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Illustration: Katharina Bitzl, Fotos: dpa, afp

Die Bilder aus Chemnitz von Menschen, die Geflüchtete über die Straße treten, von Rechtsradikalen, die die Hand zum Hitlergruß erheben und Parolen skandieren, sie sind gerade zwei Wochen alt; vor dem Computerbildschirm fühlte man sich, als seien Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Geschichtsunterricht nachkoloriert worden.

Dann kam am Sonntag eine neue Nachricht. Ein Mann stirbt bei einem Streit zwischen zwei Männergruppen. Man weiß nicht viel, aber man weiß: Zwei Afghanen wurden wegen eines Anfangsverdachts festgenommen. Man sitzt vor dem Smartphone oder Computer und hofft im Stillen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun haben möge, damit nicht noch mehr Wasser auf die Mühlen der rechten Propaganda laufe.

Man erwischt sich bei dem Gedanken: „Hoffentlich ist nichts Schlimmeres passiert“

Dieses Hoffen ist nicht neu. Man erwischt sich dabei, wie man die Eilmeldung oder Nachricht auf dem Smartphone liest und sich kurz denkt „hoffentlich...“, und weiß nicht weiter, was sein soll, nach diesem „hoffentlich.“ 

Wir gehen also über zur Tagesordnung, aus Ratlosigkeit habe auch ich mich gestern dabei erwischt, wie ich nach dem Überfliegen der Meldung zu Köthen weiter meine Umzugskartons gepackt habe.

Dann, am Montagmorgen, die Erleichterung: Es war in Köthen nicht zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen, kein Mob hatte sich formiert, der ausländisch Aussehende durch die Straße hetzte. Aber wieso ist man jetzt so verdammt erleichtert? Weil nichts passiert ist? Weil der „Trauermarsch“ der 2500 Menschen in Köthen nicht die Ausmaße von Chemnitz angenommen hatte? Immerhin sprach ein wegen Volksverhetzung vorbestrafter Rechtsextremer während einer Kundgebung vom „Rassenkrieg gegen das deutsch Volk“ und fragte seine Zuhörer, ob es „zu Wölfen werden und sie zerfetzen“ wolle. Immerhin riefen dort Demo-Teilnehmer wieder Sprüche wie „Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!“ Erleichterung ist da eigentlich nicht angebracht.

Deutschland ist ein Land, in dem sich Rechtsextremismus immer wieder Bahn bricht

Die Erleichterung ist aber ein Nebeneffekt der Gewohnheit. Gerade häuft sich in relativ kurzer Zeit, was in Deutschland schon lange nicht mehr unter der Oberfläche brodelt. Deutschland ist ein Land, in dem sich Rechtsextremismus immer wieder Bahn bricht, in dem Ausländer, Semiten, Sinti und Roma aus rechtsextremistischen Motiven bedrängt oder ermordet werden. Todesfälle wie in Chemnitz und Köthen werden sofort von Rechts instrumentalisiert und schaffen ein Klima der Anspannung und der Angst.

Man kennt Meldungen über rechtsextreme Straftaten, über Neonazi-Demonstrationen und organisierte rechte Kriminalität erschreckend gut. Die Häufung von rechtsextremen Straftaten, die Hoffnung, der Tote möge nicht Opfer einer gewaltsamen Attacke gewesen sein, wir sind daran gewöhnt.

Auch wenn man nur die jüngere Vergangenheit betrachtet, ist diese Ermüdung in Deutschland eine logische Verhaltensweise. Die Morde des NSU. Heidenau, Clausnitz, Bautzen. Was in Chemnitz passiert ist, schockiert uns zwar noch. Aber wie lange noch?

Die Einstellung, mit der der österreichische Schriftsteller Wolf Haas seine Krimis beginnt, ist manchmal schon da: „Jetzt ist schon wieder was passiert“. Ein Satz, der das Gefühl der letzten Wochen auf den Punkt trifft. Wir sind so kurz davor, ganz stumpf zu werden wegen diesem „schon wieder.“

„Compassion Fatigue“ ist menschlich

Dabei ist Abstumpfen menschlich. Der amerikanische Psychologe und Traumaforscher Charles Figley beschreibt das Phänomen, das in der Wissenschaft unter „Compassion Fatigue“ bekannt ist: Das Einfühlungsvermögen des Menschen nimmt graduell ab, je intensiver er sich mit einem schlimmen Ereignis auseinander setzen muss. Und wenn sich die Ereignisse häufen, ist Abstumpfung eine Zwangsfolge. Die Autorin Elisa Gabbert schrieb zum Beispiel im Guardian, sie habe sich nach dem Wahlsieg Trumps in einer „Periode der Taubheit“ befunden, etwas, das den Umgang mit den rechtsradikalen Aufmärschen auf Deutschlands Straßen gut beschreibt.

Trotzdem kann man etwas gegen dieses Gefühl tun. Anspannung ist kein schönes Klima, aber wir brauchen sie. Wer jetzt noch sagt, der Hass auf der Straße sei etwas „ was im Rechtsstaat kein Platz hat“, wie Angela Merkel es nach Chemnitz behauptet hat, der flieht vor der Realität. Der Platz ist da, die Rechten nutzen ihn, vielleicht war in Deutschland sogar immer schon „Platz dafür“. Die Anspannung muss bleiben um der Aufmerksamkeit willen.

Es darf nicht sein, dass wir angesichts der rechten Gewalt, die sich in Deutschland immer wieder aktiviert, abstumpfen; dass wir hinnehmen, dass in diesem Land und in Europa sich die Ideen von Neonazis Bahn brechen können. Wir müssen jede Meldung zu Ende lesen, uns dem aussetzen, was gerade in Sachsen, Sachsen-Anhalt und anderswo passiert. Wir müssen darüber sprechen, uns immer wieder wachrütteln, selbst dagegen auf die Straße gehen. Und dagegen wählen.

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