anderes Bild vom Westen. „Sie haben dieses idealisierte Bild nicht mehr, weil sie jetzt selbst Teil des Westens sind und ihn kritischer betrachten.“

 

Für die ältere Generation sei es unglaublich gewesen, als Polen Teil der EU wurde und die Grenzen geöffnet wurden. „Für die jüngere Generation war es nicht so eine große Sache“, sagt Wigura. Deswegen seien die jungen Menschen nicht mehr gewillt, an den Westen als eine Art fantastischen Mythos zu glauben. Doch viele liberale Politiker würden diese Art, über Westeuropa, die USA und Kanada zu sprechen, weiter aufrechterhalten. Es habe auch ein Erstarken der Nationalen Symbole gegeben. „Junge Menschen wollen stolz auf ihr Land sein und die Liberalen bieten ihnen keine Möglichkeit, das zu zeigen“.

 

Aleks Szczerbiak, ein Politikprofessor an der Universität Sussex in England, sagte kürzlich dem Guardian, man sei lange davon ausgegangen, dass junge Polen in den Westen kommen würden und dadurch multikultureller und liberaler würden. „Stattdessen scheint es, als ob ihre Erfahrungen im Westen ihren sozialen Konservatismus und Traditionalismus nur verstärkt hätten“. In einem Post vom September schreibt der Professor auf seinem Blog, 22 Prozent der jungen Polen (18 bis 24 Jahre) seien gegen die EU-Mitgliedschaft – im Vergleich zu neun Prozent der Allgemeinbevölkerung, die dieser Meinung sind.  

 

„Die Liberalen wollen zu viel Freiheit“

 

Als wolle er dem Professor beipflichten, erzählt Marzoch dann auch wirklich die Geschichte eines Freundes: Der habe in Paris ein Erasmus-Semester gemacht und sei in einen muslimischen geprägten Stadtteil gefahren. „Er und sein Kumpel waren die einzigen, die weiß und keine Muslime waren. Sie hatten Angst, getötet zu werden. Also sind sie schnell gegangen“. Er erzählt von angeblichen No-Go-Gebieten in Frankreich, Schweden und Deutschland. In Polen hätten sie keine No-Go-Zonen. Weil sie keine Muslime ins Land ließen. Eigentlich, sagt er, müssten doch die Franzosen und Deutschen nach Polen fliehen, weil sie Angst vor den Terroranschlägen hätten.

 

Marzoch nimmt seit 2011 an der jährlichen Demonstration teil, 2012 wurde er Ordner, inzwischen ist er deren Chef.  Dieses Jahr sei er bei dem Aufmarsch in einer Wohnung über der Route gewesen, so habe er die Einsätze besser koordinieren und den Marsch beobachten können. „Es war großartig. 50 Minuten lief ein Fluss von polnischen Flaggen und polnischen Menschen über die Straße. Es war wunderschön“, sagt er.

Er hat seine eigene Theorie zum Reiz der Nationalisten auf junge Polen: „Wir versuchen nach Regeln zu leben. Als Katholiken und als Polen müssen wir nach Regeln leben. Wir sind nicht für die Art der Freiheit, die die Linken und Liberalen fordern. Wir sagen nicht, du darfst machen, was du willst. Du darfst es nicht. Die Liberalen wollen zu viel Freiheit.“

 

 

 

Übersetzung der polnischen Textstellen von Aniela Heubach

 

 

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