Blogger Stefan Krabbes sagt: „Der Osten muss laut werden“.

Blogger Stefan Krabbes sagt: „Der Osten muss laut werden“.

Foto: Privat

Stefan Krabbes wurde 1987 in Dessau geboren, heute lebt der Blogger in Halle an der Saale. Er kennt den Osten. Und es ärgert ihn, dass die meisten Menschen mit seiner Heimat vor allem Fremdenfeindlichkeit und rechte Hetze verbinden. Deswegen startete er am Wochenende auf Twitter #DerAndereOsten. Unter dem Hashtag sammeln Menschen Erfahrungen, die ein anderes Bild des Ostens zeichnen. Im Interview erzählt er, wieso #DerAndereOsten jetzt wichtig ist, wieso Westdeutsche manchmal verständnisvoller sein sollten und was von dem hält, was in Chemnitz und Köthen passiert ist.

jetzt: Stefan – wieso brauchen wir #DerAndereOsten?

Stefan Krabbes: Es nervt, wenn der Osten nur undifferenziert und monothematisch mit Fremdenfeindlichkeit verbunden wird. Ja, es stimmt, es gibt hier ein großes Problem mit Rechtsextremismus. Da sollten wir die Augen auch nicht vor der Realität verschließen. Aber man darf nicht nur auf die hören, die am lautesten brüllen. Unsere Zivilgesellschaft ist stärker.

Und das willst du mit #DerAndereOsten zeigen?

Ja. Es gibt hier so viele stille Helden, die den Laden am Laufen halten. Die sich im Fußballverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in der Flüchtlingshilfe oder für Obdachlose engagieren, um nur einiges zu nennen. Dieses Engagement wird von der Politik oft nicht gewürdigt. Aber: Der andere Osten ist der wirkliche Osten. Der Hashtag zeigt jetzt die Vielfalt der Gesellschaft hier. Und es gibt da einige spannende Geschichten zu lesen.

Also geht es auch um Wertschätzung?  

So ist es. Es ist toll, wenn jetzt auch mal Menschen aus dem Westen sagen, was sie am Osten lieben. Diese Wertschätzung ist extrem wichtig. Wir haben immer noch einen unausgesprochenen Ost-West-Konflikt. Da herrschen auf beiden Seiten oft Verständnisprobleme. Die Elterngeneration der Wendekinder hat zum Beispiel das Rüstzeug fürs Leben in einer sozialistischen Erziehung gelernt, und das hat nach der Wende nicht mehr funktioniert, weil sie nun in einer marktwirtschaftlich organisierten Demokratie lebten. Sie mussten sich alleine in diese neuen Systeme boxen. Dadurch waren viele resigniert, haben sich allein gelassen und vergessen gefühlt. Viele haben immer noch den Wunsch, integriert zu werden, sagt zum Beispiel die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Das ist den meisten Menschen im Westen gar nicht so bewusst.

Was kann man dagegen tun?

Ich denke, die Politik sollte die Lebensleistung der Menschen aus dem Osten mehr schätzen und bundesweit Dinge wie eine Reform der Sozialversicherungssysteme oder das Zurückdrängen befristeter Arbeitsverträge wirklich angehen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass viele Menschen „heimatlos“ geworden sind, da sie ihre eigene ostdeutsche Geschichte nach der Wende vielleicht verdrängt haben. Ich denke, man könnte Geschichte auch gesamtdeutscher erzählen und zum Beispiel in der Schule nicht immer in Ost- und Westdeutschland unterteilen. Zum Beispiel, wenn es um den ersten Deutschen geht, der im Weltall war: Sigmund Jähn.

Hat es nicht auch ein bisschen was von Wegschauen, wenn man jetzt so das Gute am Osten betont? Du sagst ja selbst, dass Rechtsextremismus ein reales Problem ist.

Das sehe ich nicht so. #DerAndereOsten sagt ja klar, dass wir ein reales Problem mit Rechtsextremismus haben und wir dieser rechten Gegenerzählung nicht die Deutungshoheit über den echten Osten überlassen wollen.

Ohne Chemnitz und jetzt Köthen gäbe es #DerAndereOsten jetzt vermutlich nicht. Hast du Lehren aus dem gezogen, was dort passiert ist? 

Natürlich muss und darf man um die Opfer trauern, das ist wichtig. Aber jeder Bürger muss auch wissen, dass er sich jetzt auf unseren funktionierenden Rechtsstaat verlassen kann. Das Gewaltmonopol liegt ausschließlich beim Staat und nicht bei Rechtsextremisten, die unseren Rechtsstaat abschaffen wollen. Deswegen ist es wichtig zu wissen: Wer sich auf einer Demo neben Nazis stellt, den Hitlergruß toleriert und Menschenjagden hinnimmt, der macht sich zum Mitwisser. Das ist einfach so. Wir müssen zeigen, dass wir Rechtsextremismus nicht akzeptieren. Außerdem muss endlich Grundkonsens darüber bestehen: Wer gegen Rechte demonstriert, der ist nicht automatisch ein Linker, sondern der ist ein Demokrat.

Haben sich ostdeutsche Politiker zu lange verharmlosend vor Rechtsextreme gestellt?

Auf jeden Fall wurde der Rechtsextremismus zum Beispiel in Sachsen immer wieder verharmlost. Deswegen ist es ja heute umso wichtiger, dass demokratische Politiker sich Sprache und Themen nicht wie ein Trojanisches Pferd von den Rechten unterjubeln lassen, sondern mal schauen, was die echten Probleme der Menschen hier sind: Lehrermangel, schlechter Breitbandausbau, befristete Arbeitsverträge.

Was wünschst du dir – von Ost- und von Westdeutschen?

Dass die Ostdeutschen aufstehen und zeigen: Wir sind demokratisch, vielfältig und für eine starke Zivilgesellschaft. Außerdem hoffe ich, dass mehr Westdeutsche ein Verständnis für die Lage mancher Ostdeutscher aufbringen können. Und dass dann auch in der Politik ankommt, dass wir noch mal über Ost und West reden müssen, aber anders.

Also ist #DerAndereOsten wichtig für beide Seiten?

Genau. Der Osten muss lauter werden, ein Zeichen setzen. Hier gibt es so viel zu erzählen, was nichts mit Rechtsextremismus zu tun hat. Der Westen muss bereit sein, das Ganze differenzierter zu betrachten. Und es ist immer was gewonnen, wenn Menschen in die Öffentlichkeit gehen und ihre Geschichten erzählen. Damit lenken wir den öffentlichen Diskurs.

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