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Wie Menschen unter 30 gewählt haben

Weniger Rechtspopulisten, mehr Umweltschutz: So sähe der Bundestag aus, hätten nur junge Menschen gewählt.
Von Lara Thiede
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    Illustration: Katharina Bitzl; Grafik: SZ-Grafik; Foto: dpa

Seit dem frühen Montagmorgen sind die vorläufigen amtlichen Endergebnisse der Bundestagswahl bekannt: Die großen Verlierer der Bundestagswahl 2017 sind die CDU/CSU mit nur noch 33 und die SPD mit etwa 20 Prozent der abgegebenen Stimmen. Noch schlechter sähen ihre Ergebnisse aber aus, wenn nur junge Menschen unter 30 Jahren gewählt hätten. Denn laut Umfragen nach der Wahl haben nur etwa ein Viertel von ihnen für die Union gestimmt, nicht einmal jeder Fünfte für die SPD. Dabei war 2005 noch mehr als jeder Dritte für die SPD. Aber wie kommt es zum Wahldebakel der großen Parteien? 

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    SZ-Grafik / Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Der Politologe Prof. Dr. Stefan Marschall von der Universität Düsseldorf erklärt sich das Wahldebakel so: „Das Modell der großen Koalition führt dazu, dass viele Wähler kaum mehr Unterschiede zwischen den beiden Parteien feststellen können. Sie suchen deshalb bei kleineren Parteien nach schärferen Profilen.“ Außerdem habe vor allem die SPD auch noch ein anderes Problem: Ihre Kernkompetenz wird in der Arbeitspolitik gesehen. Die liegt den jungen Wählern laut Marschall aber nicht mehr so sehr am Herzen wie früher: „Die jungen Menschen schätzen ihre Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt momentan gar nicht so schlecht ein, die wirtschaftliche Situation scheint ihnen wenig problematisch. Deshalb schauen sie gerade nicht so stark auf Parteien, die Gerechtigkeit betonen.“

Wichtig ist jungen Leuten dagegen vor allem Klima- und Umweltschutz. Das sieht man auch an den Ergebnissen der Umfragen nach der Wahl: Die Grünen sind bei den jungen Wählern mit zwölf Prozent die viertstärkste Partei. Im Gesamtergebnis liegt sie bei nicht einmal neun Prozent. Die Diskrepanz findet Marschall nur natürlich, schließlich seien die jungen Menschen diejenigen, die noch lange auf dieser Welt leben und die Folgen des Klimawandels ertragen müssten. 

„Die FDP hat sich einen jugendlichen Anstrich gegeben"

 

Deshalb ist er auch auf die Ergebnisse der sonstigen Parteien gespannt, die es eben nicht über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft haben. Denn die schneiden bei jungen Wählern erfahrungsgemäß überproportional gut ab: „Kleinstparteien, die die Gestaltung der ökologischen Zukunft im Namen tragen, werden stark von jungen Wählern nachgefragt. Daneben haben aber auch Parteien wie Die Partei oder die Piraten wahrscheinlich gut bei jungen Leuten abgeschnitten.“

 

Die großen Gewinner der Bundestagswahl waren die AfD als drittstärkste Kraft mit 12,6 Prozent und die FDP als viertstärkste Kraft mit 10,7 Prozent. Hätten nur junge Leute abgestimmt, würde sich auch dieses Bild ändern. Die FDP wäre in diesem Szenario drittstärkste Partei mit 13 Prozent. Sie hat damit bei den Erstwählern am stärksten zugenommen, kam sie doch bei den Wahlen 2013 auch in dieser Altersgruppe nur auf etwa fünf Prozent der Stimmen.

 

Die Erklärung für den Erfolg der FDP bei den unter 30-Jährigen liegt für Marschall darin, dass sich die Partei in ihrem Wahlkampf speziell an junge Leute gerichtet hat: „Die FDP hat sich einen jugendlichen Anstrich gegeben. Nicht nur mit der modernen Optik der Wahlwerbung, sondern auch mit dem Thema der Digitalisierung. Die jungen Menschen haben bei der FDP anscheinend das Gefühl, dass hier über die Zukunft verhandelt wird und nicht über die Vergangenheit“, erklärt Marschall.

 

„Vielfalt wird von Jüngeren eher als Chance und weniger als Gefahr verstanden“  

 

Die AfD kam bei den U30-Wählern hingegen nicht auf dreizehn, sondern auf elf Prozent – und liegt damit auf dem letzten Platz in dieser Altersgruppe. Das liegt laut Marschall daran, dass junge Menschen die Flüchtlingsthematik anders wahrnähmen: „Die Sorgen und Ängste sind bei den Jüngeren nicht so stark ausgeprägt wie bei Älteren. Das hat sicher auch damit zu tun, dass junge Leute eher gewohnt sind, mit Menschen mit Migrationshintergrund umzugehen – oder damit, dass sie selbst einen haben. Man hat als junger Mensch außerdem meist ein positiveres Bild von Europa und der EU und steht der Internationalisierung und Globalisierung viel positiver gegenüber. Vielfalt wird von Jüngeren eher als Chance und weniger als Gefahr verstanden.“  

 

Allerdings gilt das nicht für große Teile der jungen ostdeutschen Bevölkerung: Sie wählten nach Ergebnissen der Nachwahlbefragung mit 17 Prozent die AfD. Im Westen waren es nur etwa sieben Prozent.

 

„Das Ost-West-Gefälle bezüglich der Stärke der AfD kommt dadurch zustande, dass im Osten das Gefühl der Verunsicherung präsenter ist als im wirtschaftlich stärkeren Westen“, sagt Marschall, „Die Angst wurde im Rahmen der Flüchtlingskrise noch einmal verstärkt. So wählen nun auch viele ostdeutsche junge Männer mit niedrigem Bildungsniveau die AfD. Diese Gruppe scheint generell sehr anfällig für Rechts-außen-Parteien.“

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    Alexander Schneider/HHU

Die Linke konnte dagegen zwar mehr Erstwähler von sich überzeugen als in den vergangenen Wahlen, allerdings ist sie neben der AfD die schwächste Partei unter jungen Wählern.

 

Natürlich können die Umfragen nach der Wahl nicht als absolut repräsentativ angesehen werden. Schließlich werden dabei viele Wähler, wie zum Beispiel die, die per Brief gewählt haben, nicht berücksichtigt. Allerdings glaubt Marschall, dass zumindest die Tendenzen stimmen.

 

Es zeigt sich also wieder einmal: Junge Wähler denken und entscheiden anders als die älteren Wahlberechtigten. Gerade weil sie es aber sind, die noch lange mit den politischen Änderungen, die heute für die Zukunft gemacht werden, leben müssen, wäre es wichtig, den Stimmen dieser jungen Menschen mehr Gewicht zu geben.

 

 

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