Sächsischer Flüchtlingsrat sagt Sommerfest in Chemnitz ab

Auch ein deutsch-türkischer Fußballverein überlegt, zum Auswärtsspiel in Chemnitz nicht anzutreten.

Nach den Ausschreitungen durch Rechtsextreme am Sonntag und Montag in Chemnitz, sorgt sich der Sächsische Flüchtlingsrat um die Sicherheit von Mitarbeitern, Unterstützern und Geflüchteten in der Stadt.

Foto: Jens Meyer / AP

Die Bilder der Krawalle in Chemnitz sind schockierend. Rechtsradikale, Hooligans und Teile der bürgerlichen Mitte marschierten am Montag durch die Innenstadt, hetzten gegen Geflüchtete und Ausländer und zündeten Pyrotechnik. Gegendemonstranten und Polizei waren deutlich in der Unterzahl.

Jetzt hat der Sächsische Flüchtlingsrat auf die unsichere Lage reagiert und ein für Samstag geplantes Sommerfest in Chemnitz abgesagt.

Am gleichen Tag planen die Rechten erneut eine Kundgebung, die AfD, allen voran Björn Höcke, will einen „Trauermarsch“ veranstalten.

„Das Sommerfest hätte wahrscheinlich ungestört stattfinden können“, erklärte Mark Gärtner vom Sächsischen Flüchtlingsrat im Gespräch mit jetzt. „Aber was bringt uns ein solches Fest, wenn dann die Leute auf ihrem Nachhauseweg das Ziel von Attacken werden?“

In einem Statement erklärte der Verein, die Absage sei „keine Kapitulation vor dem rechten Mob“, aber der Freistaat Sachsen habe das Gewaltmonopol fahrlässig an Neonazis abgegeben. Das habe bei den Schutzsuchenden und bei der Belegschaft tiefe Spuren hinterlassen.

Der Verein hat auch Büros in Chemnitz. Bei den Mitarbeitern herrsche zur Zeit „eine starke Verunsicherung und Angst“, erzählt Gärtner. Der Montag habe bei allen einen Schock ausgelöst.

Die Mitarbeiter des Sächsischen Flüchtlingsrats, die sich seit 1991 für Geflüchtete und menschwürdige Unterbringungen in Sachsen einsetzen, sind nicht die einzigen, die Sorge haben, sich in Chemnitz aufzuhalten beziehungsweise öffentlich zu zeigen. Der deutsch-türkische Fußballklub Berliner AK erwägt eine Absage des Regionalligaspiels gegen den Chemnitzer FC. „Sollte die Sicherheit unserer Spieler, Betreuer, Fans etc. nicht gewährleistet werden, ziehen wir in Erwägung, nicht anzutreten“, schrieb Vereinspräsident Mehmet Ali Han in einer offiziellen Erklärung.

Die Partie findet am 15. September statt, bis dahin sollen der DFB und der regionale Fußballverband ein überzeugendes Sicherheitskonzept vorlegen.

Die Sorgen des Berliner AK sind berechtigt. Fans des Chemnitzer FC hatten sich an den Krawallen in der Innenstadt beteiligt. Der Verein hat seit Jahren Probleme mit rechten, gewaltbereiten Fans. Die Ultra-Gruppierung „Kaotic Chemnitz“ hat in einem Facebook-Post unter dem Schlachtruf „Unsere Stadt – Unsere Regeln“ die Chemnitzer dazu aufgerufen, sich zu versammeln und zu zeigen „wer in dieser Stadt das Sagen hat“. Der Post wurde inzwischen wieder gelöscht. 

Der Verein selbst hingegen, chronisch pleite und sportlich in der Bedeutungslosigkeit versunken, verurteilt die Aufmärsche, die seit Tagen die Republik beschäftigen. Der Insolvenzverwalter Klaus Simon findet es „unfassbar, dass es in dieser Anzahl Menschen gibt, die einer menschenverachtenden Ideologie nachhängen“. Ob die Chemnitzer den Berliner AK aber überzeugen können, zum Auswärtsspiel in ihrer Stadt anzutreten, hängt wohl vor allem davon ab, ob sie auch die Sicherheit der Gäste garantieren können.

Die chaotischen Zustände in Chemnitz könnten der Stadt und dem Bundesland nachhaltig schaden. Der Präsident der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer, Hans-Joachim Wunderlich, warnte bereits, die Übergriffe der Rechten würden dem Wirtschaftsstandort Sachsen schaden, weil es dadurch schwieriger wird, Fachkräfte zu gewinnen. „Das Image ist doch schon lange nicht mehr gut“, sagt Mark Gärtner vom Flüchtlingsrat. Die Ereignisse in Chemnitz seien nur ein trauriges Beispiel von vielen. „Es gab Bautzen, Heidenau, Freital und Clausnitz.“ All diese Städte in Sachsen sind Synonyme für Ausschreitungen gegen Flüchtlinge. „Wir machen uns Sorgen um die Situation von Geflüchteten, von Leuten, die sich gegen Rechts stellen, und von Migranten“, sagt Gärtner.

Immerhin helfen die Solidaritätsbekundungen aus dem Rest der Republik etwas. Für kommenden Montag ist ein kostenloses Konzert für Weltoffenheit und Toleranz geplant, unter anderem mit Marteria, K.I.Z., den Toten Hosen und Casper. Der Comiczeichner „Krieg und Freitag“ hat zu einer Spendenaktion für den Sächsischen Flüchtlingsrat aufgerufen. Für jede gespendeten fünf Euro zeichnet er ein weiteres Männchen in einer Strichmännchenkette. Nach drei Tagen sind so bereits mehr als 10.000 Euro zusammengekommen. Gärtner freut sich darüber: „Das ist die Art von Unterstützung, die wir hier brauchen.“

csö

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