„Wir sind immer eingeloggt“

Diese Frauen müssen alle Kommentare auf der Facebook-Seite vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lesen.
Interview von Josa Mania-Schlegel

Theresa, Stefanie und Parissa (v.l.) sind das Social-Media-Team des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Unser Autor hat sie auf der re:publica in Berlin getroffen.

Foto: BAMF

jetzt: Wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Nachricht bekommt, dann seid ihr diejenigen, die antworten. Wenden sich auch Menschen mit Ängsten an euch?

  • Parissa: Ja, das passiert. Da erhalten wir Fragen wie: „Neben der Schule meines Kindes ist jetzt ein Flüchtlingsheim. Ich weiß nichts über die Personen die dort untergebracht werden,  ich habe Angst.“ Ich versuche dann das Thema zu versachlichen und frage auch einmal nach den Gründen für die Angst.

Theresa: Ergänzend bieten wir diesen Leuten an, einen Kontakt zu Einrichtungen mit Geflüchteten zu vermitteln.

  • Stefanie: Mit allgemeinen Informationen können wir meist gut weiterhelfen oder wenn wir die zuständigen Ansprechpartner nennen. Viele Fragen entstehen erst aufgrund der bürokratischen Abläufe in Deutschland, da hilft dann die richtige Anlaufstelle schon weiter

Wie leicht geht so eine allgemeine Antwort von der Hand, wenn zum Beispiel einer seine Familie sucht?

  • Parissa: Einfach ist das nicht. Manche Leute sind an einem Punkt, an dem sie nicht weiter wissen. Solche Geschichten nehmen mich auch mit. Wir können über Facebook den Personen nicht direkt helfen, aber wir nennen ihnen die richtigen Anlaufstellen. Viele wissen ja nicht, welche Behörden es gibt? Wer ist für was zuständig? 
  • Theresa: Beratung ist nicht unsere eigentliche Aufgabe. Wir vermitteln in diesen Fällen Informationen, damit die Leute selbst an ihr Ziel finden. Zum Beispiel mit der App „Ankommen“. Da werden die wichtigsten Fragen, die sich Geflüchtete in den ersten Wochen in Deutschland stellen, beantwortet: Wo finde ich eine Wohnung? Wie finde ich einen Hausarzt?
  • Denkt ihr auch nach Feierabend noch an die privaten Geschichten?

Theresa: Klar, gerade wenn es emotional war. Wir reden untereinander viel darüber. Wir haben eine eigene WhatsApp-Gruppe, da tauschen wir uns aus. 

  • Parissa: Aber ich glaube, das ist ja in anderen Berufen auch so. Man kann nicht immer einfach abschalten.  

Neben den Schicksalsgeschichten bekommt ihr auch Hassnachrichten, bis zu Morddrohungen. Wie seht ihr die Menschen hinter der Hate Speech?

  • Theresa: Ich frage mich, was die Menschen dazu bewegt. Aber persönlich nehmen dürfen wir das nicht. Außerdem: „In your Face“ trauen sich die wenigsten solche Aussagen.

 

  • Stefanie: In unserer Kampagne #BAMFzeigtGesicht, in der wir Kollegen und Kolleginnen mit Bild und Namen vorstellen, finden sich viele positive Kommentare. Wir möchten dem BAMF ein Gesicht geben und hoffen, dass die Hemmschwelle in Bezug auf Hasskommentare dadurch etwas höher wird. Viele Nutzer finden das aber bislang gut. Auch unsere Posts, die Geflüchte vorstellen, sei es im Integrationskurs oder in einem Projekt kommen gut an.

 

Parissa: Zum Tag der offenen Tür der Bundesregierung, wo wir uns Fragen der Bürger stellen, kommt auch niemand und beschimpft uns in einer Art und Weise, wie man sie im Netz findet. 

 

„Nicht jeder ist in der Lage oder will sich gewählt ausdrücken“

 

Wer sind diese Hass-Kommentatoren dann?

  • Stefanie: Es gibt einige Nutzer mit Fake-Profilen, die kommentieren jeden Post. Ein Teil dieser User ist eigentlich gar nicht am Austausch interessiert, die schreiben beispielsweise immer wieder Parolen wie: „Alle abschieben!“ Wir antworten aber generell auf jede Fragestellung, ob als Kommentar oder Nachricht, auch wenn die Fragen sich natürlich auch wiederholen, das bleibt nicht aus.

 

  • Theresa: Wir weisen auch darauf hin, warum wir manche Positionen problematisch finden und versuchen die „üblichen Pseudoargumente“ zu entkräften. Für uns ist das auch eine gute Gelegenheit, über Sachverhalte zu informieren. Selbst wenn es vielleicht nicht bei dem „Einen“ ankommt, dann lesen das noch andere.

 

Wenn da einer immer wieder in die Kommentarspalte kommt, zum Provozieren, nervt das irgendwann?

  • Theresa: Manchmal, aber das ist Meinungsfreiheit. Und man muss festhalten: Nicht jeder ist in der Lage oder will sich gewählt ausdrücken. Wir fragen uns immer: „Hat die Person, die uns hier schreibt, eine sachliche Frage? Können wir mit unseren Informationen ein Missverständnis ausräumen?“ Bei unflätigen Beiträgen fordern wir auch auf, es doch noch einmal freundlich zu versuchen. Dann können wir Kritik ausräumen oder eben auch nicht.

 

Verliert ihr dann mal den Mut?

  • Stefanie: Mut nicht, Lust manchmal schon. Das kommt vor. Es gibt Tage da sage ich: „Oh Mann, schon wieder dieses Thema.“ Wiederholte Kommentare bleiben nicht aus, aber wir reagieren dann auch mal humorvoll, so kommt wieder Leben auf die Seite. 

 

  • Theresa: Dieser niemals endende Austausch ist aber eben unsere Identität. Bei uns auf der Seite treffen sich ja viele Filterbubbles, die sich sonst nie begegnet wären: Geflüchtete und Deutsche, Ehrenamtliche und Pediga-Anhänger. In manche Filterblasen dringen kaum Informationen von außen vor. Die Leute dort denken irgendwann, sie wären in der Überzahl. Das merkt man auch an ihrer Sprache, wenn sie schreiben: "Keiner will, dass…" oder "Alle wissen, dass…". Auf unserer Seite gibt es auch Antworten von Andersdenkenden.

 

Wie macht man sich davon frei?

  • Parissa: Humor hilft, um die ernste Stimmung für einen Moment zu lösen. Man bekommt mit der Zeit auch eine dicke Haut.

 

  • Stefanie: Wenn man sich immer wieder bewusst macht, dass das nur ein Ausschnitt ist, dann geht es schon. Andererseits hinterfragen wir uns immer wieder selbst. Wenn bestimmte Themen in der öffentlichen Debatte relevanter werden, wie neulich die Arbeit der Beratungsstelle Radikalisierung, dann greifen wir das auf. 

 

Guckt ihr auch nachts auf die Seite?

  • Parissa: Nachts nicht. Aber sonst: Eigentlich non-stop. Wir sind immer auf unseren Handys eingeloggt. Wir arbeiten natürlich auch an Wochenenden. Wenn ich auf Facebook sehe, dass das BAMF eine Nachricht bekommt, dann will ich die lesen. Dahinter steckt ja auch eine gewisse Leidenschaft für diese Arbeit. 

 

  • Stefanie: Grundsätzlich teilen wir uns die Zeiten in Schichten auf. Wenn ich frei habe, mache ich auch die Push-Benachrichtigung aus. Aber eigentlich haben wir immer einen Blick drauf. Es kommt vor, dass ich mich abends noch mal hinsetze und Antworten schreibe. Das ist auch in Ordnung: Wer hat heute noch einen 9-to-5-Job. 

 

  • Parissa: Phasenweise kommen Themen auf, die sehr viel Aufmerksamkeit erregen, dann werden wir vermehrt angeschrieben. Mir macht das Antworten aber ehrlich gesagt Spaß. Sonst würde der Beruf nicht gehen. 

 

Habt ihr eine Meinung zur Geflüchteten-Thematik?

  • Theresa: Wir haben eine Haltung. Wir treten aktiv ein, gegen Fremdenhass und Rassismus. Und wir sind überzeugt, dass Integration gelingen kann. Mit dieser Haltung verfassen wir auch unsere Posts. Was Meinung ist, das kann auf unserer Seite gern diskutiert werden - aber im rechtsstaatlichen Rahmen. 
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