Es reicht nicht, schwarze Kacheln zu posten

Die Welt wird nicht weniger rassistisch, wenn wir Weißen in unserer Blase bleiben. Wir müssen uns selbst weiterbilden.
Kommentar von Sophie Aschenbrenner
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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Gestern war mein Instagram-Feed schwarz. Fast alle Menschen, Organisationen und Vereine, denen ich folge, posteten ein schwarzes Quadrat. #BlackOutTuesday war das Hashtag dazu. Es sollte Platz machen für Schwarze Aktivist*innen, für Menschen, die sich gegen Rassismus und Polizeigewalt engagieren. Viele Schwarze, People of Color und weiße Menschen haben sich daran beteiligt, auch ich. An der Aktion gibt es auch Kritik. Tatsache ist: Jede*r hat den Post sicher gut gemeint. Da sind wir aber mitten im Problem. Denn: Gut gemeint reicht nicht. Mit einem schwarzen Quadrat ist es nicht getan. 

Ich verfasse diesen Text als weiße Journalistin. Ich habe nie Rassismus erfahren. Was ich hier schreibe, habe ich gelernt, weil ich es nicht immer wusste. Wir weißen Deutschen sind in einer rassistischen Gesellschaft aufgewachsen. Rassismus ist nicht die Ausnahme, Rassismus ist die Norm. Auch ich habe als Kind Pippi Langstrumpf geliebt und keine Sekunde hinterfragt, wieso dort vom „N****-König“ geschrieben wird. Heute ist das anders. Dass wir selbst vom rassistischen System profitieren, dass wir Rassismen reproduzieren oder nicht erkennen und hinnehmen, kommt uns ohne eigene Bildungsarbeit nicht in den Sinn. Wir müssen das lernen, und dieser Lernprozess hört niemals auf. 

Die meisten Deutschen würden von sich sagen, dass sie keine Rassist*innen sind. Rassistisch, das sind die anderen: die Nazis

Wir haben Privilegien, die uns nicht einmal bewusst sind, wenn wir nicht anfangen, sie zu checken. Wir freuen uns darüber, einen Job bekommen zu haben und wissen vielleicht gar nicht, dass die Schwarze gleichqualifizierte Bewerberin abgelehnt wurde. Dass wir die Wohnungszusage kriegen, weil der andere Bewerber einen ausländisch klingenden Nachnamen hat. Wir werden nicht wegen unserer Hautfarbe grundlos von der Polizei kontrolliert, festgehalten, vielleicht sogar ermordet. Wir können uns an den See legen, über Lappalien diskutieren und Wein trinken, ohne über George Floyd nachzudenken, während in den USA Tausende Menschen gegen Rassismus auf die Straße gehen und unsere Schwarzen Freund*innen, Bekannten und Kolleg*innen in Deutschland ganz konkret darüber nachdenken, ob ihnen das auch bald passieren könnte. So viele von ihnen berichten, dass sie gerade Schmerz empfinden, wenn sie durch ihre Social-Media-Feeds scrollen. Dass die Situation sie psychisch sehr belastet. Der Mord an George Floyd macht uns Weiße vielleicht betroffen. Wir können ihn aber wegschieben, wenn wir wollen. Denn tief in uns drinnen fühlen wir uns sicher. Weil wir wissen: Uns wäre das nicht passiert. Schwarze und People of Color haben diese Sicherheit nicht. 

Die meisten weißen Deutschen würden von sich sagen, dass sie keine Rassist*innen sind. Rassistisch, denken wir, das sind die anderen: die Nazis. Doch das ist viel zu einfach. Die Schwarze Aktivistin und Autorin Tupoka Ogette beschreibt diesen Zustand in ihrem Buch „Exit Racism“ als „Happyland“, und definiert ihn folgendermaßen: „Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist.“ Happyland wurde „von Weißen für Weiße geschaffen“, es ist ein Ort, der auf Kosten von Schwarzen Menschen und People of Color existieren kann. Ein Ort, an dem Rassismus existiert, aber ignoriert wird, „an dem Menschen verletzt und entwürdigt werden, und das meistens komplett unbewusst, mit einem Lächeln im Gesicht und wirklich guten Intentionen“, schreibt Ogette. Zum Beispiel, indem Menschen auf ihre vermeintliche Herkunft reduziert werden. Die meisten Weißen sind oder waren einmal Bewohner*innen dieses Happylands, auch ich. Wir haben in der Schule, in der Uni, als Kinder viel zu wenig gelernt über strukturellen Rassismus. Niemand wird das für uns ändern, wenn wir es nicht aktiv tun. 

Solange wir in unserem Happyland bleiben, zahlen andere den Preis dafür

Tupoka Ogette beschreibt in „Exit Racism“ fünf Phasen, die Weiße durchleben, wenn sie sich ernsthaft mit Rassismus beschäftigen – also mehr tun, als an einer Social-Media-Aktion teilzunehmen. Die erste Phase ist das Happyland. Danach kommt die Abwehr. Wir lehnen Rassismus ab und beteuern: Mit uns hat er auf keinen Fall etwas zu tun. Typisch für diese Phase ist Ogette zufolge auch, dass wir das Bedürfnis haben, über eigene Ausgrenzungserfahrungen wie Sexismus oder Homofeindlichkeit zu sprechen. „Alle Menschen werden irgendwann mal diskriminiert“, heißt es dann. Niemand will eingestehen, dass er*sie rassistisch denkt oder handelt. Wird man damit konfrontiert, wehrt man den Vorwurf ab. Selbst als Rassist*in bezeichnet zu werden, das ist für viele die größte Beleidigung. Phase drei und vier sind Scham- und Schuldgefühle. Wir schämen uns für die Geschichte des Rassismus und fühlen uns schuldig, weiß zu sein. Unser Ziel sollte sein, in Phase fünf anzukommen: Anerkennung. Wir müssen anerkennen, dass wir ein einer rassistischen Gesellschaft leben und dass wir deren Denkmuster verinnerlicht haben. Wir dürfen das aber nicht hinnehmen. Sondern müssen das System verändern. 

Durch diese Phasen bewegt man sich nicht automatisch, man muss sich auf den Weg machen. Ja, das ist vielleicht ungemütlich. Es ist nie leicht, aus der eigenen Komfortzone herauszukommen. Aber verdammt wichtig. Denn solange wir in unserem Happyland bleiben, zahlen andere den Preis dafür. Es gibt so viele Bücher zum Thema, zum Beispiel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters oder „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge. Es gibt Podcasts und Aktivist*innen, die Bildungsarbeit leisten und die Workshops geben. Auf Instagram ist diese Bildungsarbeit sogar kostenlos – Menschen wie Aminata Belli, Fabienne Sand, Aminata Touré oder Tarik Tesfu sind nur wenige Beispiele. Es gibt betroffene Menschen in unserem Umfeld, die wir fragen können. Wir müssen nur den Willen haben, zuzuhören, diese Worte anzunehmen und zu reflektieren.

Das beginnt übrigens auch damit, dass Schwarze Menschen in Talkshows sitzen – zu Recht wurde heftig kritisiert, dass sowohl bei Lanz als auch bei Maischberger in dieser Woche nur weiße Expert*innen sitzen, um über rassistische Polizeigewalt und den Mord an George Floyd zu sprechen. Mittlerweile hat Maischberger bekannt gegeben, dass auch die Schwarze Germanistikprofessorin Priscilla Layne auf dem Podium sitzen wird. Das ist das Mindeste. Es wäre ein Statement, nur Schwarze Menschen sprechen zu lassen. Denn wir Weißen reden wirklich genug. 

Wir müssen raus aus Happyland, rein in die Auseinandersetzung und dann auf die Straße. Ganz sicher aber reicht kein schwarzes Quadrat. Denn wenn die Auseinandersetzung mit Rassismus mit dem Posten eines Bildes aufhört, dann ist dieses Posten nur eine leere Geste. Und der gemütliche Verbleib in Happyland.

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