Was hältst du von einem verpflichtenden sozialen Jahr?

Das haben wir junge Menschen in München gefragt.
Protokolle von Nora Pauelsen

Zivildienst. Das klingt nach unmotivierten Jungs, die in einer Jugendherberge irgendwo in Schleswig-Holstein das Frühstück an Ü80-Gäste auf ihrer Chorreise austeilen. Nach Typen, die genervt alte Leute im Rollstuhl durchs Pflegeheim schieben. Und darauf warten, dass sie endlich das machen dürfen, was sie wirklich wollen. 

2011 wurde in Deutschland die Wehrpflicht und somit auch der verbindliche Zivildienst abgeschafft. Jeder konnte frei entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen will. 

Acht Jahre später kommt die Diskussion mal wieder auf, den Zivildienst neu einzuführen. Für beide Geschlechter. Dieses „Gesellschaftsjahr“ oder „Deutschlandjahr“, wie es Annegret Kramp-Karrenbauer nennt, wird gerade in der CDU diskutiert. Zuspruch findet es auch bei der SPD, unter anderem von Sigmar Gabriel auf Twitter. FDP-Chef Lindner hingegen bezeichnet das „Chancenjahr“ als Enteignung.

Aber was halten die wirklich Betroffenen von dem Vorschlag? Die jungen Leute? Wir haben nachgefragt.

Yannick, 21, Hotelfachmann: „Noch besser fände ich es, wenn man das Dienstjahr auch im Ausland machen könnte

Foto: Anna Caterina Helm

„Ich finde die Einführung von einem verpflichtenden sozialen Jahr nicht schlecht. Es ist okay, junge Leute dazu zu zwingen. Das finde ich moralisch vertretbar. Viele Menschen wissen noch gar nicht, was sie mit ihrem Leben nach der Schule anfangen sollen. Wieso sie dann nicht zu einem guten Zweck verpflichten? Wichtig wäre mir, sich den Bereich selber aussuchen zu können. Nicht jeder kann im Altersheim eingesetzt werden. Manche ekeln sich da vielleicht. Ich hätte mich für die Arbeit im Flüchtlingsheim oder Sportverein entschieden. Noch besser fände ich es, wenn man das Dienstjahr auch im Ausland machen könnte. Ich wäre gerne in Afrika bei einem Bauprojekt dabei gewesen.“

Laura, 23, studiert Berufliche Bildung in Bamberg: „Ich finde es besonders gut, dass jetzt auch Frauen in die Pflicht genommen werden

Foto: Anna Caterina Helm

„Wieso sollte das ein gestohlenes Jahr sein? Man gammelt ja nicht zu Hause herum. Ich habe ein Jahr im Kindergarten gearbeitet. Es ist nie verkehrt, etwas Soziales zu machen. Das hilft jungen Leuten selbstständig zu werden. Sich persönlich zu entwickeln. Auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. 

Dass es verpflichtend ist, finde ich voll okay. Die Schulpflicht passt ja auch nicht jedem. Ich finde es besonders gut, dass jetzt auch Frauen in die Pflicht genommen werden.“

Simon, 22, Hotelfachmann: „Ich kann nicht verantworten, dass meine Großeltern von unmotivierten, nicht ausgebildeten Leuten gepflegt werden“ 

Foto: Anna Caterina Helm

„Wenn wir mehr Arbeitskräfte im sozialen Bereich brauchen, müssen wir Anreize dafür schaffen. Durch mehr Werbung für soziale Berufe. Oder höhere Löhne. Stattdessen nicht ausgebildete Jugendliche zu zwingen, ein Jahr ihres Lebens zu opfern, finde ich falsch. 

Glaubst du wirklich, dass ein Teenager nach einem Jahr Arbeit in einem unterbesetzten Altersheim Lust hat, Pfleger zu werden? Das führt eher dazu, dass sich mehr Leute gegen die Arbeit in der Pflege entscheiden. 

Ich kann nicht verantworten, dass meine Großeltern von unmotivierten, nicht ausgebildeten Leuten gepflegt werden.“

Melina 22, studiert Management in sozialer Innovation: „Nicht jede Person ist für soziale Arbeit geeignet“

Foto: Anna Caterina Helm

„Jeder sollte selbst entscheiden können, wie er seine Zeit nach der Schule nutzt. Man darf doch niemanden zu etwas zwingen! Klar brauchen wir mehr Arbeitskräfte im sozialen Bereich. Wenn aber Menschen dazu gezwungen werden, leidet die Qualität.

Nicht jede Person ist für soziale Arbeit geeignet. Du merkst sofort, wenn Menschen keine Motivation haben. Darunter leiden dann auch die Personen, denen man helfen möchte.“

Sophia, 20, Hotelfachfrau: „Ich finde es super, wenn jeder junge Mensch mithilft“

Foto: Anna Caterina Helm

„Im sozialen Bereich wird immer Hilfe gesucht. Ich finde es super, wenn jeder junge Mensch mithilft. Bei einem verpflichtenden Dienstjahr sind alle gleichberechtigt. Nur, weil deine Eltern reich sind, wirst du davon nicht freigesprochen. Das finde ich gut. Ich habe selbst mal im Pflegeheim gearbeitet. Es hat Spaß gemacht, mit alten Leuten über ihre Vergangenheit zu reden. So eine Erfahrung tut sicher vielen gut.“

Anna, 25, studiert Elektrotechnik: Ich glaube nicht, dass jeder Lust darauf hat

Foto: Anna Caterina Helm

„Ich finde ein Jahr Pflichtdienst viel zu lange. Das kann ich mir nur für sechs Wochen vorstellen. Oder während der Schulzeit verteilt, immer mal wieder für eine Woche. Länger finde ich nicht in Ordnung. Klar, für Deutschland ist es besser, wenn die Leute hier sozial tätig werden. Aber ich glaube nicht, dass jeder Lust darauf hat. Ich studiere zum Beispiel Elektrotechnik und mag Programmieren. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Jahr im sozialen Bereich zu arbeiten.“

Berti, 27, Mitarbeiter der TU in Maschinenbau: „Fängst du früher an zu arbeiten, zahlst du insgesamt auch mehr Steuern

Foto: Anna Caterina Helm

„Man kann die Zeit sinnvoller nutzen als ein Jahr Zivildienst. Fängst du früher an zu arbeiten, zahlst du insgesamt auch mehr Steuern. So tust du etwas für die Gesellschaft. Ich glaube sogar, du tust weitaus mehr als in einem sozialen Jahr. 

Wenn jemand im Altenheim arbeitet, braucht der dafür Betreuung und Einweisung. Dafür benötigt man auch Personal. Wenn selbstständig gearbeitet werden kann, fände ich die Idee gut.“ 

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