Warum ist immer der Onkel der Rassist?

Keiner muss so oft als Beispiel herhalten wie er – und das verharmlost die Rassismus-Debatte.
Von Nadja Schlüter

„Bei der Familienfeier schimpft dein Onkel auf ,die Ausländer‘...“: So fangen viele Texte an, die Tipps geben, wie man solche Aussagen kontert.

Illustration: Julia Schubert

Wenn man sich online ein bisschen umschaut, kriegt man das Gefühl, dass Onkel echt fiese Typen sind. Der Onkel hebt die „guten Taten“ der Nazis hervor, regt sich auf der Familienfeier über „kriminelle Ausländer“ auf, wettert über „Sozialschmarotzer“, stänkert gegen Flüchtlinge und der Großonkel kloppt beim Weihnachtsessen rassistische Sprüche.

Die genannten Beispiele stammen aus Texten, in denen erklärt wird, wie man auf rassistische Aussagen am besten reagiert. Und der Beispiel-Mensch, der diese Aussagen trifft, ist immer ein Onkel (oder Großonkel). Manchmal wird er noch ergänzt um einen Cousin oder eine Kollegin, die Mitbewohnerin oder den Chef. Aber die sind in den Modell-Situationen längst nicht so häufig vertreten wie er. Im Englischen ist er sogar noch fester verankert: Der „racist uncle“ ist in den USA ein stehender Begriff. Er ist ein Tropus, wie Rhetoriker sagen würden, eine semantische Figur, und steht für all die Rassisten, die einem im näheren Umfeld so begegnen.

Aber warum ausgerechnet der Onkel? Was an diesem Bruder der Mutter oder Bruder des Vaters oder irgendwie mit der Familie verwandten Mann, den man schon immer ,Onkel‘ nennen musste, macht ihn so passend für solche Beispiele?

Er ist ein Mensch außerhalb der eigenen Meinungsblase, mit dem man zwangsweise konfrontiert wird

Vielleicht ist es hilfreich, die Frage erstmal per Facebook an die „Betroffenen“ weiterzugeben – also die Onkel im eigenen Bekanntenkreis. Einer antwortet, die traditionelle Arbeitsteilung auf der Familienfeier sei „Gastgeberin serviert, Kinder toben rum, Frauen besänftigen die Kinder, Männer betrinken sich und reden“. Und wer Zeit hat zu reden (noch dazu betrunken), der haut dann auch eher die Stammtischparolen raus. Dazu passen auch die Antworten von zwei Frauen auf die Facebook-Umfrage: Es gibt ja erst seit 100 Jahren „Tantenwahlrecht“ und der gesellschaftliche und politische Diskurs wurde jahrhundertelang von Männern geprägt. Das Patriarchat ist also schuld (wie immer eigentlich) und der Onkel eine Unterkategorie des Feindbilds „alter, weißer Mann“. Darum heißt er, wenn er in den Beispielen einen Namen hat, auch immer „Onkel Albert“ oder „Onkel Hans“ und niemals „Onkel Giovanni“ oder „Onkel Hassan“.

Für den Onkel als Beispiel spricht auch, dass er oft ein Mensch außerhalb der eigenen Meinungsblase ist, mit dem man hin und wieder zwangsweise konfrontiert wird, während Mitbewohnerinnen oder Kollegen häufig Teil dieser Blase sind. Und neben all diesen gefühlten Fakten könnte man ja auch noch eine Statistik bemühen: Fast zwei Drittel der AfD-Wähler bei der Bundestagswahl 2017 waren männlich und am erfolgreichsten war die Partei bei den 35- bis 59-Jährigen. Perfektes Onkelmaterial also, das anscheinend besonders anfällig für rechtspopulistisches Gedankengut ist.

Das alles erklärt, warum Frauen oder Mitbewohner selten als Beispiel herhalten müssen. Bleibt die Frage: Warum werden der Opa und der Papa, die auch in der Männerrunde der Familienfeier sitzen und ebenfalls oft in die Kategorien „außerhalb der eigenen Meinungsblase“, „alter, weißer Mann“ und „potenzielle AfD-Kernwählerschaft“ passen, so viel seltener als Beispiel genannt?

Zum einen vielleicht, weil es ein bestimmtes Onkel-Klischee gibt, das viel unangenehmer ist als alle Opa- oder Papa-Klischees. Der Onkel gilt oft als das irgendwie dysfunktionale Mitglied der Familie: Ein kinderloser Junggeselle ohne Job oder mit Job, den er hasst, oder bereits im Ruhestand, der zu viel Zeit hat und sich dumme Theorien ausdenkt, wer an all dem schuld ist (oder anderen glaubt, die sie sich ausgedacht haben).

Der Onkel verkörpert die perfekte Mischung aus Nähe und Distanz

Zum anderen verkörpert der Onkel die perfekte Mischung aus Nähe und Distanz, die es für die konstruierten „So konterst du rechtspopulistische Parolen“-Beispiele braucht: Ein Onkel ist einem oft nah genug, um ihm zuhören zu müssen oder den Versuch starten zu wollen, mit ihm zu diskutieren. Gleichzeitig ist er einem nicht so nah, dass man es ihm aus Liebe durchgehen lässt, wenn er sich schlecht benimmt. Und auch nicht nah genug, als dass es einem tief drinnen sehr wehtun würde, wenn er zum Idioten mutiert. Vater oder Opa würden weniger gut funktionieren, weil die meisten Menschen zu ihnen ein engeres Verhältnis haben als zum Onkel. Wenn Papa auf Ausländer schimpft, hängen da eine Menge Emotionen und damit noch ganz andere Probleme dran als nur die Frage, ob man jetzt wirklich darüber diskutieren möchte. Der Onkel hingegen ist schablonenhaft und austauschbar: Ein Beispiel mit ihm als Protagonisten macht direkt klar, dass es nicht darum gehen soll, wie man seine Familie trotz Differenzen zusammenhält, sondern nur darum, wie man rhetorisch am besten auf fragwürdige Aussagen reagiert. Es geht ums Gespräch, nicht ums Gefühl.

Sollten wir also weiterhin die Onkel-Schablone für unsere „Was man gegen Rassisten tun kann“-Texte hernehmen, solange sich echte Onkel nicht angegriffen fühlen? Weil es nunmal die beste Schablone ist, die wir haben? Nicht unbedingt. Sandra Newman zum Beispiel sieht das anders. Die US-Autorin veröffentlichte im November 2018 einen Artikel in der Washington Post, der sich ebenfalls mit dem Tropus des „racist uncle“ beschäftigt. Genau zur rechten Zeit, denn zwischen Thanksgiving und Weihnachten tauchen auch in den US-Medien seit Jahren zahlreiche Leitfäden auf, wie man mit dem rassistischen Onkel am Esstisch am besten umgeht. Und Newman hält die Fokussierung auf dieses Onkel-Klischee für gefährlich. Sie schreibt: „In der fröhlichen Rassistischer-Onkel-Welt haben Fanatiker in den Sechzigern aufgehört sich zu vermehren und überleben nur noch in Form des kinderlosen, mittelalten Mannes, der zu den Feiertagen die Geschwister besucht.“

Rassismus ist viel weiter verbreitet als nur unter mittelalten Männern

Das heißt: So praktisch das Onkel-Beispiel auch ist, am Ende verharmlost es das Problem. Es übertüncht die Tatsache, dass Rassismus viel weiter verbreitet ist als nur unter mittelalten Männern (auch wenn die überdurschnittlich oft AfD wählen). Das gilt für die USA, für die Newman Statistiken anführt (Frauen sind kaum weniger rassistisch als Männer und Millennials kaum weniger als ihre Eltern), und sicher auch für Europa und Deutschland. Viele Menschen, schreibt Newman, müssten beim Heimatbesuch feststellen, dass ihnen jene, die ihnen am nächsten stehen, fremd geworden sind. Die Spaltung der Gesellschaft verläuft manchmal eben genau zwischen Eltern und Kindern, Schwestern und Brüdern oder langjährigen Schulfreunden. Das kann sehr weh tun. Trotzdem im Gespräch zu bleiben bedeutet dann harte Arbeit, viel härtere als die Diskussion mit irgendeinem dahergelaufenen Onkel. Damit müssen wir alle rechnen und darauf sollten wir vorbereitet sein.

Wir sollten das Onkel-Beispiel also nicht über-bemühen, sonst banalisieren wir das Problem. Und dann besteht die Gefahr, dass wir vergessen, worum es bei all den guten Gesprächsleitfäden letztlich geht: Darum, dass die Rechtspopulisten mittlerweile nicht mehr nur als angetrunkene, nervige, aber an sich nicht ernstzunehmende und harmlose Onkel neben uns am Esstisch sitzen, sondern unter anderem auch im Bundestag, im Europaparlament und im Weißen Haus.