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Illustration: Katharina Bitzl

Lillys Stimme zittert, wenn sie erzählt, wie stark sie sich zeitweise eingeschränkt hat: Nichts, was Geld kostete, konnte sie sich erlauben. Die Freunde wollen ins Kino? Viel zu teuer. Ein Falafel-Sandwich und ein Ayran für drei Euro? Zu Hause ist noch trockener Toast im Regal. Die Jacke ist kaputt? Wenn sie die Ärmel umschlägt, sieht man die Löcher nicht.

Sie war ja froh, dass sie überhaupt noch für ihre Freunde auf dem Telefon erreichbar war. Weil sie die 20 Euro für den Handyvertrag im Monat gerade so aufbringen konnte. „Ich habe überhaupt nicht mehr am sozialen Leben teilgenommen“, sagt sie heute. 29 ist Lilly jetzt. Und während Gleichaltrige Partys gefeiert haben oder auf Spontantrips nach Warschau oder Porto fuhren, hat sie ihre kompletten Mittzwanziger völlig asketisch gelebt. Alles wegen der Schulden. Sie muss zwei Minuten aussetzen, um weiter sprechen zu können.

10.000 Euro waren es mal, der größte Batzen davon ist ihr Bildungskredit für ein Designstudium an einer privaten Akademie. Mit Anfang 20 hat sie das angefangen, nach einer handwerklichen Ausbildung. Die Studiengebühren sind so hoch wie ihre monatliche Miete. Das schafft sie nicht mal mit Nebenjobs, merkt sie nach einem Jahr. Sie erwägt, abzubrechen, auch weil sie von der Qualität der Ausbildung der Akademie enttäuscht ist. Aber ohne Abschluss will sie eigentlich auch nicht da stehen. Was also tun?

Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist der Anteil der unter 30-Jährigen mit Schulden zwar deutlich gesunken, vor allem die extremen Fälle gehen zurück. Laut Schuldneratlas liegt die Schuldnerquote bei jungen Menschen trotzdem über dem Bundesdurchschnitt. Explizite Statistiken zur Überschuldung wegen Studienfinanzierung gibt es nicht. In den Aufzeichnungen der Schuldnerhilfen fällt das unter die Rubrik „Ratenkredite bei Banken“. Etwas mehr als zehn Prozent der beratenen Personen unter 25 haben solche Schulden bei der Bank. Und es ist zwar nicht die Regel, aber die Rückzahlung der Studienkredite ist immer wieder Thema, berichtet Franziska Matschke von der Schuldnerhilfe Köln e.V.: „Das Bittere daran ist, dass man schon so hoch überschuldet ist, bevor man überhaupt begonnen hat, eigenes Einkommen zu verdienen.“

Lilly entscheidet sich fürs Weiterstudieren, auch weil die Eltern ihr ins Gewissen reden: „Ein Abbruch macht keinen guten Eindruck“, warnt die Mutter. Also nimmt Lilly einen Studienkredit auf, um die verbleibenden zwei Jahre zu bezahlen. Kurz darauf stirbt ihre Mutter überraschend. Da ist Lilly 24.

„Trennung, Scheidung, Tod“ heißt die dazu passende Rubrik in der Welt der Schuldnerstatistiken. Solche Schicksalsschläge sind der dritthäufigste Auslöser für Überschuldung. Häufiger noch sind Arbeitslosigkeit und Erkrankungen. Beides ereilt Lilly ebenfalls. Denn während sie das Studium irgendwie durchprügelt, sterben zwei weitere enge Freunde. „Immer, wenn ich mich gerade halbwegs damit abgefunden hatte, dass ein mir nahestehender Mensch tot ist und nicht wiederkommt, ging der nächste“, sagt sie.

Lilly bekommt schwere Depressionen und traut sich nicht mehr aus dem Haus. Es ist fast ein Automatismus bei Menschen, die überschuldet sind: 80 Prozent werden krank. Wie soll Lilly arbeiten, wenn sie das Gefühl hat, in der Welt da draußen ohnehin zu versagen? Und von dieser Welt alle 15 Monate einen Schlag verpasst zu bekommen? Trotz Hartz IV versucht sie  weiter, die Schulden so schnell wie möglich zu tilgen. Und spart sich eisern monatlich 150 Euro oder mehr vom Mund ab. „Ich hatte das Gefühl, ich muss so viel wie möglich machen, um die Schulden loszuwerden.“ Erst nach einer langen Therapie lernt Lilly, dass es ihre Gesundheit noch zusätzlich verschlechtert, wenn sie sich unter ihr Existenzminimum spart. Eine Aussage, die auch Franziska Matschke bei der Schuldnerhilfe Köln bestätigt: „Jemand, der am Existenzminimum lebt, der kann und sollte auch vorerst keine Schulden abbezahlen.“ Lilly hat dennoch Glück, denn sie ist noch „weich“ überschuldet. So nennt der Schuldneratlas vor allem die Fälle, in denen die Schulden noch nicht vor Gericht gelandet sind. Das liegt aber auch daran, dass sie sich konsequent um jede Forderung kümmert und Stundungen oder kleinere Raten aushandelt. 8.500 Euro stehen noch aus, die kleineren Rechnungen, die sie zeitweise nicht zahlen konnte, hat Lilly überwiegend abgestottert, wann immer sie ein paar Euro übrig hatte.

Anders geht das Sebastian, 30. Er beginnt gerade erst seinen Schuldenberg abzutragen. Und wird einem gerichtlichen Verfahren nicht mehr entgehen können. „Ich wollte es erst lange nicht wahrhaben”, sagt er. Seine Schuldnerkarriere ist die klassische unter jungen Leuten. „Unwirtschaftliche Haushaltsführung“ nennt der Schuldneratlas das etwas hölzern. Und auch dieser Auslöser für Überschuldung ist einer der „Big Five“. Bei jungen Menschen hat er im Vergleich zum vergangenen Jahr wieder zugenommen. Oft beginnt es mit dem Handyvertrag. Der neue bringt ja das bessere Telefon mit sich. Ist doch egal, ob der andere noch läuft. Zwei Drittel aller jungen Schuldner haben offene Rechnungen bei Telefonanbietern. Auch die Bank macht es Sebastian einfach, Geld auszugeben, das er gar nicht hat. Auf dem neu eröffneten Konto gewährt sie einen Dispokredit von 400 Euro, obwohl er damals mit 18 nur 200 Euro Ausbildungsvergütung bekommt. Das ist nicht viel, aber mit dem Dispo geht gleich eine ganze Menge mehr. Mehr Disko, mehr Bier, mehr Klamotten. Und während sich Sebastian in die Schulden wurschtelt, indem er neue Löcher reißt, um andere zu stopfen, verpasst er auch noch, das Erbe der Oma auszuschlagen. Sechs Wochen hätte er dafür gehabt. Sein leiblicher Vater, den Sebastian nur „Erzeuger“ nennt, ist schlauer, enthält ihm aber vor, dass die Konten der Oma alle überzogen sind. Und so erbt Sebastian weitere 25.000 Euro Schulden. Wie viele es mittlerweile insgesamt sind, weiß er nicht: „30.000? Vielleicht 35.000?“, schätzt er.

Gerade bereitet er sich auf die gerichtliche Lösung vor.

„Das ist das letzte Mittel“, sagt Franziska Matschke von der Schuldnerhilfe. Sebastian aber fühlt sich erleichtert nach den Jahren des Runterwirtschaftens. Weil endlich eine Ende absehbar ist. „Man kann nicht wie ein normaler Mensch leben mit Schulden“, sagt er.„Die Schulden sind immer im Hinterkopf. Man traut sich nicht mehr Briefe zu öffnen. Und wenn man eine Freundin sucht, kann man ja schlecht beim Kennenlernen sagen ‚Du zahlst!‘ Das wirkt irgendwie nicht erwachsen.“

Schuldnerberatungen können umso mehr erreichen, je früher sich verschuldete Menschen melden

Die Geschichten hinter den jungen Menschen im Minus sind immer individuelle. Aber alle berichten, dass sie sich eben genau so fühlen: wie Minusmenschen. Die sich für ihre Misere schämen.

Franziska Matschke vermutet, dass auch deswegen viele Menschen erst Hilfe suchen, wenn die Probleme schon extrem sind. In den meisten Fällen könnten Schuldnerberatungen umso mehr erreichen, je früher sich verschuldete Menschen melden, sagt sie. Wichtig sei nur, dass die Beratung nicht aus kommerziellen Interessen erfolge, sondern bei gemeinnützigen Einrichtungen. Mit Angeboten wie einer anonymen Telefonhotline versucht die Schuldnerhilfe die Hemmschwelle zu senken. Denn es gibt viele Möglichkeiten zwischen überzogenem Dispo und der letzten Ausfahrt Verbraucherinsolvenz.

Selbst kurz davor gibt es noch Möglichkeiten, die Insolvenz zu verhindern. Bei einer Insolvenz würden nach sechs Jahren alle nicht abgetragenen Schulden erlassen. Sebastian hat gerade Arbeit, deswegen hat er seinen etwa 20 Gläubigern ein Angebot gemacht: Bevor sie vielleicht nur einen Bruchteil bekommen, zahlt er 150 Euro monatlich für die nächsten fünf Jahre. Und trägt damit rund ein Viertel seiner Schulden ab. „Dann kann ich mich endlich erwachsen fühlen“, sagt er.

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