„Der britische Bernie Sanders“

Den jungen Briten fehlte eine politische Galionsfigur – bis jetzt. Doch kann der Linke Jeremy Corbyn sie wirklich überzeugen, wählen zu gehen?
Von Sina Pousset
Corbyn
Foto: Oli Scarff/AFP

Es wird knapp. Das weiß auch Jeremy Corbyn. Heute entscheidet sich, ob der linke Labour-Kandidat die Wahl in Großbritannien gewinnt, oder ob die konservative Theresa May das Land weiter hart in Richtung Brexit führt. Entscheiden werden das auch die jungen Briten – nur fehlte ihnen bis jetzt eine politische Galionsfigur, die sie zum Wählen animiert. Corbyn, linker Underdog und bekannt für seine Anti-Establishment-Mentalität, soll das nun schaffen. 

Neueste Umfrageergebnisse lassen jedenfalls erkennen: In der Altersgruppe von 18-24 wird die Mehrheit für Corbyn stimmen (je nach Quelle bewegt sich der Wert zwischen 40 und 70 Prozent). Die älteren jedoch bleiben May treu, über 60 Prozent der Senioren gab an, für die Tories stimmen zu wollen. Dabei gibt es zwei Probleme: Junge Briten sind demographisch in der Minderheit. Im Land leben fast doppelt so viele Menschen, die über 65 sind, wie 18-24-Jährige. Und: Je älter die Wähler, desto höher die Wahlbeteiligung. 2015 waren es 78 Prozent bei den über 65-Jährigen. Bei den unter 25-Jährigen liegt die Wahlbeteiligung seit den 1990ern bei nur etwa 40 Prozent

Doch zuletzt schmolz Mays Vorsprung von 20 Prozentpunkten beachtlich. Außerdem registrierten sich dieses Jahr eine Million Jungwähler neu. Einer von ihnen ist Lynton, 25, Ingenieur aus Oxford. Bei der Wahl 2015 enthielt er sich noch: „Normalerweise sind es immer dieselben, elitären Typen, die wenig von der sozialen Realität in ihrem Land wissen.“ Dass er jetzt wählen geht, liegt am aktuellen Labour-Kandidaten: „Corbyn ist die Stimme der jungen Briten“, sagt Lynton. Er rede endlich über die Probleme der Jungen und der Arbeiter: niedrige Löhne, hohe Studiengebühren und die „Housing Crisis“, zu wenig Wohnraum und kontinuierlich steigende Mieten. Darauf haben scheinbar auch viele andere junge Menschen gewartet. An dem Tag, an dem Labour verkündete, im Falle eines Sieges die Studiengebühren abschaffen zu wollen, registrierten sich noch mal fast 250.000 von ihnen für die Wahl. „Viele haben vorher nicht gewählt, weil sie dachten, dass sowieso alles im Arsch ist und ihre Stimme keinen Unterschied macht“, sagt Lynton. 

Und auch Matthew, 27, aus Peterborough, stimmt zu: „Corbyn ist unser Bernie Sanders. Meine Generation hat noch keinen Politiker wie ihn erlebt.“ Wie Lynton wird auch er heute für Labour stimmen. Für Lynton ist klar: „Corbyn hat die Kraft, diejenigen zum Wählen zu animieren, die beim Brexit-Referendum vielleicht noch nicht zur Wahl gegangen sind.“

Doch schon vergangenes Jahr war die Wahlbeteiligung unter jungen Briten ungewöhnlich hoch: Nach aktuellen Berechnungen waren es über 60 Prozent der jungen Briten, die 2016 beim Referendum abstimmten – das sind 20 Prozent mehr, als 2015 zur Wahl gingen. Einen Strich durch die Rechnung machte ihnen aber eben die zahlenmäßige Unterlegenheit gegenüber den Älteren. Die waren wiederum mehrheitlich für den Austritt (60 Prozent unter den über 65-Jährigen), die Jungen stimmten mit 75 Prozent für Bleiben. Zur aktuellen Wahl stellte Aktivist Owen Jones unter dem Hashtag #callyourgrandfolks deshalb einen Song ins Netz, indem er junge Wähler zum Dialog mit ihren Großeltern aufforderte. Einer muss ihnen eben erklären, was ihre Stimme für ihre Enkel bedeutet.

Doch sind eine Millionen neue Stimmen genug? 

Das Referendum jedenfalls hat gezeigt: Junge Menschen gehen wählen, aber nur wenn es wirklich um ihre Interessen geht. In der Vergangenheit konnte so ein Teufelskreis entstehen, aus dem es jetzt auszubrechen gilt. Denn für Politiker gab es keinen Grund, in eine wahlfaule Bevölkerungsgruppe zu „investieren“, umgekehrt fühlten diese sich von den Parteiprogrammen ausgeschlossen und enthielten sich erst recht. Viele von ihnen scheinen sich von Corbyn jetzt ernstgenommen zu fühlen.

Doch sind eine Millionen neue Stimmen genug? Vielleicht reicht es nicht für einen Sieg. Aber im britischen „First Past The Post“-Wahlsystem, bei dem pro Wahlkreis nur der jeweils stärkste Kandidat einen Parlamentssitz bekommt, könnten diese bei einem knappen Wahlergebnis durchaus Gewicht haben.

Lynton zumindest ist zum ersten Mal in seinem Leben politisch aktiv: „Meine Freunde beschweren sich schon, dass ich nur noch Labour-Posts teile. Ich versuche, so viele wie möglich zu überzeugen, wählen zu gehen.“ 

 

Ein Garant für erhöhte Wahlbeteiligung, so Michael Bruter, Professor für Politikwissenschaft an der London School of Economics, sei eine Wahl, bei der viel auf dem Spiel steht. Junge Wähler, so Bruter, werden außerdem aktiv, sobald es um ein konkretes Thema ginge, das ihnen wichtig sei. Beides ist heute der Fall: Es wird nicht nur entschieden, welcher Kandidat die Brexit-Verhandlungen führen wird. Es geht vor allem um die Zukunft der jungen Briten. „Der Brexit hat viele wachgerüttelt. Für uns war es die erste spürbare politische Krise in unserem Land“, sagt Matthew aus Peterborough. Seine Generation scheint nach dem Referendum nun gerüstet: Mit dem Wissen um die Kraft ihrer Stimme – und einem Politiker, der ihre Ängste und Wünschen offenbar ernst nimmt.

 

 

Britische Journalisten erzählen uns, was der Brexit mit der Naivität von Großstädtern zu tun hatte: 

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