Was Wahlhelfer*innen von ihrer Arbeit berichten

In den USA werden diejenigen, die die Stimmzettel auszählen, teils von Trump-Fans angegriffen. Sie betonen aber auch: Das System funktioniert.
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Machen einen wichtigen Job und werden dafür von Trumps Anhängerschaft bedroht: Wahlhelfer*innen in den USA.

Foto: Julio Cortez/AP/dpa

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass DAS passiert ist!“, schreibt Rahul Tendulkar auf Twitter. Der junge Arzt aus Cleveland, Ohio, hatte dort am 3. November, dem Tag der US-Wahl, als Freiwilliger in einem Wahllokal gearbeitet. Anschließend postete er ein Bild von sich, mit Maske, Visier und den Worten: „Dieser erstmalige Wahlhelfer hat 125 Menschen geholfen, vorm Mittagessen zu wählen.“ Wenig später wurde er retweetet und zwar – und eben das kann Rahul eigentlich gar nicht glauben – vom ehemaligen Präsidenten Barack Obama, der sich bei ihm für seinen Dienst an der Demokratie bedankte.

Rahul und all die anderen US-Wahlhelfer*innen haben einen wichtigen und sehr anstrengenden Job: Die Auszählung der Wahlstimmen in den USA zieht sich hin, seit Stunden warten die Menschen auf Ergebnisse aus den verbleibenden, entscheidenden Staaten, unter anderem Georgia und Pennsylvania. Dass es diesmal so lange dauert, liegt vor allem an der hohen Wahlbeteiligung per Briefwahl. Aktuell sieht es so aus, als könne sich Joe Biden die erforderliche Mehrheit von 270 Wahlleuten sichern. Präsident Donald Trump hat darum in der vergangenen Nacht im Weißen Haus seine zweite Presseansprache seit Schließung der Wahllkokale gehalten, in der er von angeblichem Betrug sprach. Vertreter*innen großer US-Medien verließen aus Protest den Pressesaal und brachen die Übertragung ab. Auch auf Twitter äußert Trump diese Vorwürfe regelmäßig, ohne dafür Beweise zu haben, und fordert, die Auszählung zu stoppen. 

Da steht also ein Mann an der Spitze der USA, der versucht, die Demokratie auszuhebeln und die Wähler*innen um ihre Stimmen zu bringen – und an der Basis sitzen viele dieser Wähler*innen und arbeiten als Wahlhelfer*innen unermüdlich daran, dass er damit nicht durchkommt. Nicht umsonst beschränken sich Barack Obamas Tweets zur aktuellen Lage auf ihre Situation.

Der ehrenwerte Job der US-Wahlhelfer*innen ist in diesem Jahr noch einmal bedeutender – und bedeutend schwieriger – geworden. Während der vorige US-Päsident sie unterstützt, haben die Wutausbrüche des Amtsinhabers dessen Anhängerschaft mobilisiert, sich gegen sie zu wenden: In mehreren Städten, in denen die Auszählungen noch andauern, darunter Phoenix und Philadelphia, versammelten sich am Donnerstag Demonstrant*innen vor Wahlzentren und skandierten „Stop the count!“ Die Sicherheitsmaßnahmen rund um einige Gebäude wurden verschärft und die Justizministerin von Michigan schrieb auf Twitter, man solle aufhören, ihr Personal zu belästigen.

Wie schwer es die Helfer*innen teilweise haben, hat einer von ihnen in einem Gastbeitrag für eine Nachrichten-Webseite aus Florida – einem der Staaten mit besonders großer Trump-Wählerschaft – beschrieben: Jeffrey A. Kasky berichtete, dass Trump-Anhänger*innen vor einem Wahlzentrum in Palm Beach County Stellung bezogen, Lärm gemacht und teils versucht hätten, Mitarbeiter*innen daran zu hindern, das Gebäude zu betreten. Einige hätten auch rassistische Parolen, unter anderem das N-Wort, gebrüllt. Kasky bezeichnete die Trump-Unterstützer*innen als „Mitglieder eines Kults“.

Auch auf Twitter sind verschiedene Berichte von Wahlhelfer*innen zu lesen. Sie verurteilen Trump für seine haltlosen Vorwürfe und versichern, was sie selbst erlebt haben und was auch Trumps Herausforderer Joe Biden derzeit immer wieder betont: Dass das System funktioniere, es keinen Wahlbetrug gebe und alle Stimmen ausgezählt werden müssten.

Der Meeresbiologe Andrew Thaler berichtet in einem langen Twitter-Thread von seinen Eindrücken aus einem Wahlzentrum im Bundesstaat Maryland. Er zeigt eindrücklich, wie kompliziert diese Arbeit sein kann (und wie kompliziert das US-Wahlsystem ist), aber wie Helfer*innen mit großen Einsatz dafür sorgten, dass die Wahl fair und sauber ablaufe. Thaler schreibt, er habe sich um die „fraglichen Fälle“ gekümmert, also zum Beispiel Menschen, deren Wahlregistrierungen fehlerhaft waren oder deren Briefwahlunterlagen nicht bei ihnen angekommen sind. Viele seien außerdem ins Wahllokal gekommen und hätten, trotz Briefwahlunterlagen, darum gebeten, vor Ort wählen zu dürfen, sodass sie zunächst nur einen „provisorischen Wahlzettel“ abgeben konnten, der extra überprüft werden muss, um eine doppelte Abstimmung zu vermeiden. Schritt für Schritt beschreibt Thaler, wie die Auszählung funktioniert. „Ich kann nicht oft genug betonen, dass das kein schneller Prozess ist“, schreibt er und: „Der Betrug passiert dann, wenn verhindert wird, dass Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben können.“

Wahlhelfer Rahul Tendulkar hat sich übrigens sehr freundlich bei Barack Obama für den Retweet bedankt. Und dann allen weiteren Wahlhelfer*innen seinen Respekt ausgesprochen. 

Sie sind die Held*innen dieser und eigentlich jeder Wahl. Denn wie Joe Biden am Mittwoch auf Twitter schrieb, ist es weder seine noch Donald Trumps Aufgabe, den Wahlsieger auszurufen. Sondern die des Volkes – und die Wahlhelfer*innen stellen sicher, dass sie diese Aufgabe wahrnehmen können.

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