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Die Untergrund-Uni

Folter, Unterdrückung, Zensur - alles alltäglich in Marokko. Eine verbotene studentische Vereinigung kämpft dagegen.
Von Anika Reker
  • marocco
    Foto: Anika Reker / Collage: Federico Delfrati

In einem großen Raum mit stechendem Neonlicht im Kulturzentrum Dar Saida in Marrakesch sitzen etwa zwanzig junge Leute in kleinen Grüppchen um je ein Flipchart. Es ist Samstagnachmittag und draußen scheint die Sonne, während drinnen lebhaft über die Doku Beyond Borders über Feminismus in Nordafrika und im Nahen Osten aus dem Jahr 1999 diskutiert wird. „An der Situation von Frauen hat sich hier doch nichts geändert, eher verschlechtert,“ wirft Amina Terrass mit funkelndem Blick in die Runde. Die 27-Jährige ist Vorsitzende der örtlichen USCE-Gruppe (Union des étudiants pour le changement du système éducatif), einer studentischen Vereinigung, die für einen Wandel des marokkanischen Bildungssystems kämpft und in insgesamt acht größeren Städten des Landes vertreten ist. Offiziell ist USCE allerdings keine anerkannte Organisation - von staatlicher Seite aus sind sie verboten.

„Kritisches Denken steht in Marokko nicht im Bildungsplan. Stattdessen wird Wissen von oben herab diktiert,“ erklärt Amina später. Deshalb organisiert USCE einmal wöchentlich sogenannte „Popular Universities“, um Studierenden eine hierarchiefreie Alternative zu dem anzubieten, was sonst in den überfüllten Hörsälen der Universitäten im Land vermittelt wird. In Workshops kann jeder sein Wissen einbringen und von dem der anderen profitieren. Meistens finden die Aktionen in Fußgängerzonen oder Parks statt. „Mit Straßen-Philosophie wollen wir öffentliche Plätze zurückerobern, die von Konsum, Unterdrückung und Gewalt geprägt sind und sie in Orte des Lernens transformieren,“ sagt Amina.

Warum macht eine Gruppe philosophierender Studenten dem Staat so viel Angst?

Wegen des Film-Screenings fand die Veranstaltung heute drinnen statt. Die Organisatoren sind froh, dass im Kulturzentrum alles so reibungslos geklappt hat. Das Anmieten von privaten Konferenzräumen hat sich in vielen Fällen schon als extrem schwierig erwiesen. „Es passiert oft, dass die Polizei vor uns an den Veranstaltungsorten ist und die Vermieter einschüchtert, sodass wir alles ablasen müssen,“ berichtet Amina. Aber auch die Aktionen im Freien enden häufig damit, dass alle Beteiligten Hals über Kopf vor den eintreffenden Sicherheitskräfte türmen müssen.

Aber warum macht eine Gruppe philosophierender Studenten dem Staat überhaupt so viel Angst? „Sehr wahrscheinlich liegt es daran, dass viele AktivistInnen aus der Bewegung des 20. Februar der Gruppe angehören,“ vermutet der Fotograf und Filmemacher Nadir Bouhmouch. Dabei meint er das marokkanische Pendant zum Arabischen Frühling, unter dessen Banner im Jahr 2011 viele junge Menschen für mehr Demokratie auf die Straße gegangen waren. Der heute 26-Jährige drehte damals eine Doku über die Rolle seiner Generation und ging der Frage nach, warum die Protestbewegung sich so schnell mit der vom König verabschiedeten Verfassungsreform zufrieden gegeben hatte.

„Menschen lernen hier einfach nicht, selbstständig zu denken,“ schimpft Nadir und rückt dabei das rot-weiße Palästinensertuch zurecht, dass er sich locker um die wuscheligen Haare gebunden hat. Durch die oberflächlichen Reformen sei es dem Staat gelungen, ein demokratisches Image aufrecht zu erhalten, das internationalen Geldgebern und Konzernen bis heute das Gefühl gibt, in ein stabiles Land  zu investieren. An der Situation der Bevölkerung, vor allem des ärmeren Teils, hätte sich aber kaum etwas geändert. Nadir und die anderen USCE-AktivistInnen setzen sich deshalb weiter für einen politischen und gesellschaftlichen Wandel ein, indem sie das Bildungssystem von unten verändern. Unter anderem , indem sie in den Untergrund-Unis eben Themen wie Feminismus, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und sexuelle Vielfalt auf den Tisch bringen, die ihnen in den staatlichen Unis viel zu kurz kommen. 

„Nur mit Wissen können Unterdrückte sich langfristig aus ihrer Situation befreien,“ glaubt Amina. Neben dem Organisieren von Workshops hat sich die Gruppe deshalb dem Ziel verschrieben, die zunehmende Privatisierung im Bildungssektor anzuprangern. Allein zwischen 1995 und 2010 hat sich die Zahl der Einschreibungen in Privatschulen und privaten Universitäten in Marokko verdoppelt. Nicht zuletzt weil die Regierung mit Steuererleichterungen Anreize für private Anbieter schafft, wie aus einem Bericht hervorgeht, den die USCE im Jahr 2014 gemeinsam mit 50 anderen NGOs dem UNO-Kinderrechtsausschuss überreicht hatte. „Die Kommerzialisierung führt dazu, dass die Lernbedingungen an staatlichen Schulen und Unis ständig schlechter werden,“ erklärt Nadir. Dadurch bildet sich ein Zwei-Klassen-System heraus, das vor allem den ärmeren Schichten den Zugang zu Bildung erschwert. 

  • amina und fatima
    Foto: Anika Reker

Dadurch, dass die USCE keine anerkannte Organisation ist, können die Studenten keine Spendengelder für ihre Zwecke sammeln. Die Öffentlichkeitsarbeit läuft hauptsächlich über soziale Medien. Da die staatlichen Autoritäten aber ein Auge auf Facebook, Instagram und Twitter haben, verzichten sie häufig darauf, für Aktionen vorab die Werbetrommel zu rühren und stellen Fotos erst im Nachhinein online. „Oft können wir leider nicht viel mehr tun, als Dinge offen anzusprechen und so auf Missstände aufmerksam zu machen,“ sagt Nadir. Allein das Äußern von Kritik am System ist allerdings bereits ein wichtiger und mutiger Schritt, mit dem man in Marokko die eigene Sicherheit riskiert.

 

„Wenn du jemals in deinem Leben die Sonne wieder siehst, kannst du ja kommen und mir ins Gesicht scheißen", sagte ein Polizist zu Fatima

 

„Marokko ist ein sicheres Land für Touristen. Für die Menschen, die hier leben, ist es schwierig. Besonders für Frauen und junge Leute,“ sagt die Philosophiestudentin Fatima Zahra Faiz nach der Filmvorführung in einem abgeschiedenen Innenhof. Sie selbst wurde 2011 nach einer angemeldeten Demonstration von der Polizei verhaftet und zunächst für fünf Tage gemeinsam mit einer Freundin in der örtlichen Polizeistation festgehalten. „Sie haben uns all unsere Kleider abgenommen, beleidigten und schlugen uns“, erinnert sich die 29-Jährige bei vielen Zigaretten und einer Kanne Minztee. Es war der 23. Februar. In ihren Bericht trugen die Beamten allerdings den Folgetag ein, an dem keine Demonstration genehmigt worden war. So lag ein Straftatbestand wegen unerlaubten Protests  gegen die damals 22-Jährige vor. Erst nach drei Monaten Gefängnis wurde sie einem Richter vorgeführt, der sie aufgrund mangelnder Beweise in den meisten Anklagepunkten freisprach. Die einzige Straftat, die man ihr vorhalten konnte und die sie offen zugab, war das Verteilen von Flyern mit politischen Botschaften.

 

Von der gesamten Haft waren die fünf Tage auf der Polizeiwache die schlimmsten. Wasser und Essen habe man ihnen kaum gegeben und schon gar nicht die Möglichkeit, sich zu waschen, erinnert sich Fatima weiter. „Für meine Freundin, die in der Zeit auch noch ihre Tage hatte, war das extrem unangenehm. Sie haben sie einfach bluten lassen.“ Mitten in der Nacht seien sie von den Beamten immer wieder geweckt und mit Fragen gelöchert worden. Sie zeigten ihr Fotos, auf denen sie Monate zuvor mit Freunden in Cafés zu sehen war. Mit Drohungen wie „Wenn du jemals in deinem Leben die Sonne wieder siehst, kannst du ja kommen und mir ins Gesicht scheißen,“ habe man versucht, sie einzuschüchtern und dazu zu bringen, Namen von Gleichgesinnten preiszugeben.

 

Fatimas Angehörige wurden in dem Glauben gelassen, dass man sie wegen Alkoholkonsum und Prostitution verhaftet habe

 

In einer der Nächte hätten die Beamten sie dazu gezwungen, sich nackt auf den Boden zu legen. Man befahl ihr, sich vorzustellen, dass sie mit ihrem Freund schlafen würde. Derartige sexuelle Erniedrigungen und extreme psychologische Gewalt, wie Fatima sie erfahren hat, gehören laut Amnesty International bis heute zu den gängigen Foltermethoden, die in Marokko angewendet werden, um den Widerstand von politischen AktivistInnen zu brechen. Allein zwischen 2010 und 2014 verzeichnete die Organisation 173 solcher Fälle.

 

Während der drei Monate, die Fatima im Gefängnis verbrachte, wurden ihre Angehörigen in dem Glauben gelassen, dass man sie wegen Alkoholkonsum und Prostitution verhaftet habe. Für ihre extrem religiösen und konservativen Eltern sei die Scham so groß gewesen, dass sie nicht einmal den Mut aufbrachten, ihre Tochter zu besuchen. 

Im Gefängnis teilte Fatima sich eine Zelle mit insgesamt 18 Frauen. „Es gab nichts zu tun und nicht mal Decken zum Schlafen,“ erinnert sie sich. Deshalb vertrieb sie sich die Zeit, indem sie den vielen Analphabetinnen unter ihren Zellengenossinnen Lesen- und Schreiben beibrachte. Der Gefängnisverwaltung habe das überhaupt nicht gefallen und man habe sie für eine Stunde in Handschellen an eine Tür gehangen. „Ich habe trotzdem weitergemacht, denn ich habe die Frauen im Gefängnis wirklich geliebt“, sagt Fatima, die erstaunlicherweise ohne Verbitterung auf die Zeit zurückblickt und sagt, dass sie sogar dankbar für die Erfahrung ist, die sie so viel stärker gemacht hat. „Ich versuche immer, das Positive aus allem zu ziehen und in den drei Monaten habe ich erkannt, dass Frauen in Marokko nur aufgrund patriarchalischer Strukturen im Gefängnis sitzen.“

 

Obwohl Fatima sich fast sieben Jahre nach ihrer Haft noch immer beobachtet fühlt, kämpft sie weiter aktiv für die Rechte von Frauen und Minderheiten. Regelmäßig nimmt sie an Aktionen von USCE und an politischen Demonstrationen teil. „Ich habe Prinzipien, die ich nicht loslassen kann und ich bin bereit, für meine Freiheit einen gewissen Preis zu zahlen. Notfalls auch den, wieder im Gefängnis zu landen,“ sagt sie mit fester Stimme und schüttelt dabei ihren krausen Lockenkopf.

 

Dass sich nicht nur vieles im poltischen System, sondern auch in der Gesellschaft ändern muss, sagt auch Filmemacher Nadir. Seiner Meinung nach muss Marokko dabei aber einen eigenen Weg finden und gehen. Der 26-Jährige, der ein Semester in Kalifornien studierte, hält nicht viel davon, wenn westliche Organisationen im Alleingang Dinge verbessern wollen und ihre Vorstellungen von oben aufdrücken. „Wir sind FeministInnen, aber wir glauben nicht, dass wir westliche Konzepte eins zu eins kopieren müssen, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen,“ sagt Nadir. 

 

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