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Fotos: imago/Karina Hessland, dpa, AFP / Illustration: Daniela Rudolf

Als die ersten Pegida-Reden in den Nachrichten auftauchten und Pegida-Gründer Lutz Bachmann mit Hitler-Bärtchen posierte; als Frauke Petry dafür plädierte, die historische Schuld Deutschlands zu relativieren und die AfD vergangenen Sommer in den Bundestag einzog und seither alle anderen Abgeordneten mit ihrer Hetze auf Trapp hält, da schrie es von überall: „Sie sind wieder da! Nazis! Hetzer! Menschenfeinde!“ Ganz so, als wären diese „neuen Rechten“ wie Pilze über Nacht gewachsen und als sei das alles eine riesige Überraschung. 

Die Empörung mag berechtigt sein. Dass manche diese Entwicklung aber als eine Bewegung aus dem Nichts wahrnehmen, ist falsch. Das Problem ist, dass wir es in der Schule genau so lernen: Nazis, das waren die von 1933 bis 1945. Danach beschäftigt sich der Geschichtsunterricht mit der EU, dem Kalten Krieg oder dem Mauerfall – aber nicht mehr mit Rechtsextremismus. Die Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen, der Brandanschlag von Solingen oder der NSU werden selten überhaupt und noch seltener als historische Kontinuität behandelt. Als etwas, das mit dem Kapitel von 1933 bis 1945 zu tun hat. 

„Aktuelle Bezüge gab es eigentlich nie“, sagt eine junge Frau über ihren Geschichtsunterricht 

„Abgesehen vom Kapitel über die Römer, haben wir im Geschichtsunterricht kaum über etwas anderes gesprochen als die Nazi-Zeit“, erinnert sich Marla, 21, die in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg ihr Abitur gemacht hatte. „Das hat sich erst mit der Oberstufe geändert, da haben wir dann über andere Themen wie die Gründung der EU oder die Teilung Deutschlands gesprochen. Aber aktuelle Bezüge gab es eigentlich nie, das Thema Rechtsextremismus war abgeschlossen.“ Ihr Bruder Mika, 17, der eine Realschule besucht hat und gerade eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel macht, hat das ähnlich erlebt: „In der Werkrealschule gab es keinen Geschichtsunterricht, das hieß bei uns Gemeinschaftskunde. Über Themen wie aktuellen Rechtsextremismus haben wir da aber auch nicht gesprochen, nur über die Vergangenheit.“ Wenn man andere Menschen zwischen 18 und 25 befragt, bestätigen die meisten diese Erfahrung.

Diese Vorstellung von einem abgeschlossenen Kapitel in einem Geschichtsbuch, das man wochenlang durcharbeitet, dann eine Prüfung schreibt und schließlich für immer zuklappt, ist gefährlich. Es spielt denjenigen in die Hände, die wie Alexander Gauland von einem „Vogelschiss“ der Geschichte reden (und es danach nicht so gemeint haben wollen), die sich wie sein Parteikollege Jens Maier vom „Schuldkult“ befreien wollen oder wie Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordern. Dabei würden sich gerade die Reden von Höcke, der auf Goebbels-Rhetorik und Nazi-Vokabular setzt, als Parallele für den Geschichtsunterricht anbieten. Nur wird das scheinbar in den seltensten Fällen getan. Drücken sich Geschichtslehrer davor, aktuelle Bezüge herzustellen?

„Eigentlich lernen alle Lehrer in der fachdidaktischen Ausbildung, gegenwartsbezogen zu unterrichten“ sagt Ulrich Bongertmann, Sprecher des Verbands der Geschichtslehrer Deutschland e.V. Allerdings sei es oft eine Zeit- und Motivationsfrage, inwieweit diese Maxime dann wirklich umgesetzt würde: „Dafür müssten sie sich eigenständig informieren, viel Zeitung lesen und sich privat weiterbilden. Klar wird bei Fortbildungen zu Antisemitismus auch auf die heutige Problematik eingegangen. Allerdings kommen viele im Unterricht gerade so mit dem eigenen Stoff durch und da ist es schwer, Raum für Zusatzmaterial zu schaffen.“ 

Die Lehrerin hat manchmal Angst, dass ihr Unterricht zu politisch sein könnte 

Corinna, 28, hat im letzten Jahr eine neunte Klasse an einem Gymnasium in Baden-Württemberg unterrichtet. Sie ist sich nicht ganz sicher, wie politisch Geschichtsunterricht eigentlich sein darf: „Manchmal hab ich Schiss, dass meine Schüler mich anschwärzen könnten. Man schwört schließlich bei Berufsbeginn auf die Verfassung und da darf man die politische Färbung im Geschichtsunterricht auch nicht überstrapazieren.“ Im Alltag ist sie selbst ein sehr politischer Mensch und gibt sich Mühe, dass ihre Schüler einen kritischen Blick nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart entwickeln. Wenn sie im Unterricht Passagen aus „Mein Kampf“ mit Teilen aus Björn Höckes Reden vor der jungen Alternative vergleicht, dann provoziert sie eine Empörung, die das sachliche Geschichtsbuch nicht hergeben würde. Dass solche Querbezüge psychologisch wichtig sind, wurde in der Ausbildung zur Lehrerin immer wieder betont: „In meinem Umfeld versuchen die meisten Lehrer, vor allem die jungen, einen Bezug zur Alltagswelt der Schüler herzustellen. Wir organisieren Stadtspaziergänge zur jüdischen Geschichte oder Exkursionen in das ehemalige KZ Struthof. Aber ich bin auch kein Paradebeispiel. Der Anspruch, immer auch etwas Aktuelles einzubinden, ist schon krass“, sagt sie.

Wer Geschichtsunterricht mit Gegenwartsbezug unterrichten will, muss sich privat einen Pool an Materialien zusammensammeln und immer auf dem Laufenden bleiben. Dass frisst viel Zeit. Für eine gut geplante Doppelstunde arbeitet Corinna oft mindestens einen Arbeitstag. „Es ist nicht möglich, dass ich das in jeder Klasse immer so mache“, sagt sie. Darum zeigt sie auch mal eine Doku oder macht eine Stunde nach dem klassischen Geschichtsbuch. Das eigentliche Problem ist am Ende vielleicht nicht die Motivation, sondern die Bezahlung – denn die Zeit, die man als Lehrer zusätzlich aufwenden muss, um aktuelles Material sinnvoll in den Unterricht einzubinden, wird natürlich nicht entlohnt. „In den Deputaten (Anzahl der Pflichtstunden, die Lehrer/innen jede Woche unterrichten müssen, Anm.d Red.) wird nicht mitgedacht, dass manche Fächer viel mehr Vorbereitungszeit brauchen als andere. Leute die Ethik, Politik oder Geschichte unterrichten, gehen viel mehr auf dem Zahnfleisch, als zum Beispiel Sprachlehrer“, beobachtet Corinna, wenn sie sich mit anderen Lehrern vergleicht. 

In manchen Bundesländern gibt es nur eine Stunde Geschichtsunterricht in der Woche 

Auch der Standort der Schule spielt eine Rolle. Dass der Nationalsozialismus behandelt wird, ist in allen Bundesländern Pflicht. Trotzdem gibt es in Deutschland 16 unterschiedliche Lehrpläne und Stundenzuweisungen für den Geschichtsunterricht. Bei 70.000 Geschichtslehrern bundesweit können da inhaltlich sehr unterschiedliche Dinge rauskommen, meint Ulrich Bongertmann vom Lehrerverband: „Es ist nicht gerade optimal, dass Gymnasiasten in vielen Bundesländern gerade mal ein bis zwei Geschichtsstunden pro Woche haben. An den Realschulen fallen Teile des Unterrichts ganz weg, weil sich Geschichte da in Gesellschaftskunde eingliedert. Ein Phänomen wie Antisemitismus ist historisch betrachtet schon zeitintensiv, da kommt die Gegenwart logischerweise oft zu kurz.“ Bongertmanns Fazit: „Wir bräuchten mehr Unterrichtsstunden.“

Man könnte also einfach sagen, dass Zeit- und Geldmangel für die altbackene Vermittlung von Geschichte verantwortlich sind. Und es wäre sicherlich unfair, alle Geschichtslehrer unter Generalverdacht zu stellen, nicht ausreichend motiviert zu sein. Aber kostet es wirklich so viel mehr Zeit, mal einen Zeitungsartikel über Beate Zschäpe auszuschneiden oder einen Film wie „Wir sind jung. Wir sind stark“ zu zeigen, statt der dritten Doku über „Hitlers Helfer“?

Vielleicht wären die Diskussionen, die daraus mit und unter den Schülern entstehen, zeitaufwendig. Vielleicht müsste man dafür zehn Minuten EU-Gründungsgeschichte streichen oder auf dem Schulhof weiterdiskutieren. Aber wenn der Lehrplan da aufhört, wo der Nationalsozialismus etwas mit uns selbst und unserer Alltagswelt zu tun hat, dann fehlt etwas. Dann ist es nicht überraschend, dass die Rechten gerade als „neu“ wahrgenommen werden und am Ende wirklich erreichen, dass wir unsere Geschichte vergessen und die eigentlich so klaren Bezüge von damals zu heute nicht mehr sehen. Viel besser wäre es doch, wenn jeder 17-Jährige die Rhetorik eines Björn Höcke durchschauen würde. Und wenn er schlagfertig und historisch fundiert darauf antworten könnte.  

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