Ricarda Lang ist die Chefin der Grünen Jugend.

Ricarda Lang ist die Chefin der Grünen Jugend.

Foto: Erik Marquardt

Ricarda Lang ist 24 und Bundessprecherin der Grünen Jugend. Nachdem sie Ende vergangener Woche in einem Interview forderte, Klimaflüchtlinge sollten EU-Bürger werden, bekam sie Hassmails und massive Drohungen. Die Junge Union München-Nord postete auf Facebook, Ricarda solle auf eine Insel geschickt werden, sie selbst berichtet in einem Facebook-Post von heftigsten Beleidigungen und Morddrohungen: „Mir wurde hunderte Male der Tod gewünscht, oft mit einer genauen Beschreibung, wie er aussehen soll.“ Im jetzt-Interview spricht Ricarda über ihre „Klimapass“-Idee und erklärt, wie sie gegen rechte Trolle vorgeht.

jetzt: Du hast dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) zwei Fragen zu Klimawandel und Flüchtlingspolitik beantwortet – und wurdest Opfer eines massiven Shitstorms bis hin zu Morddrohungen. Hättest du gedacht, dass ein so kurzes Interview so krasse Reaktionen auslöst?

Ricarda Lang: Nein, auf gar keinen Fall. Mein Beitrag war vor allem als Impuls gedacht. Wir reden beim Thema Migration und Flucht immer nur über Abschottung und viel zu wenig über Fluchtursachen wie den Klimawandel. Dabei sind dessen Folgen für viele Menschen heute schon knallharte Realität. Deshalb freue ich mich natürlich erst mal, dass das Thema jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt. Aber dass es zum bisher schlimmsten Shitstorm gegen mich werden würde, damit hätte ich nie gerechnet. 

Inselbewohner sind vom Klimawandel und dem ansteigenden Meeresspiegel besonders bedroht.

Inselbewohner sind vom Klimawandel und dem ansteigenden Meeresspiegel besonders bedroht.

Fotos: Pablo García Saldaña, Laurenz-Kleinheider/unsplash; Collage: jetzt

Dabei hast du schon einige davon erlebt.

Vor Kurzem erst gab es heftige Beleidigungen, weil ich mich gegen Bodyshaming ausgesprochen habe. Dass es diesmal so eskaliert ist, erschreckt mich, aber ist letztlich auch logisch. Da kommen drei Dinge zusammen: eine junge, linke Frau, die selbstbewusst ihre Meinung vertritt. Dann natürlich das Thema Migration. Und schließlich unser aller Verantwortlichkeit für den Klimawandel, auch das hören Rechte gar nicht gern. Diese Mischung hat offenbar nicht nur Leute wütend gemacht. Es hat sie veranlasst, dem Hass freien Lauf zu lassen. Das waren keine frustrierten Einzelpersonen, die da auf mich losgegangen sind. Das waren gezielte, organisierte Angriffe, die mich und andere linke Politiker davon abhalten sollen, ihre politische Meinung zu vertreten. 

„Wir müssen ohne Hass und Hetze reden können“

In dem RND-Interview forderst du einen „Klimapass“ für Bewohner pazifischer Inselstaaten, deren Heimat akut vom Klimawandel bedroht ist, weil diese Inseln durch den steigenden Meeresspiegel womöglich bald untergehen. Was ist damit gemeint?

Meine Idee ist diese: Staaten aus der EU bieten Menschen von pazifischen Inselstaaten, die akut vom Verschwinden bedroht sind oder in absehbarer Zeit unbewohnbar werden, die Staatsbürgerschaft an. Es geht also darum, diesen Menschen dauerhafte Migration zu ermöglichen, nicht vorübergehendes Asyl, wie mich einige Zeitungen fälschlicherweise zitiert haben. 

Das geht doch aber in der EU nicht so einfach – direkt die Staatsbürgerschaft bekommen, ohne vorher Asyl beantragt zu haben?Die konkrete Ausgestaltung wollen wir in nächster Zeit auch mit Input aus der Wissenschaft angehen. Ich wollte kein vollkommen fertiges Konzept vorstellen, sondern vor allem eine Diskussion über den Zusammenhang von Klimawandel und Flucht und die Situation der Inselstaaten anstoßen und einen Vorschlag machen, wie wir die Menschen dort schützen können. Wenn es Alternativen zu meiner Idee gibt, die ein ähnliches Ziel verfolgen, dann bin ich dafür offen und freue mich über eine Debatte. Mir kommt es darauf an, dass wir darüber ohne Hass und Hetze reden können. 

„Gerade die EU-Staaten als Mitverantwortliche für den Klimawandel müssen dauerhafte Perspektiven bieten“

Warum hast du nicht stattdessen eine Änderung des Asylrechts gefordert? In Neuseeland zum Beispiel wird die Möglichkeit diskutiert, Flüchtlingen aus dem pazifischen Inselstaat Tuvalu Asyl wegen akuter Bedrohung durch den Klimawandel Asyl zu gewähren.

Hinter dem Asylrecht steht der Gedanke, dass Menschen Schutz erhalten, solange eine akute Bedrohungssituation besteht. Aber diese Inseln werden durch die Erderwärmung tatsächlich verschwinden oder zumindest vollkommen unbewohnbar werden. Selbst, wenn wir in naher Zukunft so gegen die Klimakatastrophe kämpfen, wie wir schon längst hätten tun sollen, verlieren diese Menschen für immer ihr Zuhause. Deswegen muss man ihnen auch dauerhafte Perspektiven bieten – und zwar nicht irgendjemand, sondern gerade die EU-Staaten als Mitverantwortliche für den Klimawandel. 

Trotzdem: Würde es nicht eine Zweiklassengesellschaft von Geflüchteten schaffen, wenn den einen die Staatsbürgerschaft angeboten wird und Kriegsflüchtlinge aus Syrien weiterhin Asyl beantragen müssen?

Der Klimapass widerspricht ja nicht der Forderung, auch für Menschen aus Syrien den Übergang von Asyl zu Einbürgerung in Deutschland zu erleichtern. Das halte ich für sehr wichtig, da einfach nicht zu erwarten ist, dass dort in den nächsten Jahren Frieden herrschen wird. Aber man sollte verschiedene Gruppen von Schutzbedürftigen nicht gegeneinander ausspielen.

„Gerade linke Frauen werden von rechten Trollen systematisch mundtot gemacht“

Du hast in einem längeren Facebook-Post geschrieben, dass du bei diesem Shitstorm zum ersten Mal Angst hattest, Facebook zu öffnen. Was macht man in so einer Situation?

Man macht's trotzdem (lacht). Alles eine Frage der Überwindung. Ich versuche, nicht alle Kommentare zu lesen, aber das ist schwer, wenn man so direkt als Person angesprochen wird. Mir hilft es dann, mit Freunden darüber zu reden. Aber auch öffentlich, wie eben in dem Post. Ich bin da ja auch kein Einzelfall. Gerade Frauen, die eher links sind und eine klare Meinung vertreten, werden von rechten Trollen systematisch mundtot gemacht. Wir sollen Angst haben, solche Forderungen überhaupt aufzustellen, damit die Rechten den Diskurs dominieren können. Das wollte ich thematisieren. Es ist wichtig, dass wir die Strategie hinter dem Handeln der Rechten verstehen, um sie wirksam zu bekämpfen. 

Wie wehrst du dich gegen die Trolle? Antworten oder anzeigen?

Wenn jemand schreibt, du bist doch total blöd, dann ärgert mich das, aber ich zeige es nicht an. Morddrohungen und ähnliche Hassmails aber werde ich konsequent verfolgen, damit die Leute auch mal merken, dass ihr Handeln Folgen hat. Jetzt muss ich mir erst mal Hilfe dabei holen, die ganzen Hassmails und Kommentaren überhaupt zu sichten. Umgekehrt gab es viele, die mir ihre Solidarität ausgesprochen haben, das hat gut getan. Gerade, wenn es von Leuten kommt, die eher konservativ sind und ganz andere Positionen vertreten als ich, wie beispielsweise Ria Schröder von den Jungen Liberalen. Dieser Hass ist ein Angriff auf die Demokratie – da ist es die Aufgabe aller Demokraten, auch über inhaltliche Differenzen hinweg, sich ihm entgegen zu stellen.

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