„Deutsch und Schwarz, das ist kein Widerspruch“

RosaMag ist das einzige deutsche Magazin für Schwarze Frauen. Wir haben mit der Gründerin gesprochen.
Interview von Sophie Aschenbrenner
interview rosamag ciani sophia hoeder cover

Foto: RosaMag

Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch weiße Polizisten, seit den weltweiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt, wird in Deutschland auch wieder darüber diskutiert, wie sichtbar Schwarze Menschen und People of Color eigentlich in den Medien sind. In den Talkshows sprachen in der vergangenen Woche vor allem Weiße, und auch viele Redaktionen dürften festgestellt haben, dass in ihren Häusern vor allem weiße Journalist*innen arbeiten.

Ciani-Sophia Hoeder will das ändern. Sie ist 30 Jahre alt, wurde in Berlin geboren, hat in Berlin und London Journalismus und Kommunikation studiert und danach unter anderem in einer NGO und in einer PR-Agentur gearbeitet. Ihre Mutter ist weiße Deutsche, ihr Vater Afroamerikaner. Vor anderthalb Jahren gründete sie RosaMag – das erste deutsche Magazin von Schwarzen Frauen für Schwarze Frauen. Wir haben mit ihr über die Proteste nach dem Mord an George Floyd gesprochen, über den Umgang damit in den sozialen Medien und darüber, wieso Magazine wie RosaMag so wichtig sind.

jetzt: Wie geht es dir, wie hast du die vergangenen Tage erlebt?

Ciani-Sophia Hoeder: Ich bin ziemlich müde. Es ist ein emotionaler Prozess, immer wieder die Bilder, Videosequenzen und die Ausschreitungen, aber auch die Bagatellisierungen zu sehen. Gleichzeitig erhalten viele Schwarze Menschen, die journalistisch oder medial arbeiten, Anfragen, in denen viel über ihre persönlichen Rassismuserfahrungen erfragt wird. Es fühlt sich so an, als würde es nicht reichen, dass Menschen sterben und es sogar gefilmt wird. Nein, stattdessen wird von mir argumentativ verlangt, dass ich Traumata immer wieder rezipiere, um an das Mitgefühl zu appellieren. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Menschen, die davon betroffen sind, sollten nicht stetig ihre Wunden zeigen müssen, damit dieses Problem ernst genommen wird. Das zeigt erneut, wie die Machtverhältnisse aussehen. Was sagt das über uns als Gesellschaft aus, dass der gefilmte Tod von George Floyd nicht ausreicht? 

„Wir müssen mit dieser kurzen Empörung aufhören und das Problem an der Wurzel packen“

Wie empfindest du die Debatten, vor allem auf Social Media?

Ich muss gestehen, dass ich mich da ziemlich herausnehmen musste. Doch als ich am Dienstag meinen Instagram Feed durchscrollte und all die schwarzen Quadrate entdeckte, hatte ich Gänsehaut. Ich beschäftige mich tagtäglich mit Rassismus, doch an diesem Tag taten es alle. Das löst Rassismus nicht. Es gibt ihm aber mehr Sichtbarkeit. Ich hoffe, dass es, wie Barack Obama es bezeichnet: Ein ehrliches „Erwachen“ gibt. Dafür müssen wir den institutionellen Rassismus sehen, im Bildungswesen – überall. Wir müssen mit dieser kurzen Empörung aufhören und das Problem an der Wurzel packen. 

Es wird massiv kritisiert, dass in den Talkshows in dieser Woche anfangs nur weiße Menschen zu Wort kamen. Was sagst du dazu? 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Politikredaktion gar nicht auf die Idee kommt, Schwarze Expert*innen einzuladen und dies dann notgedrungen aufgrund eines Shitstorms tut. Das sagt einiges über die deutsche Gesellschaft aus. Es ist eigentlich eine Tradition im Journalismus, dass über Existenzen oder Erfahrungen verhandelt wird, ohne die Traumata oder realen Erlebnisse von Schwarzen Menschen zu integrieren. Damit hat entfernt auch der N-Wort-Entschluss zu tun: Die gerichtliche Feststellung, dass das N-Wort nicht per se rassistisch gemeint ist. Es sei vom Kontext abhängig, lautete das Urteil. Mir wurde mehrmals das N-Wort entgegengeschleudert. Und es war niemals, nicht ein einziges Mal nett gemeint. Mit diesem Urteil wird die Verwendung dieses jahrhundertealten, traditionell-rassistischen Begriffes normalisiert. Eine Talkshow, in der es kein*en Expert*in gibt, der oder die das Wissen in der Debatte integriert, führt zur Reproduktion von Rassismen. Genau das sind die Faktoren, die Rassismus nicht an der Wurzel anpacken.

Wieso gibt es RosaMag? 

Ganz ehrlich: Es gibt drei Magazine über Weihnachtsbäume, aber keines nur für Schwarze Frauen. Das wollte ich ändern. Denn wir Schwarzen Frauen sind sonst in den Medien nicht unbedingt überrepräsentiert, wie ich ja gerade schon gesagt habe. Wir machen jetzt das Magazin, das wir uns früher gewünscht haben.

Was sind das für Themen, die ihr abdeckt und die woanders nicht stattfinden? 

Das ist ganz unterschiedlich. Das sind auch Beauty-Themen, zum Beispiel Haare. Das ist ein riesiges Thema für Schwarze Frauen. Ich zum Beispiel habe mir länger als 17 Jahre lang die Haare chemisch geglättet, weil ich das schön fand. Um mich herum waren nur Frauen mit glatten Haaren. Ich habe mich angepasst. Über die Folgen habe ich nicht nachgedacht, ich hatte keine Ahnung, dass das für meine Haare richtig schlecht ist. Afro-Haare brauchen viel Feuchtigkeit, viele Öle, man kann mit ihnen nicht auf einem Baumwollkissen schlafen. Ich wusste das alles früher nicht, und ich hatte auch keine Möglichkeit, das zu lernen. Ich bin in Deutschland ohne eine Schwarze Community aufgewachsen, und das ist schwer.

Du hast schon anklingen lassen, dass glatte Haare für dich Anpassung waren. Inwieweit sind Afro-Haare auch ein Politikum? 

Haare sind so emotionsgeladen und politisch in der Schwarzen Community. Wenn ich sie glätte, passe ich mich an, wenn ich sie offen trage, wollen ständig alle meine Haare anfassen. Doch gleichzeitig handelt es sich nicht immer um kanalisierten Rassismus, wenn ich meine Haare glatt trage. Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Das ist super komplex. Es hilft so sehr, wenn man Frauen sieht, die ihren Afro natürlich tragen. Schaut man sich aber zum Beispiel Beyoncé an oder Michelle Obama, dann kriegt man schnell das Gefühl: Um als Schwarze Frau erfolgreich zu sein, muss man glatte Haare haben. In Deutschland kommt noch dazu, dass die afrodeutsche Bewegung sehr jung ist, im Vergleich zu den USA und Großbritannien. In den Tutorials auf Youtube finde ich dann eben nur Produkte aus den USA. Aber: Deutsch und Schwarz, das ist kein Widerspruch. 

„Schwarze Menschen finden in den anderen Medien nicht statt“

Wer ist eure Zielgruppe? 

Schwarze Frauen zwischen 25 und 45 sind diejenigen, die uns am meisten lesen. Themen wie Identität, Gerechtigkeit oder Feminismus sind ihnen sehr wichtig. Sie haben Lust, Schwarzsein zu zelebrieren. Aber uns lesen auch Menschen, die nicht Schwarz sind. Wir sprechen auch jüngere und ältere Menschen an. Es geht um Themen wie: Wie gehe ich mit Rassismus um? Was sind Mikroaggressionen? Diese Themen haben kein Alter und kein Haltbarkeitsdatum. Die sind immer wichtig und immer interessant. Viele Themen kommen auch über die Community, zum Beispiel über Instagram. 

Wie viele Menschen seid ihr in der Redaktion? 

Ich bin alleine gestartet, im Januar 2019. Mittlerweile sind wie neunzehn Frauen, verteilt in ganz Deutschland, in Göttingen, Hamburg, Berlin, Stuttgart und Frankfurt. Wir organisieren uns über Chatgruppen und Videocalls. 

Was wollt ihr durch RosaMag verändern? 

Ich will Schwarze Frauen sichtbarer machen und so Vorbilder schaffen. Ich bin in den 90er und 2000er Jahren in Berlin aufgewachsen. Schwarzsein, das war von den USA geprägt, zum Beispiel vom Hip Hop. Da schwingen auch viele Stereotype mit. Ich dachte früher immer, denen müsse ich entsprechen. Wir machen sehr viele Interviews mit Frauen, die keinen Stereotypen entsprechen. Schwarze Menschen finden in den anderen Medien nicht statt.

Wir verdient ihr Geld? 

Wir finanzieren uns quer. Unsere Inhalte sind frei verfügbar. Man kann uns über Steady Geld spenden, außerdem geben wir auch Workshops und arbeiten nebenher frei als Journalistinnen. 

Wie kam es zu dem Namen eure Magazins?

Das klingt jetzt sehr pathetisch, aber wir haben uns an Rosa Parks orientiert. Wir wollen eine Welle schlagen wie Rosa Parks in den USA. Wir finden die Geste des ruhigen Widerstands schön und wollen auch einen Prozess anregen. Schwarze Menschen müssen präsenter werden. Unser Ziel ist es, dass es uns irgendwann nicht mehr braucht. Noch ist das aber nicht so. Wir sind ein sehr wichtiger Safe Space für Schwarze Menschen.

Anmerkung der Redaktion: Wir werden in der kommenden Woche eine Kooperation mit RosaMag starten, das bedeutet, dass wir Texte des Magazins gegen Entgelt auf unserer Seite publizieren. Dieses Interview ist unabhängig von dieser Kooperation entstanden.

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