„Bernie ist ein Rockstar, ein Rebell“

Wie junge US-Amerikaner*innen nach dem Super Tuesday die Kandidat*innen der Demokraten und die Ergebnisse einschätzen.
Protokolle von Philipp Hinz

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Wer soll diesen Herbst gegen Donald Trump antreten? Darüber stimmen die Demokraten in den monatelangen heiß umkämpften Vorwahlen ab. Im Spitzenfeld lagen bisher:  

  • der 78-jährige demokratische Sozialist Bernie Sanders
  • der 77-jährige Joe Biden, der als Vizepräsident bereits in der Regierung von Obama eine wichtige Rolle spielte
  • der 78-jährige Milliardär, Medienmongul und ehemalige Bürgermeister von New York Michael Bloomberg 
  • die 70-jährige Havard-Professorin und Juristin Elizabeth Warren  

Nach einzelnen Wahlen in vier Bundesstaaten in den vergangenen Wochen hatte sich keiner der vier Kandidat*innen deutlich abgesetzt. Am vergangenen Dienstag – dem sogenannten Super Tuesday – wurde nun in 14 Bundesstaaten gleichzeitig abgestimmt, Bernie Sanders und Joe Biden haben dabei mit großem Abstand die meisten Stimmen bekommen und werden mit großer Wahrscheinlichkeit das Rennen nun unter sich ausmachen. (Update: Inzwischen hat Michael Bloomberg das Rennen um die Kandidatur aufgegeben.)

Wir haben junge Demokrat*innen gefragt, wen sie in den Vorwahlen unterstützen und wie sie das Ergebnis aufgenommen haben:

„Die Leuten denken an Russland oder China, wenn sie das Wort ‚Sozialist‘ hören. Aber so ist es nicht“

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Scarlett, 28, ist Lehrerin an einer High School und in einem Vorort von Los Angeles aufgewachsen

„Viele machen sich Sorgen, dass die amerikanische Gesellschaft weiter auseinanderfällt, wenn einer von Linksaußen wie Bernie Sanders gegen einen von Rechtsaußen wie Donald Trump antritt. Aber wir sind schon längst entzweit. Ich glaube auch nicht, dass ein moderater Kandidat wie Joe Biden diese Brücke schlagen kann, wie er behauptet. Dafür müsste man quasi das ganze Zwei-Parteien-System abschaffen. Alte Menschen haben vielleicht Angst vor einem Sozialisten wie Sanders, aber denen muss man dann erklären, dass er auch nichts anderes machen will als unser ehemaliger Präsident Franklin D. Roosevelt: Bibliotheken, Schulen und Straßen bauen. Die Leuten denken an Russland oder China, wenn sie das Wort ‚Sozialist‘ hören. Aber so ist es nicht. Mein Freund und ich, wir laufen weiter von Haustür zu Haustür und klopfen die Leuten aus ihren Wohnungen, um sie davon zu überzeugen, dass Sanders der richtige Kandidat ist. Er ist der einzige Kandidat, der sich sein Leben lang für die Menschen- und Zivilrechte eingesetzte hat. Und zwar ohne einmal dabei umzufallen.“

„Bloomberg hat sich durch harte Arbeit aus der Mittelklasse zum Milliardär hochgearbeitet. Ich bewundere seine Arbeitsmoral“

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Francisco, 33, hat vier Jahre im Militär gedient, arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation und hat als Unabhängiger für Michael Bloomberg abgestimmt

„Als Kind philippinischer Einwanderer bin ich in einem sehr religiösen, konservativen Umfeld groß geworden. Nach 9/11 und dem Irakkrieg unter Busch haben meine Familie und ich uns aber den Demokraten zugewendet. Allerdings sind wir keine Fans von sozialistischen oder linken Ideen. Ich bin deshalb enttäuscht darüber, dass mein Wunschkandidat, der Milliardär und Medienmogul Michael Bloomberg, heute vom Feld weit abgefallen ist. Ich habe harte Entscheidungen in meinem Leben getroffen: Ich habe vier Jahre meines Lebens im Militär verbracht, damit ich keine Studiengebühren zahlen muss. Warum sollen alle anderen jetzt im Nachhinein ihre Gebühren erlassen bekommen, wie es Sanders und Warren wollen? Wenn der Staat alles zahlt, dann geht das Geld am Schluss an Leute, die schlechte Entscheidungen treffen, die zum Beispiel rauchen, weil sie wissen, dass die Gesundheitsversorgung umsonst ist.  Auch Bloomberg hat sich durch harte Arbeit aus der Mittelklasse zum Milliardär hochgearbeitet. Ich bewundere seine Arbeitsmoral. Wie er glaube ich daran, dass man auf seine eigene harte Arbeit und nicht auf den Staat setzen sollte, um in der Gesellschaft etwas zu erreichen. Ich sehe mich außerdem als Verfechter von Gesetz und Ordnung. Jeden Tag kommen Migranten illegal über die mexikanische Grenze. Ich finde es gut, dass Bloomberg weiter nach illegalen Migranten fahnden lassen will, dass er die Studiengebühren nicht komplett abschaffen und das Gesundheitssystem nicht komplett verstaatlichen will. Wenn Bloomberg nach seinem schlechten Abschneiden hinwirft, dann werde ich mich Biden zuwenden. Denn auch er ist unter den Demokraten ein gemäßigter und vertritt keine radikalen Ideen.“

„Ich will endlich etwas anderes an der Spitze unseres Landes sehen als Männer“

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Remy, 31, kommt aus Indiana, hat lange Zeit in Washington DC verbracht und arbeitet für Flüchtlingsorganisationen

„Ich bin ein riesiger Fan von Elizabeth Warren und extrem enttäuscht, dass sie so schlecht abgeschnitten hat. Ich will endlich etwas anderes an der Spitze unseres Landes sehen als Männer und sie ist die einzige Frau unter den Top-Kandidaten. Ich glaube, insgeheim haben die Menschen – auch die Demokraten – immer noch Angst davor, dass eine Frau Oberbefehlshaber der Armee werden könnte. Warren ist eine harte Nuss. In den Fernsehdebatten hat sie die anderen demokratischen Kandidaten furchtlos mit Fakten konfrontiert. Außerdem will sie Studenten mit hohen Krediten bis zu 50 000 Dollar Schulden erlassen. Ich bin selbst hoch verschuldet wegen meines Studiums, weit über der Grenze von 50 000.  

Außerdem hat sie ihr ganzes Leben gegen Korruption gekämpft. Und wir haben hier ein riesiges Problem damit und uns in den vergangenen Jahren viel zu sehr daran gewöhnt. Die großen Ölmongule bezahlen meiner Meinung nach Trump auf die ein oder andere Art und Weise und können dann bohren, wo sie wollen und das schnelle, einfache Geld machen. 

Ich bin kein Biden-Fan – er wäre so etwas wie ein Obama 2.0. Er wäre eine Wiederholung. Er nutzt seine Nähe zu Obama, um Stimmen von Minderheiten wie uns Afro-Amerikanern zu bekommen. Er ist alt und müde und sollte sich zur Ruhe setzen. Sanders andererseits ist zu extrem, er ist einfach immer gegen das System, ohne konkrete Pläne zu haben, wie es anders laufen könnte.“ 

„Bernie ist der einzige, der gegen Trump auch mal brüllt“

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Noelle, 25, hat gerade ein Bachelor-Studium abgeschlossen und unterstützt Bernie Sanders in den Vorwahlen

„Die Leute denken vielleicht, der Sozialist Bernie Sanders kann niemals von einer Mehrheit der Amerikaner gewählt werden. Aber das glaube ich nicht. Amerika ist extrem. Hier das Penthouse, davor die Obdachlosen in der Zeltstadt. Und Bernie ist der einzige, der gegen Trump auch mal brüllt. Er polarisiert und steckt die Leute an, so wie Trump, und genau das ist sein Chance. Bernie ist ein Rockstar, ein Rebell. Einige seiner Ideen klingen jetzt vielleicht extrem, aber wenn er der Kandidat der Demokraten wird, dann passt er die Botschaft an, sodass sie auch im mittleren Westen ankommt.

Besonders wichtig sind mir die Themen Gesundheit und Bildung. Ich meine, es gibt Zuckerkranke hier im Land, die können sich die Insulinspritzen nicht leisten. Aber Gesundheit und Bildung sind ein Menschenrecht.

Sanders hat nie seine Meinung geändert. Er wurde 1963 von zwei Polizisten auf einer Demonstration abgeführt, weil er sich für die gleichen Dinge einsetzte, für die er auch heute noch kämpft. Welcher andere Politiker hat das schon? Außerdem ist er unabhängig vom Geld großer Spender und hat nichts mit den politischen Familienclans zu tun wie den Clintons oder den Bushs, die unser Land fast wie eine Monarchie haben aussehen lassen. 

Auch wenn Bernie heute nicht ganz so stark aus dem Rennen ging wie gedacht: Wir wollen nur ihn. Er sollte bis zur letzten Sekunden kämpfen. Und selbst wenn er am Ende nicht unser Kandidat gegen Trump wird: In zehn Jahren gucken dann die Kinder in die Geschichtsbücher und sind von seiner Kampagne inspiriert.“

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