Manchmal kommt man nicht mehr mit, bei all den Informationen, und könnte Hilfe gebrauchen.

Manchmal kommt man nicht mehr mit, bei all den Informationen, und könnte Hilfe gebrauchen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa / freepik / Collage: jetzt.de

Zum Beispiel Anfang Juli. Da war es fast jeden Tag das Gleiche: Wenn ich mal ein paar Stunden nicht online war und dann auf meinem Handy die Nachrichten-App öffnete, musste ich erkennen, dass die Welt in dieser kurzen Zeit mal wieder komplett an mir vorbeigezogen war. Ich drohte zu versinken in einer Flut aus Kurznachrichten, die erst Seehofers Rücktritt, dann seinen Rücktritt vom Rücktritt ankündigten und dann hieß es auf einmal: Asylstreit beigelegt, Koalition gerettet. Dann folgte die Bewertung der Einigung. Und auch, wenn diese Regierungskrise ein extremes Ausnahmebeispiel war, muss ich mir manchmal eingestehen: Ich komme nicht mehr mit. 

Ich komme nicht mehr mit in diesem Sommer, der einem nicht nur Höchsttemperaturen aufdrängt, sondern auch die Frage danach, wie es mit unserem Land nach der Hitzewelle weitergeht. Deutschland schwitzt – politisch und gesellschaftlich, als hätten wir jahrelang eine Grippe ausgebrütet, die jetzt um sich greift. Und ich schwitze, weil Zusammenhänge immer komplexer und meine Fragen immer größer werden, während eine Nachricht die andere jagt. Und während sich unsere Gegenwart beschleunigt, geben wir auch in unseren Debatten Vollgas: Seenotrettung, Abschiebung, Özil. Wir artikulieren uns schneller und deswegen vielleicht auch unbedacht oder überstürzt. 

In dieser Situation braucht man jemanden, der einem hilft beim Innehalten. Der sagt: Moment mal! Schauen wir uns das erst einmal genauer an. War das vom Innenminister jetzt gerade politisches Kalkül oder ist es wirklich so ein dringendes Problem, wie wir Flüchtlinge zukünftig effektiver zurückweisen können, dass er dafür eine Regierungskrise auslösen musste?

Für so ein Innehalten sind in einer langen Phase unseres Lebens jene Menschen zuständig, die uns manchmal auch gehörig auf die Nerven gehen, aber eben doch eine sehr wichtige Rolle spielen: Lehrer. Ich kenne das von Frau Laule, meiner früheren Geschichtslehrerin. Bei ihr habe ich nicht nur Daten und Ereignisse auswendig lernen müssen, sondern habe auch begriffen, dass bestimmte Faktoren bestimmte Auswirkungen haben, habe gelernt, historische Verläufe einzuordnen, Zusammenhänge und Muster in der Rückschau zu erkennen. 

Wenn Fakt und Meinung vermischt werden, verlieren wir das Verständnis füreinander

Genau so eine Art von Unterricht sollte es auch für neuere und aktuelle Ereignisse geben, nämlich für das „Zeitgeschehen“, also unsere jüngste Gegenwart und Vergangenheit. Selbst ich, die ich jetzt schon länger nicht mehr zur Schule gehe, wünsche mir hin und wieder – oder sogar ziemlich oft – jemanden, der mir nicht nur beibringt, Zeitgeschehen zu beobachten und Fakten wahrzunehmen, sondern mir eine Art Wegweiser an die Hand gibt, mir Deutungsmöglichkeiten aufzeigt und mir ganz einfach dabei hilft, Dinge „klarer“ zu sehen. 

Ja, klar, ich informiere mich selbstständig über Medien, lese Zeitung und trotzdem fehlt mir etwas: die Zeit für Analyse und Bewertung. Hinzu kommt, dass wir Teil einer Öffentlichkeit sind, in der Ausdrücke wie „Fake News“ und „Fake Science“ vermitteln, dass es vermeintlich nicht mehr nur die eine Wahrheit gibt. Dass Meinung und subjektive Wahrnehmung mehr zählen als jeder Fakt. Tatsachen werden in manchen Debatten als austauschbar betrachtet und nicht mehr als die Gesprächsgrundlage, die jeder Diskurs dringend braucht. Wir können uns nicht ernsthaft darüber streiten, ob ein Apfel grün oder rot ist, aber wir dürfen sehr wohl eine Meinung dazu haben, wie er schmeckt. Wenn Fakt und Meinung aber vermischt oder vertauscht werden, verlieren wir etwas ganz Grundsätzliches: das Verständnis füreinander. 

Gerade jetzt dürfen wir nicht aufhören miteinander zu sprechen, auf der Basis von guten Argumenten. Auch das lernt man im besten Fall in der Schule. Zum Beispiel, indem man dort mehr über das Aktuelle, das gerade Drängendste spricht. Das Zeitgeschehen eben. Es geht dabei nicht darum, dass uns in der Schule eine bestimmte Sicht aufgezwungen wird, sondern darum, Methoden zu erlernen. Selbstständig Gedanken zu aktuellen Themen zu entwickeln und sich darin zu üben, sie bestmöglich in Worte zu fassen. Und dabei auch den Unterschied zwischen Meinung und Fakt, seriöser Nachricht und Fake News, gesellschaftlichem Problem und politischem Kalkül zu lernen. 

Schüler sollten mehr Fragen zu aktueller Politik stellen und ihre Angst vor dem eigenen Unwissen verlieren

Immer wieder werden an Schulen neue Fächer ausprobiert, darunter zum Beispiel das Fach „Verantwortung“ an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum oder „Glück“ an einer Schule in Heidelberg. 2015 schlug die damalige Bildungsministerin Johanna Wanka das Fach „Alltagswissen“ vor, hier sollte unterrichtet werden, was im Alltag nützlich ist, vom Kochen bis zum Abschließen von Handyverträgen. Auch diese Ideen waren und sind sicher relevant. Warum also probieren wir es nicht mal mit dem Schulfach Zeitgeschehen? 

Bundesweit gibt es kurzfristige Projekte, die Zeitunglesen für einige Wochen als Fach auf den Stundenplan packen. Doch nehmen wir unsere Welt schon lange nicht mehr nur über Zeitungen wahr. Der Verband der Zeitschriftenverlage in Bayern hat kürzlich gefordert, „Mediennutzung“ zu einem Schulfach zu machen. Den Zugang zu Medien im Unterricht könnte man gut mit dem Wissen über aktuelles Geschehen in Deutschland, Europa und weltweit verknüpfen. 

Wie stellt man das am besten an? Schüler sollten dazu ermutigt werden, mehr Fragen zu aktueller Politik zu stellen. Sie sollten in einer Umgebung lernen, in der sie ihre Angst vor dem eigenen Unwissen und davor, deswegen verurteilt zu werden, verlieren. Wie man sich online bewegt, wissen die Schüler besser als ihre Lehrer. Dennoch können sie lernen, wie man zum Beispiel Plattformen wie Twitter für sich nutzbar machen kann, wie man Fakes erkennt und bestimmte Positionen einem Faktencheck unterzieht. Die Schüler könnten sich auch selbstständig aktuellen Brennpunkten widmen, indem sie die Berichterstattung dazu genau verfolgen oder sich den Themen in eigenen Projekten für einen längeren Zeitraum widmen. Wer Schülern Wege aufzeigt, wie sie sich am besten mit der Weltlage auseinandersetzen können, handelt nachhaltig. 

Natürlich wird auch in anderen Fächern ab und an über aktuelle politische Entwicklungen gesprochen. Aber nicht umsonst wird kritisiert, dass wir so viel theoretisch und so wenig anwendungsorientiert lernen. „Zeitgeschehen“ zum Schulfach zu ernennen, würde uns dazu zwingen, konkreter zu werden, einzelne Fälle durchzusprechen. Und noch besser: Gelerntes kann direkt angewendet werden, um mit der Welt Schritt zu halten. 

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