Zu Besuch im Trainingslager der Grünen Jugend

Bei der Kommunalwahl in Bayern könnten die Grünen so gut abschneiden wie noch nie. In die Stadträte sollen deshalb auch die Jungen.
Von Marcel Laskus
Anna Hopfe und Tim Höfler

Foto: Ingo Thiel, privat; Bearbeitung: jetzt

Die jungen Grünen wollen etwas verändern, ihr Viertel, ihre Stadt, am liebsten die ganze Welt. Bevor es aber dazu kommt, sitzen 23 von ihnen an einem Sonntagnachmittag im muffigen Mehrzweckraum einer Jugendherberge am Starnberger See und klacken die Verschlusskappen dicker Filzstifte auf. Eine Frage, sagt die Seminarleiterin zu ihnen, sollen sie nun bitte beantworten: Wovor sorgt ihr euch, wenn ihr daran denkt, dass ihr in ein paar Wochen im Stadtrat sitzt? 

Dann quietscht und wischt es über Karteikarten, zehn Minuten lang. Vor ein, zwei Jahren haben manche von ihnen noch für ihre Abi-Prüfungen gelernt, so jung sind sie. Nun werden sie mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in ein paar Wochen Mitglied im Stadtrat sein. In München und in Regensburg, in Eching und in Alzenau. Dort, wo sie antreten, stehen sie an aussichtsreicher Position auf den Wahllisten, denn vielerorts setzen die Grünen in diesem Jahr auf die Jugend. Die 23 sind deutlich jünger als die meisten anderen Stadträte. Und genau deshalb könnten sie unterschätzt werden. Damit sie dem etwas entgegnen können, sitzen sie an diesem Wochenende hier.

Da ist die erste im Stuhlkreis, die mit dem Vorlesen ihrer Karteikarte ansetzt, um dann doch frei heraus zu sagen: „Ich fühle mich nicht vorbereitet auf den Stadtrat.” 

Da ist die zweite, die sagt: „Ich habe Bedenken, gegen den alten, eingesessenen Dorfkern anzukommen.” 

Da ist der dritte, der fragt: „Wie setze ich mich als junger Grüner gegen Altgrüne durch?” 

Da ist der vierte, der zögerlich in die Runde spricht: „Mit dem Hass, wie geht man damit um?” 

Und da ist Tim Höfler, der fragt: „Wie bekomme ich es hin, Mehrheiten zu beschaffen?”

Die Menschen, die neben Tim im Stadtrat sitzen werden, heißen Helmut und Hans-Dieter

Gute Frage. Denn ginge es nur nach dem Alter, dann wäre Tim Höfler schon mal klar in der Minderheit. Die Menschen, die neben ihm im Stadtrat sitzen werden, heißen Helmut und Hans-Dieter und Rolf. Wenige Wochen noch, dann wird auch er, der 21 Jahre alt ist, gewählt sein – genau wie die anderen in der Runde, so sagen es zumindest die Prognosen. Tim kandidiert in Alzenau, einer Kleinstadt nahe Aschaffenburg, gut 16000 Menschen leben dort. Plakate mit seinem Gesicht hängen schon überall in der Stadt. Aber der Einzug in den Stadtrat ist ihm ohnehin so gut wie sicher: Mit etwa fünf Plätzen rechnen die Alzenauer Grünen; Tim steht auf Platz zwei, wäre also ziemlich sicher drin. Und dann? 

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Foto: Ingo Thiel

Stadtrat oder Stadträtin sein – schon klar, es gibt Tätigkeiten, die mehr nach Jugend klingen, mehr nach Aufbruch. Und es ist ja auch so: Es gibt die Leute, die werden 21 und steigen in den Flieger nach Uganda, um dort Brunnen zu bauen. Es gibt die Leute, die werden 21 und experimentieren mit Sehnsüchten und Substanzen und sind auf der Suche nach sich selbst. Und es gibt Leute, die werden 21 und kandidieren für den Stadtrat. Um etwas anderes zu suchen. Zum Beispiel nach einer Lösung für die schlechte Busanbindung rund um Alzenau oder den Mangel an Angeboten für queere Menschen. Es sind die Pläne von Tim.

Allzu viele, die bei so etwas Genugtuung empfinden, sind es nicht. Zumindest nicht im jungen Alter: Nur 11,4 Prozent der Stadtratsmitglieder in Nordrhein-Westfalen waren nach einer Zählung des WDR im Jahr 2018 unter 40 Jahre alt. Weniger als jedes vierte Stadtratsmitglied ist eine Frau. In Bayern, wo mit der CSU eine der ältesten und männlichsten Parteien vielerorts regiert, aber auch in den meisten anderen Bundesländern, dürfte es nicht viel anders aussehen. 

Dabei werden die Jüngeren, gerade auf kommunaler Ebene, für die Parteien immer wichtiger – ganz besonders bei den Grünen. Geht es nach den jüngsten Umfragen vom Januar, könnten die Grünen ihr Ergebnis von 2014 (10,2 Prozent) bei den diesjährigen Kommunalwahlen verdoppeln: auf rund 25 Prozent. Gleichzeitig haben sich zwischen Januar 2018 und Januar 2020 auch die Mitgliederzahlen der Bayerischen Grünen von 1225 auf 2600 Menschen mehr als verdoppelt. 

Das Problem: Neu-Mitglied einer Partei kann man zwar vom einen Tag auf den nächsten werden. Erfahrung mit Gremien und Ausschüssen muss man sich aber erst erarbeiten. Und nur wenige haben dafür Zeit und darauf Lust – gerade unter den Jüngeren.

Umso mehr kommt es auf Seminare wie dieses in Possendorf an, bei denen die Workshops „Koalitionsverhandlungen“ heißen und „Auftreten im Gremium“. Und es kommt auf Menschen an wie Tim. Seit fünf Jahren ist er Mitglied bei den Grünen. In Frankfurt am Main, das eine Zug-Stunde von seiner Heimat entfernt ist, studiert er Jura. Sein übriges Leben ist einigermaßen stark auf die Heimat ausgerichtet: Jeden Tag, wenn er in die Uni muss, pendelt er mit dem Zug zum Hörsaal. Viele seiner Freunde wohnen in der Heimat. Er ist aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. 

Was aber, wenn er in zwei Jahren einen Master in einer anderen Stadt machen will?

Wird er gewählt, würde er sechs Jahre lang im Stadtrat sitzen. Was aber, wenn er in zwei Jahren einen Master in einer anderen Stadt machen will? Was, wenn er Fernweh bekommt? Ein Erasmus-Semester, sagt Tim, natürlich könne er sich das vorstellen. „Aber das ist womöglich etwas, worauf ich verzichten muss.” Denn das Stadtratsamt ist zwar ein Ehrenamt, das für ihn mit etwa 200 Euro im Monat entschädigt wird. Aber eben auch ein Amt, das ihn 20 bis 30 Stunden Arbeit in der Woche kosten wird. Bis zum Jahr 2026.

Ob er das durchhalten kann? Er zögert, natürlich will er das. „Ich kann es nicht versprechen, und ich halte diesen Zeitraum für zu lang.” Er scheint zu ahnen, dass sich das Amt als Stadtrat nur schwer vereinen lässt mit den Bedürfnissen eines Menschen, der seine 20er fast noch vollständig vor sich hat. Aber anders, sagt Tim, gehe es nun mal nicht. Nur auf die Straße zu gehen, etwa bei Fridays for Future, das reiche nicht aus. „Am Ende wird in den Räten und Gremien entschieden. Es ist der einzige Weg, um ganz konkret etwas zu verändern.” 

Neben Tim Höfler im Stuhlkreis sitzt Anna Hopfe, ebenfalls 21 Jahre alt. Auf ihre Karteikarte hat sie „Politisches Tagesgeschäft vs. eigener Anspruch” geschrieben. „Was ist”, fragt Anna in die Runde, “wenn die eigenen Forderungen nicht mehrheitsfähig sind?” Bei der Kommunalwahl im März tritt sie für die Grünen in Regensburg an und – wie bei Tim Höfler – gilt auch ihr Einzug in den Stadtrat als so gut wie sicher. Sie steht auf Listenplatz drei. Aktuell haben die Grünen fünf Sitze; nun rechnen sie mit mindestens zehn Sitzen. 

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Foto: privat

Im Mehrzweckraum der Jugendherberge geht es nun, eine halbe Stunde nachdem Anna und Tim ihre Bedenken und Hoffnungen vorgetragen haben, um Strategien. Wie kann man erfolgreich im Stadtrat arbeiten, wenn man dort neu ist? Die Dozentin, selbst erst 25 Jahre alt und seit einem Jahr Mitglied in einem Stadtrat in Thüringen, spricht von „coolen Anträgen”, mit denen man auffallen sollte. Dass man sich schnell ein Thema suchen sollte, das man unbedingt umsetzen will. Persönliche Kontakte aufbauen, auch das sei wichtig, erzählt sie, vor allem mit der Verwaltung müsse man sich gut verstehen. Schon klar, es gibt Orte, an denen wird mehr Adrenalin ausgeschüttet als in diesem Seminarraum.

„Kommunalpolitik ist nicht sexy, sondern oft kleinteilig und mühsam“, sagt Anna dazu. In den Stadtrat will sie trotzdem, dafür seien ihr die Probleme „viel zu ernst“. Politisiert hat sie nicht Regensburg, sondern ihre Heimat, die knapp 300 Kilometer weiter im Nordosten liegt: in Chemnitz.  In ihrer Kindheit und Jugend habe sie Ausländerfeindlichkeit erlebt gegenüber ihren Freundinnen und Freunden, die keine weiße Hautfarbe hatten. Sie seien beschimpft worden, nur weil sie anders aussahen. Dass so etwas an irgendeinem Ort zur Normalität wird, dagegen möchte sie sich einsetzen. Einerseits. Andererseits möchte sie auch, dass Regensburg, ihre neuen Heimat, sich in einem anderen Bereich etwas abguckt von Chemnitz, ihrer alten Heimat: „Es gibt dort mehr alternative Räume und Kultur als in Regensburg”, sagt Anna. „Eine bessere antifaschiste Vernetzung, auch die Lehrer gehen demonstrieren, nicht nur die Schüler. Man hat das Gefühl, dass die Dinge nicht so gegeben sind.” Für Regensburg wünscht sie sich mehr Mitbestimmung für die Jugend und einen Radfahrer-Ring für die Innenstadt. 

Aber hier wohnen, mindestens sechs Jahre lang? „Ich bin sehr optimistisch, dass ich bleibe”, sagt Anna. Ihren Master wolle sie hier machen, später vielleicht auch in Regensburg promovieren. Mit 21, einem Alter, in dem viele nur ungern über den nächsten Tag und die nächste WG-Zwischenmiete hinaus planen, haben Anna und Tim entschieden, einfach mal da zu bleiben.

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