„Für meine Mitschüler war das ,N-Wort‘ eine Beleidigung wie Dummkopf“

Schwarze Frauen erzählen, wie es war, mit Rassismus in Kinderbüchern aufzuwachsen.
Von Tycho Schildbach

Illustration: Julia Schubert

Sandra Bilson kann sich heute noch gut an die Reaktion ihres Vaters erinnern, als er vor vielen Jahren erfuhr, dass sie im Schulunterricht das „N-Wort“ gelesen hatte. „Was bringen die dir denn in der Schule bei? Solche Begriffe haben dort nichts zu suchen“, erwiderte er empört.

Meine Eltern haben dagegen nie kritische Fragen zu rassistischen Begriffen in meinen Kinderbüchern gestellt. Dabei hätten die aufkommen sollen und müssen. Das allerdings merkte ich erst, als ich vor Kurzem mit meiner Mutter in einem alten Karton aus dem Keller kramte. Darin waren Bücher meiner 90er-Jahre-Kindheit gesammelt. Der Blick hinein löste bei mir Scham und Entsetzen aus. Der geliebte Kinderatlas, Planungsgrundlage für dutzende imaginäre Weltreisen, bezeichnet die Bewohner Afrikas als „Hottentotten“. Nach weiterem Stöbern hielt ich sogar die Geschichte von den „Zehn kleinen Negerlein“ in den Händen. Ich blieb deshalb entsetzt mit einer Frage zurück: Wie hätte es sich wohl angefühlt, mit diesen Bücher aufzuwachsen, wäre ich ein Schwarzes Kind gewesen?

„Immer wenn das ‚N-Wort‘ vorgelesen wurde, schauten mich meine Mitschüler komisch an“

Sandra Bilson weiß das genau. Die Eltern der 22-jährigen Studentin kommen aus dem westafrikanischen Ghana. In der Schule las sie das „N-Wort“ zum ersten Mal im Buch „Die kleine Hexe“. „Ich wusste nur: Das ist ein schlimmes Wort“, erzählt Sandra. Die historische Bedeutung des Wortes kannte sie noch nicht. Auf wen sich das Wort bezog, das spürte Sandra aber schon damals ganz genau. „Immer wenn das ‚N-Wort‘ vorgelesen wurde, schauten mich meine Mitschüler komisch an.“ Schon als Grundschülerin konfrontierte sie ihre Lehrerin. „Sie meinte, es sei wichtig für das Allgemeinwissen, diese Texte zu lesen. Das war ihr einziges Argument“, erzählt Sandra.

Die Erziehungswissenschaftlerin Katja Kinder unterstützt mit der RAA Berlin („Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie“) diskriminierungskritische Projekte in Schulen und dem Schulumfeld. Sie nennt das mangelnde Interesse für diskriminierende Sprache – wie das der Lehrerin – „Empathiegefälle“. „Ich glaube, die meisten Leute verstehen, woher diese Wörter kommen. Sie wurden ja installiert, um Menschen zu dehumanisieren“, sagt Katja Kinder. „Wer wirklich interessiert wäre, hätte ja auch hören können, wie sich die Leute selbst bezeichnen. Schwarze haben nämlich nie das ‚N-Wort‘ benutzt.“

Nach meinem Fund im Keller muss ich mir eingestehen: Auch meine Eltern überließen die Überwindung diskriminierender Sprache wohl eher den Betroffenen, anstatt selbst einzugreifen. „Emphathiegefälle“ im eigenen Kinderzimmer.

„Mehr als einmal musste ich sagen: ,Leute das sagt man nicht mehr!‘“

Safiyah Galvani besuchte mit mir die gleiche Oberschulklasse. Die Mutter der heute 28-jährigen Tänzerin ist gebürtige Deutsche, ihr Vater kommt von der Karibikinsel Guadeloupe. Safiyah las das „N-Wort“ nicht nur in Kinderbüchern. Während unserer Schulzeit sei der Begriff öfter im Freundeskreis gefallen. Ich kann mich nicht erinnern, dabei gewesen zu sein. Oder war es mir damals egal und ich überhörte es?

Es sei im Spaß gefallen, nie mit böser Absicht, sagt Safiyah. Und doch blieb es ein Wort der Ausgrenzung. Nur Safiyah störte es, keinen der Freunde. „Mehr als einmal musste ich sagen: ,Leute das sagt man nicht mehr!‘“, erinnert sie sich.

Auf Sandras Schulhof ging es dagegen über unbedachtes Rumgealber hinaus. In mehreren Streitsituationen beleidigten sie Mitschüler mit dem „N-Wort“. Sandra spricht lauter, als sie mir davon erzählt. Manchmal stockt sie kurz, fährt dann fort. Die Vorfälle sitzen offenbar bis heute tief. Sandra ärgert sich heute weniger über die Schüler, sondern vor allem über die Verlage und Lehrer: „Das ‚N-Wort‘ kam oft in Büchern vor, deshalb nahmen die Schüler es in ihren Wortschatz auf. Solche Wörter in der Schullektüre geben quasi eine Mobbing-Vorlage.“

„Das kann man Zensur nennen. Aber Geschichten wurden schon immer überarbeitet“

Die Kindheit von Franka Thiesen verlief anders als die von Sandra und Safiyah. Denn das „N-Wort“ verblieb auf dem gedruckten Papier. Ein reines Sprachrelikt. Frankas Vater kommt aus Tansania, die Mutter ist gebürtige Deutsche. Die heute 29-jährige Franka kann sich nicht erinnern, den Begriff als Kind gehört zu haben. Die Bedeutung und die Herkunft des „N-Worts“ blieben ihr damals noch unklar.

Können Kinder den historischen Kontext des „N-Worts“ verstehen? Diese Frage war Teil der letzten großen Debatte, die die angekündigte Neuauflage des Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ Anfang 2013 auslöste. Kinder müssten lernen, dass Sprache einem steten Wandel unterliege, wandte zum Beispiel ARD-Literaturkritiker Denis Scheck ein und sprach von einer „auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“. Der Protest von Scheck und vielen anderen blieb erfolglos. Die Neufassungen von „Die kleinen Hexe“ erschienen trotzdem.

„Wenn du einer Sechsjährigen ‚Die kleine Hexe‘ vorliest, wie willst du die denn mit dem historischen Kontext konfrontieren?“, sagt Safiyah. „Ein Kind möchte einfach eine schöne Geschichte hören.“ Auch Sandra sagt, man könnte nicht zu viel von Kindern und Jugendlichen erwarten. Sie hat daher auch Verständnis für die Schulhof-Mobber von damals: „Sie wussten nicht, was sie da sagten. Für meine Mitschüler war das ‚N-Wort‘ eine Beleidigung wie ‚Dummkopf‘.“

Für die drei Schwarzen Frauen ist klar: Das „N-Wort“ soll in Kinderbüchern nicht mehr gedruckt werden. Auf meine Frage, ob sie sich damit nicht für eine Zensur ausspreche, entgegnet Franka: „Das kann man Zensur nennen. Aber Geschichten wurden schon immer überarbeitet und das ist auch in Ordnung so. Denn Sprache verändert sich.“

Auch inhaltlicher Rassismus ist ein Problem

Doch Sprachanpassungen allein lösen nicht alle Probleme. Denn auch die Inhalte von Kinderbüchern sind oft rassistisch. Die rebellische Querdenkerin Pippi Langstrumpf begeisterte mich an den Sonntagvormittagen meiner Kindheit. Erst heute – zwanzig Jahre später – sehe ich plötzlich Neokolonialismus, wo vorher nur Fernsehunterhaltung war: Pippi Langstrumpfs Weißer Vater herrscht als König über das Schwarze Taka-Tuka-Volk, seit er nach einem Sturm auf deren Insel gespült wurde.

Franka möchte Astrid Lindgrens Geschichte trotzdem auch ihren Kindern später ganz bewusst vorlesen: „Sie ist ein starkes Mädchen, das alleine in einem Haus wohnt und nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht.“ Safiyah will hingegen nicht darüber hinwegsehen, dass ein Schwarzes Volk einen fremden Weißen Mann im Buch wie selbstverständlich auf den Thron setzt. Sie fragt nach der Absicht dahinter: „Muss man das so schreiben? Das ist eine Darstellung, bei der die Schwarzen total auf einen Weißen angewiesen sind.“ In Zukunft möchte sie ihren eigenen Kinder andere Geschichten aussuchen.

Ist braune Haut normal? Derlei Zweifel wollten Frankas Eltern gar nicht erst aufkommen lassen. Deutsche Kinderbücher zeigten der Heranwachsenden aber nur Weiße Kinder. Um mehr Vielfalt zu schaffen, besorgten sie kurzerhand Bilderbücher aus Tansania, dem Geburtsland des Vaters.

Sandra, Safiyah und Franka wünschen sich andere Bücher als die ihrer und meiner Kindheit. Mehr Hautfarben. Mehr Vielfalt. Mehr Inklusivität. Und auch ich wünsche mir das. Denn nur dann könnten sich endlich alle Kinder mit den Figuren der Geschichten identifizieren. Und nur dann müssten sich meine eigenen Kinder vielleicht nicht schämen, wenn sie alte Kisten voller Kinderbücher in ihrem Keller finden.

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