„Für manche von uns hängt die Zukunft von dieser Note ab“

War das Mathe-Abitur in diesem Jahr wirklich zu schwer? Vier Schüler erzählen, wie sie die Sache sehen.
Protokolle von Nele Spandick

Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Bundesländern haben Online-Petitionen gestartet, in denen sie die Mathe-Abitur-Prüfungen kritisieren. Ihre Forderungen reichen von einer erneuten Überprüfung der Klausur bis zu einer Wiederholung der Prüfung. Damit haben sie einen Nerv getroffen. Lehrerverbände, Bildungspolitiker und die Schüler selbst diskutieren bundesweit über die Prüfungen. Vier von ihnen haben uns erzählt, wie sie die Aufgaben fanden und welche Konsequenzen sie daraus gezogen haben.

Karl Könecke, 17, Abiturient der Oberschule Rockwinkel in Bremen

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

„Eigentlich bin ich sehr gut in Mathe. Ich war immer Kursbester und hatte bisher in allen Zeugnissen 15 Punkte. Aber in der Abiturprüfung waren die Aufgaben zu kompliziert. Ich bin mit der Zeit nicht ausgekommen und konnte die Lösungen auch nicht so ausführlich notieren, wie ich es im Unterricht gelernt hatte. Deswegen haben wir in Bremen die Petition gestartet, für die ich als Hauptinitiator ausgewählt wurde. Das lief über eine Whatsapp-Gruppe, in der viele meiner Freunde und Mitschüler drin sind. Schon sehr gute Schüler wie ich hatten trotz ordentlicher Vorbereitung Probleme. Da kann sich jeder vorstellen, wie es meinen Mitschülern ging, die mehr Schwierigkeiten mit Mathe haben. Unseren Lehrern mache ich gar keinen Vorwurf, die haben uns gut vorbereitet. Die Klausuren der vergangenen Jahre konnten wir lösen. Aber scheinbar wurde das Niveau angehoben, ohne vorher darüber mit den Lehrern zu sprechen. Es ist okay, dass man den Anspruch beim Abitur erhöhen möchte, aber dann muss vorher auch der Unterricht verbessert werden. Manche Kritiker behaupten nun, wir hätten einfach besser lernen müssen. Das kommt oft von denen, die schon vor Jahren Abitur gemacht haben und gar nicht richtig einschätzen können, wie schwer das mittlerweile ist. Wir hoffen nun, dass die Punktevergabe dem Anforderungsniveau angepasst wird oder uns eine andere gerechte Lösung vorgeschlagen wird. Für manche von uns hängt schließlich die Zukunft von dieser Note ab. Klar haben einige kritisiert, dass wir jetzt nur eine Petition starten, weil es gerade Trend ist. Aber es ist dennoch eines der wenigen demokratischen Mittel, mit denen man Gehör findet und sich wehren kann.“

Laura Ulm, 17, Abiturientin des Ehrenbürg-Gymnasiums Forchheim, Bayern

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

„Klar ist, dass die Prüfung nicht geschenkt war. Aber es ist eben auch das Abitur und das ist nun mal anspruchsvoll. Deswegen verstehe ich die Petitionen nicht wirklich. Es gibt immer Aufgaben, die nur sehr gute Schüler hinbekommen. Auch ich musste bei einigen Aufgaben knobeln und habe wahrscheinlich nicht alles richtig gemacht. Aber es gab auch genügend Aufgaben, die man mit guter Vorbereitung sicher lösen konnte. Und ich finde im vergangenen Jahr gab es einige, die sogar schwieriger waren als in diesem Jahr. Vor allem im Geometrie-Teil, der besonders in der Kritik steht. Ich habe mir die Aufgaben, die im Internet kursieren, nochmal angesehen und mir kommen sie immer noch fair vor. Die Mitschüler, mit denen ich geredet habe, sehen das auch so. Und auch meine Lehrer verstehen die Aufregung nicht. Schon vor der Klausur haben sie uns erzählt, dass es ihnen leicht fiel, sich auf Aufgaben aus den Bereichen Analysis, Stochastik und Geometrie zu einigen. Theoretisch kann es natürlich sein, dass die Lehrer meiner Schule uns einfach besonders gut vorbereitet haben, aber ich gehe davon aus, dass an jeder Schule alte Abituraufgaben geübt werden. So konnte man die meisten Aufgaben gut lösen.“

Leo Knauff, 18, Abiturient des Johann-Rist-Gymnasium in Wedel, Schleswig-Holstein

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

„Als ich aus der Klausur rauskam, wurde mir klar, dass sehr viele meiner Mitschüler große Probleme mit den Aufgaben hatten. Wir waren alle erst mal ziemlich frustriert. Als ich dann gehört habe, dass es in Bayern und Niedersachsen Petitionen gegen die schweren Mathe-Abi-Prüfungen gibt, fand ich das eine sehr gute Idee und habe auch eine Petition für Schleswig-Holstein gestartet. Bis gestern Nachmittag haben wir schon rund 1000 Unterschriften gesammelt. Natürlich gab es auch Mitschüler, die die Aufgaben nicht zu schwer fanden und jetzt sagen, dass wir uns nicht so anstellen sollen. Aber sogar einige Lehrer unterstützen uns bei der Beschwerde. Das Problem ist, dass es zwar ein zentrales Abitur geben soll, aber den Lehrern eine Schwerpunktsetzung möglich ist. Somit ist nicht jeder in der gleichen Tiefe auf die einzelnen Themengebiete vorbereitet. Wir haben diese Petition auch für die Jahrgänge nach uns gestartet. Ich finde die Politik ist hier in der Verantwortung, dass die Inhalte des zentralen Abiturs besser kommuniziert werden, gerade mit den Lehrern. Die müssen ja wissen, welche Schwerpunkte dafür wichtig sind. Wir wollen die Klausur auf keinen Fall ein zweites Mal schreiben – wie soll das zeitlich alles funktionieren? Schon Anfang Juni müssen wir entscheiden, ob wir uns mündlich verbessern wollen. Bis dahin kann keine neue Prüfung erstellt, geschrieben und dann noch korrigiert werden. Und ehrlicherweise kann ich auch ganz gut darauf verzichten, noch einmal in dieser Stresssituation zu sein. Wir fordern, dass der Notenschlüssel angepasst wird.“

Daniel Schwarz, 18, Abiturient der Clay-Oberschule in Berlin

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

„Wir haben gemeinsam als Leistungskurs die Petition gestartet, weil wir die Mathe-Prüfung viel schwieriger fanden als die der vergangenen Jahre. Während Schüler 2018 270 Minuten für die Klausur hatten, hatten wir nun 300 Minuten. Das klingt zwar erstmal gut, aber 75 Minuten davon waren ein Teil ohne Hilfsmittel, der in diesem Jahr das erste Mal stattfand. Die anderen Aufgaben sind dabei kaum weniger geworden. Also hatten wir viel zu wenig Zeit. Außerdem hat sich ohne Ankündigung die Aufgabenstruktur zum vorherigen Jahr geändert und wir konnten dadurch weniger ausschließen. Wir wollen erreichen, dass die Klausur noch mal überprüft wird und wir sie mit angemessenen Aufgaben wiederholen. So könnten wir zeigen, was wir gelernt haben. Schließlich haben wir uns sehr intensiv vorbereitet. Wir können uns auch eine Ausgleich bezogen auf die Punkte vorstellen. Die Prüfungen der vergangenen Jahre und auch spezielle Aufgaben, mit denen wir den hilfsmittelfreien Teil geübt haben, konnten wir lösen. Es gibt noch eine weitere Petition in Berlin, gemeinsam haben wir über 2000 Unterschriften. Das zeigt uns, dass nicht unser Leistungskurs schlecht vorbereitet war, sondern es ein größeres Problem in ganz Berlin-Brandenburg gibt.“