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Sebastian Pochiecha / Unsplash

„Wie stehst du eigentlich zu Waffen?“ Das fragt mich Jason um ein Uhr nachts auf seiner Hausparty in einer amerikanischen Studentenstadt in Kalifornien. Aus der Anlage im Wohnzimmer wummern EDM-Bässe, in der Ecke des Raumes steht ein großes Bierfass, getrunken wird aus roten Plastikbechern.

„Ich mag keine Waffen,“ antworte ich über das EDM-Gescheppere hinweg. Für mich steht eine Waffe für Gefahr, für Krieg und für das Töten, erkläre ich Jason. Sicherlich auch für Verteidigung, nur bin ich der festen Überzeugung, dass diese Verteidigung durch Personen erfolgen sollte, die dazu ausgebildet sind. Zum Beispiel von der Polizei oder einer anderen staatlichen Exekutive.

Jason schaut mich grinsend an. Er sagt, er habe sich so etwas ähnliches schon gedacht. Er schaut so, wie Leute schauen, die einem als nächstes erzählen, dass 9/11 ein Inside-Job war. Dieser bestimmte Blick, der dir sagen soll: „Du staatsgesteuertes Mainstream-Medien-Opfer, weißt nicht, wovon du redest.“

Jason fragt mich, ob ich mit in sein Zimmer kommen möchte, er will mir was zeigen. Dort schließt er die Tür hinter sich. Die Musik und die feiernden Studenten werden leiser, sind aber immer noch zu hören. Jason kriecht unter sein Bett und holt einen länglichen Gegenstand hervor.

Ich frage Jason fassungslos, warum zur Hölle er in seiner Studentenbude ein Gewehr hat

Eingepackt ist die Waffe in eine Art Decke, die aus bunter Wolle selbstgestrickt ist. Seine Oma hätte ihm das mal zu Weihnachten geschenkt, sagt Jason lachend. Er zieht die Decke zur Seite, darunter kommt ein Scharfschützengewehr hervor, der Lauf ist poliert, etwa einen Meter lang, oben drauf sitzt ein Zielfernrohr. „Ist das nicht cool?“, fragt Jason.

Draußen tobt weiter die Party, der Lautstärke nach zu urteilen hat gerade irgendjemand im Bierpong gewonnen. Und ich stehe hier mit einem Typen, der ein Scharfschützengewehr in den Händen hält. Ich frage Jason fassungslos, warum zur Hölle er in seiner Studentenbude ein Gewehr hat, mit dem man ohne weiteres einen Menschen umbringen könnte. Jason grinst wieder sein Du-Mainstream-Medien-Opfer-Grinsen. „Wie soll ich mich denn sonst verteidigen?“

Selbstverteidigung ist für Jason wie für viele andere Amerikaner der Grund, eine Waffe in den eigenen vier Wänden zu lagern. In keinem anderen reichen Land der Welt ist das so einfach möglich wie in den Vereinigten Staaten. Der zweite Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung von 1791 sorgt dafür, dass der Staat dem Volk nicht verbieten kann, Waffen zu besitzen und zu tragen. In Kalifornien sind die Waffengesetze strenger als in anderen US-Bundesstaaten, hier muss der Käufer einer Waffe 21 Jahre alt sein und vor dem Kauf ein Sicherheitstraining absolvieren.

In den USA herrscht ein ständiger Konflikt um die Frage, was dem Volk wichtiger ist: das Recht, Waffen tragen zu dürfen, oder die Regulierung des Waffenbesitzes. Unter den jungen Leuten waren in den Neunzigern noch eine deutliche Mehrheit dafür, die Waffengesetze zu verschärfen. In den letzten 20 Jahren haben sich die Zustimmungszahlen für strengere Waffengesetze denen, die das alte Recht auf Waffenbesitz beibehalten wollen, immer mehr angeglichen.

Sowas ist bei der derzeitigen Lage in den USA für mich nicht nachvollziehbar. Mit der „derzeitigen Lage“ meine ich zum Beispiel die Schießerei in Thousand Oaks in Kalifornien, bei der 13 Menschen getötet wurden. Der Ort ist gerade mal 200 Kilometer von der Studentenstadt weg, in der gerade Jasons Hausparty steigt, auf der unverschlossen ein Scharfschützengewehr herumsteht. Thousand Oaks war die 68. Massenschießerei in den USA im Jahr 2018. Das sind per Definition Schießereien, bei dem mehr als vier Menschen getötet wurden.

Dass die Zahlen von Waffengegnern und Befürwortern in den USA in den letzten Jahren so erheblich schwanken, hat vor allem einen Grund: In Amerika werden Ereignisse wie in Thousand Oaks von Waffengegnern und Befürwortern sehr unterschiedlich gedeutet. Die Waffengegner geben dem aktuellen Recht die Schuld für den Amoklauf: Nur weil sich der Amokläufer die Waffe kaufen konnte, kam es zu dieser Tat.

Für Jason sind waffenfreie Zonen Schuld an den Amokläufen

Die Waffenbefürworter drehen das Ganze um. Jason zum Beispiel sagt, dass in Thousand Oaks nur so viele Menschen gestorben sind, weil der Amoklauf in einer sogenannten waffenfreien Zone passiert ist. In denen ist das Tragen einer Waffe auch in den USA verboten. In Kalifornien sind alle Universitäten waffenfreie Zonen. Donald Trump hat immer wieder betont, dass er waffenfreie Zonen abschaffen will. Laut crimesearch.org werden 98 Prozent aller Amokläufe in den USA in solchen waffenfreien Zonen verübt. Auch für Jason sind diese Zonen Schuld an den Amokläufen. „Deshalb konnten sich die Menschen dort nicht verteidigen“, sagt er.

Das Scharfschützengewehr in seiner Hand findet Jason ungefährlich. Erstens sei seine Waffe nicht geladen, sagt er. Die Munition sei sicher versteckt. Außerdem seien solche Schießereien wie die in Thousand Oaks Einzeltaten gestörter Personen, das könne man nicht über einen Kamm scheren.

„Kriminelle sind per Definition Menschen, die sich nicht an Gesetze halten“, erklärt mir Jason weiter. „Wenn wir also die Waffengesetze verschärfen, hält das keinen Mörder davon ab, eine Waffe zu nutzen. Es würde nur aufrechten Bürgern wie mir verbieten, sich gegen Kriminelle zu verteidigen.“ Deshalb ist Jason auch so sehr gegen ein Verbot: „Man darf nichts verbieten, was potentiell gefährlich sein könnte. Autos können auch Menschen überfahren, die verbieten wir ja auch nicht.“ Dass Autos nicht zum Töten hergestellt werden, interessiert Jason nicht. „Für mich wird eine Waffe hergestellt, um Sicherheit zu geben. Klar, Menschen töten mit Waffen. Aber normale Bürger töten mit Waffen nur, um sich zu verteidigen.“

Mehr Waffen heißt, dass mehr Menschen sterben müssen, sage ich zu Jason und bitte ihn, das Gewehr wieder wegzupacken. Ein letztes Mal sehe ich diesen Abend das Du-Mainstream-Medien-Opfer-Grinsen. „Für mich gehören Waffen zu einer sicheren Gesellschaft und deshalb gehören sie zu diesem Land. Mehr Waffen bedeuten für mich mehr Freiheit und mehr Sicherheit“, sagt Jason.

So wie Jason denken viele junge Amerikaner. Laut einer Studie des Pew Research Center waren im April 2017 unter den 18 bis 29-jährigen Befragten 39 Prozent für den Erhalt der alten Waffengesetze. Waffen werden also von mehr als einem Drittel der Jugend mit Sicherheit assoziiert, nicht mit Bedrohung. Und so lange junge Leute einen Amoklauf oder eine Massenschießereien als Anlass für noch mehr Waffen in der Zivilbevölkerung sehen, wird sich daran auch nichts ändern.

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