„In den Kirchen wird gesagt, Abtreibung sei Mord“

Stephanie und Abigail erzählen, warum sie für und gegen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Irland sind.
Protokolle von Lea Diehl
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Fotos: Privat / Collage: jetzt.de

An diesem Freitag stimmt Irland über die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ab (mehr dazu auf sz.de). Zwei junge Irinnen erzählen, wie sie das Referendum bewegt. Stephanie ist für das Recht auf Abtreibung, Abigail ist dagegen. 

Stephanie Murphy, 23 Jahre, aus Limerick

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Fotos: Privat / Collage: jetzt.de

Stephanie will, dass Schwangerschaftsabbrüche in Irland endlich legal werden und man dafür nicht bis nach England fahren muss: 

„Ich bin nervös, was das Referendum angeht. Ich hatte selbst einen Schwangerschaftsabbruch, das war vor einem Jahr. Wenn ich an das Referendum denke, fühle ich mich zurückversetzt. Und ich denke ständig daran. In den letzten Monaten ist das Thema hier überall, im Radio, Fernsehen, alle reden darüber, engagieren sich. Das Thema polarisiert.

Ich denke daran, wie es damals für mich war, früh morgens in den Bus zu steigen: Meine Reise ging von Limerick über Dublin nach Liverpool. Wie Tausende andere Frauen ging ich diesen Weg. Ich fuhr bis nach England, um den Schwangerschaftsabbruch dort vornehmen zu lassen, in einem Krankenhaus außerhalb der Landesgrenzen.

Anders als in Irland ist der Abbruch in England legal. Auch wenn es absurd ist, aus diesem Grund in ein anderes Land zu fahren. Ich wäre auch in Irland an Abtreibungspillen gekommen. Illegal. Aber das wollte ich nicht. Was wäre gewesen, wenn ich wegen gesundheitlicher Folgen zum Arzt hätte gehen müssen? Das wäre schwierig geworden. Der Bezug der Pillen ist wie gesagt illegal und auf Abtreibung steht in Irland Gefängnis.

Dass ich für den Schwangerschaftsabbruch in ein anderes Land gehen musste, hat jedoch auch viel mit meiner Identität gemacht. Ich habe mich früher immer als Irin gefühlt, ganz selbstverständlich. Ich liebte Irland. Aber das Thema hat an meinem Zugehörigkeitsgefühl zu dem Land etwas verändert. Der Schwangerschaftsabbruch hat mir gezeigt, wie einsam ich hier sein kann. Manche Menschen haben eine sehr extreme Meinung und nennen Frauen, die abtreiben, ‚Mörderinnen‘.

In der ‚Pro Choice‘-Bewegung geht es darum, dass Frauen über ihren Körper selbst entscheiden sollen. Ich hatte die Entscheidung für mich abgewogen. Entschieden, dass ich das Kind nicht bekommen will, weil es für mich nicht der richtige Zeitpunkt war. Es hat vieles nicht gepasst. Ich habe mich nicht bereit gefühlt, für ein Kind zu sorgen, der Vater wollte mich nicht unterstützen. Für mich war es in dieser Situation einfach richtig, die Schwangerschaft abzubrechen.

Ich frage mich: Was ist das für ein Land ist, in dem eine Frau nicht über ihren eigenen Körper entscheiden darf? Jede Frau sollte das tun können. Alles andere ist in meinen Augen rückständig. Eine Reformierung des Gesetzes ist einfach zeitgemäß. In einem modernen Irland sollten Schwangerschaftsabbrüche legal sein. Und zwar nicht nur dann, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist. Dass die gleichgeschlechtliche Ehe in Irland per Referendum erlaubt wurde, war ein Schritt in dieselbe Richtung. Irland ist ein modernes Land. 

Es ist aber auch ein katholisches Land, die ältere Generation ist zumindest sehr religiös und in den Kirchen wird gesagt, Abtreibung sei Mord. In meinen Augen ist das Thema Schwangerschaftsabbrüche auch ein Generationenkonflikt. Wir leben heute in einer anderen Zeit. Darum sind auch viele meiner Freunde für die Legalisierung. Das merkt man auch an der Uni. Ich kenne kaum jemanden in meinem Alter, der das anders sieht. Bei Veranstaltungen der ‚Pro Choice‘-Bewegung merke ich immer wieder, wie viele Frauen davon betroffen sind.“

Abigail Malone, 24 Jahre, aus Dublin

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Fotos: Privat / Collage: jetzt.de

Abigail will, dass Schwangerschaftsabbrüche nur dann erlaubt sind, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist. So wie bisher:

„Ich bin stark dafür, dass die Iren beim Referendum mit Nein stimmen. Ich war schon immer gegen Abtreibung, weil ich für das Recht auf Leben bin. Seit ich weiß, dass es das Referendum geben wird, bin ich auch aktiv und setze mich gegen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ein.

Das Referendum ist für mich als Irin ein großes Thema. Wenn die Mehrheit für Ja stimmt, würde es für Irland sehr viel ändern. Etwas an unserer Kultur. Wir sind ein Land, das auch dem ungeborenen Leben Rechte zugesteht. Und das soll auch so bleiben. In meinen Augen hat das nicht unbedingt etwas mit Religion zu tun. Ich selbst bin zwar religiös, aber man muss nicht gläubig sein, um als Ire gegen die Gesetzesänderung zu stimmen.

Ich finde, man kann das Thema auch als ein säkulares behandeln. Meiner Meinung nach geht es hier um Menschenrechte. Das „Eighth Amendment“, also der 1983 eingeführte Paragraf, der Mutter und Ungeborenem in Irland das gleiche Recht auf Leben zuschreibt, ist der einzige Weg, die Rechte eines ungeborenen Kindes zu wahren. Das Recht auf Leben ist fundamental.

Mit Rückständigkeit hat das für mich nichts zu tun. In der postmodernen Zeit, in der wir leben, müssen wir alle Menschen akzeptieren. Schwangerschaftsabbrüche laufen dem aber entgegen. Sie diskriminieren und richten sich zum Beispiel gegen Menschen mit Behinderungen. Das Gesetz, so wie es bislang ist, passt in meinen Augen also sehr wohl in unsere Zeit. Das Referendum von 2015, in dem es um die gleichgeschlechtliche Ehe ging, wird mit dem jetzigen oft verglichen. Aber in meinen Augen ist das etwas anderes. Dabei drehte es sich darum, Homosexuellen Rechte zuzugestehen. Jetzt aber geht es darum, ungeborenen Kindern ihre Rechte abzuerkennen. 

Ich weiß nicht, ob es irgendeine Situation gibt, in der es gerechtfertigt wäre, einem ungeborenen Leben ein Ende zu setzen. Es sei denn, das Leben der Mutter ist in Gefahr. Natürlich gibt es Frauen, die durch ihre Schwangerschaft in eine schwierige Situation gebracht werden. Ich selbst kenne auch eine Frau, die abgetrieben hat, weil sie keinen anderen Weg sah – aber das ist doch schlimm! Schwangere Frauen dürfen nicht allein gelassen werden. Sie müssen auf anderem Wege unterstützt werden, finanziell, psychologisch, medizinisch. Und nicht dadurch, dass ihnen erlaubt wird, das Kind abzutreiben.

Die Menschen haben sehr unterschiedliche Meinungen zu dem Thema. Du findest überall Gegner und Befürworter, auch unter den Jüngeren. Viele von meinen Freunden stimmen auch für Nein und sind in der ‚Pro Life‘-Bewegung aktiv. Ich kenne aber auch einige, die für Ja stimmen. Es ist mir wichtig, junge und alte Menschen über das Thema zu informieren, denn es betrifft uns alle.“

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