Ist Facebook noch zu retten?

Oder wird es das nächste MySpace? Das haben wir auf dem Zündfunk-Netzkongress Digitalexperten gefragt.
Von Lena Puttfarcken und Robert Meyer*

Digitalexperten James Williams, Richard Gutjahr, Karolin Schwarz, Hans Block und Max Schrems (im Uhrzeigersinn)

Fotos: BR Zündfunk-Netzkongress

Facebook ist das soziale Netzwerk unserer Generation. Während der Schulzeit haben wir täglich gepostet, dass wir keine Lust auf die Mathe-Hausaufgaben haben. In der Uni haben wir während der Vorlesung nach Veranstaltungen gesucht, zu denen wir am Abend noch gehen wollen. Und heute überlegen wir uns regelmäßig, ob wir unseren Account lieber löschen sollten.

Denn die Tante teilt dubiose Nachrichtenartikel und ärgert sich über die vielen Ausländer in ihrem Dorf. In den Kommentarspalten werden Menschen beleidigt. Wahlkämpfe werden mithilfe der Plattform manipuliert. Facebook saugt sich Daten ohne Ende und kämpft gleichzeitig gegen Datenlecks. Auf den Philippinen werden Menschen beschäftigt, um den Hass und Gewalt wieder zu löschen. Während ein Problem noch nicht mal gelöst ist, kommt das nächste gleich dazu.

Bricht Facebook unter der Last zusammen oder hat die Plattform noch eine Zukunft? Auf dem Zündfunk Netzkongress in München haben wir uns umgehört, wie man Facebook überhaupt noch retten könnte.

„Man bräuchte eine Art digitale UN“

Hans Block, Regisseur des Dokumentarfilms “The Cleaners”, der davon handelt, wie soziale Netzwerke die Content-Moderation auf die Philippinen auslagern:

Gebrüder Beetz Filmproduktion

„Was darf auf Facebook gepostet werden und was nicht? Darüber entscheiden 18- bis 19-Jährige auf den Philippinen. Soziale Netzwerke haben die sogenannte Content-Moderation nach Südostasien ausgelagert, weil das billiger ist. Aber auf den Philippinen können sie nicht entscheiden, was Hass in Deutschland bedeutet, in den USA oder im Nahen Osten. Deshalb bräuchte man eine neue Institution, eine Art digitale UN.

Diese neue Institution könnte ein Netzwerk schaffen, das viel dezentraler organisiert ist als Facebook und bei dem Experten die Content-Moderation übernehmen. Die Nutzer sollten mehr Verantwortung übernehmen können und zum Beispiel wie bei Reddit selbst entscheiden, welche Kommentare sie nicht mehr angezeigt bekommen wollen. Ich glaube, das Monopol-Konzept von Facebook hat keine Zukunft mehr.“

„Facebook ist das nächste MySpace“

James Williams, promoviert am Internet Institute der Universität Oxford und hat über zehn Jahre bei Google gearbeitet:

tma Creative Management

„Ich glaube, Facebook ist das nächste MySpace. Das gibt es zwar noch, aber es ist mittlerweile völlig irrelevant. Denn es erfüllt keine echte Funktion in der Gesellschaft. Was Facebook noch retten könnte, wäre, wenn es gemeinnützig arbeiten würde. Im Moment geht es dem Unternehmen aber darum, den Gewinn zu maximieren. Deshalb sind aktuelle Skandale auch hauptsächlich PR-Desaster und lösen keine ethische Debatte innerhalb des Unternehmens aus, damit lässt sich ja kein Geld verdienen. Ein Netzwerk, in dem echte demokratische Diskussionen stattfinden könnten, müsste bottom-up organisiert sein, die Macht müsste also von den Nutzern ausgehen. Wie zum Beispiel bei Wikipedia, das zwar auch nicht perfekt ist, aber schon viel näher an dieses demokratische Ideal des Internets reicht als Facebook.“

„Die Menschheit hat bisher noch jede Technologie in den Griff bekommen“ 

Richard Gutjahr, Journalist und selbst Opfer einer Hatespeech-Kampagne in den sozialen Medien:

Richard Gutjahr

„Facebook ist bei Hatespeech deshalb so wirkungsvoll, weil die Plattform den Extremismus in den Mainstream bringt. Das Unternehmen weiß, dass es das Problem mit Hatespeech nicht mit schierer Manpower in den Griff bekommen kann. Dazu braucht es eine künstliche Intelligenz. Die ist aber noch nicht soweit, um uns Menschen verstehen zu können. Wann die KI dazu in der Lage ist, weiß keiner. Solange Maschinen nicht intelligent genug sind, uns bis in die letzte Facette zu verstehen, haben diese Internetkonzerne ein Riesenproblem.

Aber die Menschheit hat bisher noch jede Technologie in den Griff bekommen. Maschinen sind deshalb nicht die einzige Lösung. Wir müssen als Nutzer auch bei uns selbst anfangen. Nutzer sollten sich in Menschen mit anderer Meinung hineinversetzen können und verstehen, wie soziale Medien den Hass multiplizieren. Und: Mischt euch ein und überlasst die Welt nicht den Idioten.“

„Das Unternehmen ist too big too fail“

Max Schrems, Datenaktivist, der seit Jahren gegen Facebook vor Gericht zieht

Foto: afp/Joe Klamar

„Facebook wird alles überdauern. Das Unternehmen ist too big too fail. Aber als einzelner Nutzer kann man nicht viel gegen die Sammelwut von Facebook machen. Die Verantwortung darf auch nicht auf den Nutzer abgewälzt werden, nur weil Politik und Wirtschaft nichts unternehmen. Nicht mal die Techniker bei Facebook verstehen das ganze System. Warum soll ein Nutzer sich darüber informieren, es verstehen und dann eine Entscheidung treffen, nachdem er zehn Stunden gearbeitet hat, am Abend auf seinem Sofa liegt und Fernsehen schauen will? Das ist vollkommen unrealistisch.

Man könnte aber gemeinsam gegen Facebook vorgehen. Als Einzelner hast du vor Gericht kaum eine Chance. Und wenn man verliert, muss man auch noch die 20 Anwälte von Facebook bezahlen. Deshalb wollen wir mit unserem Projekt „None of your business“ gemeinsam gegen Facebook vorgehen. Wenn sich 10.000 Nutzer zusammentun, lässt sich Datenschutz besser durchsetzen.“

„International betrachtet ist Facebook schon noch eine sehr mächtige Plattform“

Karolin Schwarz , Journalistin und Faktencheckerin, Gründerin des Projekts hoaxmap.org, wo Falschmeldungen zusammengetragen werden:

Foto: Andi Weiland

„Ob Facebook noch zu retten ist, hängt von Entscheidungen der Plattform und künftigen Alternativen ab. Dass die jüngere Generation sich bereits abgemeldet hat, sieht man ja. Aber es hängt ja auch nicht von der deutschen Nutzerschaft allein ab, international betrachtet ist Facebook schon noch eine sehr mächtige Plattform. In Deutschland ist es die wichtigste Plattform, wenn es um Falschmeldungen geht. Deshalb gibt es mittlerweile Kooperationen mit Faktencheckern, die Fake News auf Facebook markieren.

Aber viele Falschmeldungen werden in geschlossenen Gruppen oder auf privaten Accounts verbreitet, da kommen die Faktenchecker nicht hin. Aus dem Grund ist es wichtig, dass man auch als Privatperson darauf hinweist, wenn zum Beispiel der Onkel Quatsch auf Facebook verbreitet. Außerdem kann jeder Einzelne Zivilcourage zeigen, Hasskommentare melden und sich in den digitalen Raum einmischen.

Aber es ist auch die Aufgabe von Politik, Journalismus und Bildung, sich gegen Falschmeldungen im Netz einzusetzen. Und natürlich von Facebook selbst – in Deutschland zum Beispiel gibt es nur einen Kooperationspartner fürs Faktenchecken. Da muss noch mehr getan werden.“

* Lena Puttfarcken und Robert Meyer sind Schüler der Deutschen Journalistenschule. Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Zündfunk-Netzkongresses, dem Digital Kongress vom Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

 

Mehr Netzkongress: