„In Polen gibt es ein linkes Sozialprogramm mit rechter Ideologie“

Vor der Wahl in Polen hat Autorin Emilia Smechowski versucht, ihr Heimatland zu verstehen.
Interview von Sophie Aschenbrenner

Emilia Smechowski hat ein Jahr in Polen gelebt, um ihr Heimatland besser zu verstehen.

Foto: Anna Szkoda

Am 13. Oktober wird in Polen gewählt. Die Chancen, dass die nationalkonservative Regierungspartei PiS weiter regieren wird, stehen gut: Aktuellen Umfragen zufolge würden mehr als 40 Prozent der Pol*innen die Partei wählen. Die Autorin Emilia Smechowski ist als Kind mit ihren Eltern von Polen nach Berlin gekommen. Den Rechtsruck in ihrem Heimatland zu verstehen, fällt der 36-Jährigen schwer. Deswegen entschied sie sich, vor der Wahl ein Jahr in Polen zu leben. Im Interview erzählt sie, wie gespalten die Gesellschaft in Polen ist – und welche Rolle die Medien dabei spielen.

jetzt: Was hast du dir von diesem Jahr in Polen erhofft?

Emilia Smechowski: Ich hatte schon immer die Sehnsucht, mal länger in Polen zu leben. Bisher war ich zwar oft, aber immer nur kurz in Polen, für Recherchen oder im Urlaub. 2015 kam dann die PiS an die Macht, und in Westeuropa waren alle erschrocken und überrascht und haben sich gefragt: Warum wenden sich die Polen plötzlich vom Westen ab? Warum scheinen sie nicht mehr an den Wert der Freiheit zu glauben? Diese Fragen haben mich noch mehr bewogen, den Schritt zu gehen und nach Polen zu ziehen. Ich wollte das Land, aus dem ich komme, besser verstehen. Ich habe gehofft, dass sich da ein Kreis schließt, dass ich meine Wurzeln finde, auch wenn das kitschig klingt. Diese Hoffnungen haben sich aber nicht wirklich erfüllt.

Welche haben sich nicht erfüllt?

Die Hoffnung, sich wie zu Hause zu fühlen beispielsweise. Ich habe sehr gefremdelt mit dem Land. Ich habe gemerkt, dass es ungeschriebene Regeln gibt, die ich nicht kannte. Zum Beispiel bei der Erziehung: In Polen werden die Kinder strenger erzogen als in Deutschland, dafür werden sie aber viel mehr wertgeschätzt. Die Mädchen, so mein Gefühl, müssen noch viel mehr „Mädchen“ sein. Dass man sich zu einem bestimmten Grad fremd fühlt, ist natürlich normal, wenn man ins Ausland geht. Aber ich hatte mit diesem Fremdgefühl in Polen eben nicht gerechnet. Die Reibung kam unerwartet. Ich war doch in meinem Geburtsland! Diese Reibung habe ich dann aber für meine Arbeit genutzt und mich gefragt, inwieweit und warum meine westlichen Erfahrungen nicht zusammenpassen mit dem, was in Polen und in Osteuropa passiert.

„Es herrscht ein Schweigen im Land“

Inwieweit passen sie denn nicht zusammen?

Die Gesellschaft ist in Polen anders. Man steht im Wettbewerb miteinander, viel krasser als in Deutschland. Schon in der Kita gibt es ständig Wettkämpfe, regelmäßig werden Urkunden vergeben. Es gibt diesen absoluten und sehr verständlichen Willen, aufzusteigen. Wenn es aber um Politik geht, dann sprechen die Menschen gar nicht mehr miteinander. Es gibt ein eher rechtes und eher linksliiberales Lager, und der Graben zwischen diesen Lagern ist sehr tief.

Wie würdest du diesen Graben beschreiben?

Es herrscht ein Schweigen im Land, und ein stiller Hass zwischen beiden Seiten. Für mich war es nicht leicht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, vor allem mit denen, deren Ansichten mir fremder sind, also den PiS-Wählern. Aber ich habe auch gemerkt, dass diese Menschen sehr wohl reden wollen. Sie sind nicht so ideologisch verschlossen, wie wir oft glauben. Ich habe vor allem Geduld und Zeit gebraucht.

Über welche Themen habt ihr gesprochen?

Ich bin zum Beispiel zu einem Bauern in den Osten Polens gefahren, in den Ort, in dem die meisten Polen PiS gewählt haben, nämlich 85 Prozent. Der Bauer wollte viel über Deutschland wissen. Der Blick der Menschen dort geht sehr stark gen Westen, auch nach Deutschland. Er wollte wissen, wie in Deutschland die Situation mit den Flüchtlingen wirklich ist – glaubt man nämlich der Regierungspropaganda, herrscht bei uns die Scharia und alles geht den Bach runter. Am Ende des Gesprächs war er durchaus offen für Ansichten, die anders sind als diejenigen, die er vielleicht aus gewissen Medien bezieht.

Was wird in diesen Medien vermittelt?

Schaut man beispielsweise eine Woche lang ausschließlich öffentlich-rechtliches Fernsehen, so wie ich es getan habe, sieht man eine fremde Welt. Eine, in der alles Böse aus dem Ausland kommt, vor allem aus dem Westen. Und das Gute wohnt im Inland, also in Polen. Damit Polen nicht vom Bösen bedroht werden kann, muss es sich abschotten, die polnische Kultur, die polnische Geschichte stärken, und die Werte Glaube, Ehe und Familie. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie sehr sich das Fernsehen in den vergangenen vier Jahren verändert hat. Das ist kein Journalismus mehr, das ist Propaganda.

Wieso ist die PiS in Polen so stark?

Ich halte die PiS für eine sehr gefährliche Partei. Aber die Menschen, die sie wählen, haben das teilweise aus sehr pragmatischen Gründen getan. Das sind nicht alles Nationalisten. Das sind auch Menschen, die jahrzehntelang vergessen wurden, denen immer gesagt wurde: Ihr müsst euch noch mehr anstrengen, ihr müsst den Gürtel noch enger schnallen, irgendwann werden wir alle so viel haben wie die Menschen im Westen. Dieser Wohlstand kam aber nie, zumindest nicht zu allen. Und dieses Nicht-gesehen-werden, diese Wut und der Frust, die daraus erwachsen, davon hat die PiS sehr profitiert.

„Unser Blick nach Polen ist viel klischeebeladener“

Inwieweit?

Sie hat die Sorgen der ärmeren und bildungsferneren Menschen sehr ernst genommen und direkt nach der Wahl 2015 Sozialprogramme wie Kindergeld ins Leben gerufen. In Polen gibt es also ein linkes Sozialprogramm, aber mit einer rechten und nationalen Ideologie. Diese populistische Methode ist gefährliich, aber sie verfängt natürlich, die Menschen spüren sie direkt, in ihrem Geldbeutel.

Am 13. Oktober wird in Polen wieder gewählt, nach aktuellen Umfragen steht die PiS bei 43 Prozent.

Es läuft alles darauf hinaus, dass sie wiedergewählt wird. Die Opposition ist sehr schwach, obwohl sie viel versucht, auch in verschiedenen Koalitionen. Die Menschen aber, die entweder die Regierungs- oder die Oppositionsseite wählen, haben sich jeweils bequem eingerichtet. Jeder hat seine eigenen Medien, seine eigenen Helden, jede und jeder glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen. Im Netz und in den Medien ist die Ansprache an die Gegenseite sehr brutal und rau, aber im Alltag, im direkten Kontakt, gibt es kaum noch Streit, und kaum Berührungspunkte.

In Deutschland diskutieren wir über ähnliche Themen. Auch hier gibt es zunehmend zwei Seiten, die einander wenig zu sagen haben. Siehst du da Parallelen?

Polen hat die rechte Regierung in absoluter Mehrheit an die Macht gewählt. Die Situation ist also nicht ganz vergleichbar. Auch, wenn wir uns in Deutschland der Gefahr von rechts bewusst sind, streiten wir uns hier noch sehr, so ist jedenfalls mein Eindruck. Die nicht-rechten Menschen und Parteien suchen nach Antworten und nach Möglichkeiten, mit den Rechten umzugehen. Dieses Suchen nach Antworten und nach dem richtigen Umgang mit der „Gegenseite“ sehe ich in Polen nicht.

Wie wichtig ist da eine starke Zivilgesellschaft?

2016 und 2017, also in den ersten zwei Jahren nach der Wahl, gab es in Polen sehr viele Demos, gegen den Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes, gegen die Gleichschaltung der Justiz. Aber wir können auch nicht alle Verantwortung auf die Schultern der Zivilgesellschaft laden. Viele in Deutschland hängen dieses Bild recht hoch, das kämpferische Polen, das sich nichts bieten lässt. Ich halte das für realitätsfern. Die Polen arbeiten so viel wie kaum ein anderes Volk in Europa, wie können wir von ihnen erwarten, dass sie nun auch alle am Wochenende demonstrieren gehen, damit sich was ändert? Das Angebot, der Wille zum Wandel muss von der Politik kommen. Die Politik macht die Gesetze. Sie hat die Macht. Und da sind die Stimmen im Moment klar verteilt. Die PiS hat das Sagen.

Welche Rolle spielt da Westeuropa?

Eine große Rolle. Der Blick der Polen geht noch immer dorthin. Entweder, weil sich Menschen am Westen orientieren, oder sich eben von ihm abkehren. Aber auch Abkehr und Wut auf den Westen zeigt ja, dass da noch immer ein wichtiger Bezugspunkt ist. Das Problem ist, dass die aktuelle Regierung in Polen mit diesem Wut- und auch Opfergefühl der Menschen Politik macht. Und gleichzeitig nähren wir im Westen dieses Gefühl, indem wir uns nicht für Osteuropa interessieren, jedenfalls nicht genug, im Vergleich zu vielen anderen Ländern wie Frankreich. Unser Blick nach Polen ist viel klischeebeladener, oft von sehr kurzer Dauer. Wir schauen hin und dann wieder weg.

Bei uns in Deutschland wird derzeit auch viel diskutiert über den Wahlerfolg der AfD in Sachsen und Brandenburg und darüber, wie der Westen auf den Osten schaut.

Ja, da kann man eine Parallele ziehen. Auch da wurde viel zu lang nicht hingeschaut. Und wenn man dann endlich die Augen öffnet, dann wundert man sich, warum der Osten noch immer hinterherhinkt, noch immer nicht „auf unser Niveau“ gekommen ist. Dieses Unverständnis, die Arroganz und das Kopfschütteln im Westen wird im Osten, in Deutschland wie Europa, mit sehr feinen Antennen wahrgenommen.

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