Call it a „Bewegung“!

Wie man heutzutage jede Wahl gewinnt – in fünf einfachen Schritten.
Von Friedemann Karig
macron trump kurz cover
Foto: Carolyn Kaster, dpa / Hannelore Foerster, GettyImages / Ronald Zak, AP

USA, Frankreich, Österreich. Trump, Macron, Kurz. So unterschiedlich sie sind, so ähnlich ihre Strategie. Und ihr Wahlerfolg. Wie man heutzutage jede Wahl gewinnt – in fünf einfachen Schritten. 

1. Don´t call it a „Partei“, call it a „Bewegung“

Parteien sind scheiße. Lahme, alte, langweilige Konstrukte aus einer Zeit, als man sich noch am verrauchten Stammtisch des Ortsvereins hochsaufen musste. Flugblätter in Fußgängerzonen verteilen. Dienen. Als „Partei-Soldat“. Allein das Wort „Partei“ ist schon ein Problem. Es klingt nach „parteiisch“, nach Stillstand, nach einem politischen Völlegefühl von zu viel schwerer, fader Kost. Das passt nicht in eine post-faktische Welt, in der alles im Fluss, nichts wahr und alles möglich ist. „Die Partei hat immer Recht“, haben sie früher gesungen. Deshalb will heute niemand in einer Partei sein. Ein geleaktes Papier, vermutlich aus dem Lager von Österreichs Wahlsieger Sebastian Kurz, spricht sogar vom „Hass auf die alten Parteien“.

Also: weg mit „Partei“. Stattdessen lieber etwas Aktives. Ein Wort, das irgendwohin geht mit strammen Schritten. Wie eine Armee. Aber in das man alles packen kann wie in einen jungfräulichen Instagram-Account. Also: eine „Bewegung“. Emmanuel Macron nannte seine auch gleich „En Marche!“, in Bewegung!

Herrlich! Das klingt nach frischer Luft, nach Grün und nach Zukunft. Und wirkt damit automatisch demokratisch und gerecht. Denn nur wenn sich viele Menschen aus freien Stücken einer guten Sache anschließen, wird daraus eine Bewegung. Ihre Kraft kommt nicht von oben, von Chefs und Gremien. Sondern von unten, vom kleinen Mann und der kleinen Frau. Ihre Energie ist erneuerbar, denn jeden Tag steht einer auf und will „etwas bewegen“. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein! Aber noch lieber möchte ich an ihrer Spitze stehen. 

2. Stell einen Charismatiker vorne hin

Und ja, besser einen Mann, so ehrlich muss man ja sein. Einer Frau wird einfach viel weniger geglaubt, dass sie etwas bewegen kann. Aufbruch ist paradoxerweise immer männlich, auch wenn meist Männer den Stillstand verwalten. Aber da Frauen Kompetenz und Führungsstärke gerne als Verbissenheit und Besserwisserei ausgelegt wird, Männern aber als Kompetenz und Führungsstärke, braucht es einen CharismatikER. Wer's nicht glaubt, überlege noch einmal genau, warum Hillary Clinton die Wahl verlor.

Womit wir bei der Ladung des Charismas wären. Das kann nämlich auch ein negatives, dunkles sein, eine schwarze Magie der Lüge und Unverschämtheit, deren hochdosierte Anwendung aber immer auch sagt: Seht her, ich lüge und bin unverschämt, und sie können mich dennoch nicht aufhalten. Schließt euch mir an, ich bin ein Gewinner! Fast genau so gut funktioniert zum Glück ein gutes, liberales Charisma wie bei Emmanuel Macron. Eigentlich egal, Hauptsache er darf, wie er will, und muss nicht wie Martin Schulz ständig Rücksicht nehmen auf Partei und Berater. Die Fassade muss stimmen. Selbst Macron beschäftigte eine Stylistin, um besser zu wirken. Schminke drauf ist also Pflicht. Wichtig dabei:

3. Ändere die Farbe

Das ist durchaus wörtlich gemeint. Sebastian Kurz hat in Österreich für die Wahl einfach die Farbe der alten Dame ÖVP (Geburtsjahr 1945) geändert. Vom konservativen Schwarz zum modernen Türkis. Den Namen auch, von ÖVP in „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“. Damit erschuf er die Illusion, irgendetwas Frisches sei da am rechtskonservativen Programm, wie ein Blättchen Minze auf einem riesigen Teller Kohlsuppe. Sollte die Farbe kein Problem sein, dann ändere aber mindestens die Tonalität, das Vokabular, die Ansprache. Alles muss gegen einen Feind gehen: das System.

 

4. Kämpfe gegen "das System“

 

Den „Sumpf trocken legen“ wollte Donald Trump, also endlich erledigen, was seine Vorgänger nur versprochen hatten: das korrupte Washington und seine Polit-Elite ethisch zu säubern. Dafür gewählt, berief er Generäle, Bänker und Lobbyisten. In Zeiten großer Enttäuschung und Entfremdung vieler Menschen von dem, was sie für „das System“ halten – also „die Politik/Politiker“, „die Medien“ und sonstige „Eliten" –  ist jeder ein Held, der dagegen vorzugehen scheint. Alles ist recht, so lange es ganz anders sein will. Die rhetorische Chemotherapie gegen das vermeintliche Krebsgeschwür im Herzen der Demokratie kann nicht radikal genug sein. Da stört es auch wenig, dass die Systemgegner mindestens genau so System sind wie ihre Konkurrenten. Ex-Außenminister Sebastian Kurz hat es geschafft, „gegen das System“ aufzutreten als Spitzenkandidat einer Partei, die seit über 30 Jahren ununterbrochen in der Regierung war. „Wählt echte Veränderung“, forderte er die Österreicher auf, und niemand schien den Witz zu kapieren. 

 

5. Erzähle ein paar simple Geschichten – und ein Happy End

 

Marktforschung ist wichtig: Was wollen die Menschen im Land? Und vor allem: Was wollen sie nicht? Sebastian Kurz hat in Österreich jedes, aber wirklich jedes Thema mit der Flüchtlingsfrage verknüpft. Der bekannte Politikwissenschaftler Peter Filzmaier spottete: „Wenn es um Verkehrspolitik ginge, würde er argumentieren, das Problem sind Burkaträgerinnen, die illegal in zweiter Spur vor islamischen Kindergärten parken.“ Hauptsache, man spricht damit das vorherrschende Gefühl der Menschen an: Unsicherheit. Was noch dagegen setzen außer Fremdenfeindlichkeit? Trump entwarf das alte Amerika, mit Jobs für alle, ohne nervige Minderheiten und Umweltschutz, dafür mit großen Kanonen. Und Macron machte das gleiche, nur ganz anders: Wirtschaftliche Erneuerung in einem wirtschaftlich gebeutelten ehemaligen Agrar- und Industriestaat, eine positive Erzählung von sozialer Gerechtigkeit und Innovation. Jeder von ihnen hatte ein Angebot, das verführerisch klang, mit der Realität vielleicht wenig zu tun hatte, aber immerhin das schlimmste zu verhindern drohte. Ein Happy End ist den Menschen, diesen sich Geschichten erzählenden Affen wichtiger als jede Vernunft. Hauptsache, du und die Bewegung kommen drin vor, als einzige Kraft, die etwas Neues schaffen kann. Wen sollte man dann noch wählen? Mach jede Stimme für die anderen zu einer Stimme gegen das Happy End. Und sie werden alle dir gehören.

 

P.S. Liebe SPD. In vier Jahren, das habt Ihr vielleicht auch gehört, ist wieder eine Wahl. Ruft mich gerne an. 

 

Und was dann dabei herauskommt:

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