Das News-Problem

Ungefähr ab 30 kann man zu guten Freunden nicht mehr einfach sagen "Du, es gibt was zu erzählen". Denn dann erwarten die gleich was von Hochzeit oder Kind. Und das muss wieder aufhören!
Von Elias Steffensen
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„So, so, es gibt was zu erzählen? Na wenn ich da mal nix merke ...“

Foto: GoodwinDan / photocase.de

Ist jetzt schon etwas länger her, da gab es beruflich Erfreuliches. Was mit Aufstieg und Geld, vor allem aber etwas, das Anerkennung für Geleistetes signalisierte. Ich freute mich jedenfalls sehr drüber und ein bisschen stolz war ich vielleicht auch, und als Freundin T. dann am Telefon war, wollte ich ihr davon erzählen. Aber T. hatte gerade wenig Zeit und weil wir eh ein paar Tage später verabredetet waren, sagte ich nur etwas wie: „Da freue ich mich aber. Wir haben uns ja auch länger nicht gesehen, und es gibt auch was zu erzählen.“

Und interessant ist jetzt die Antwort: So etwas wie „So, so“ nämlich, oder vielleicht auch „Oh, ho“, genau konnte ich’s nicht verstehen, aber das war auch egal, denn wichtiger war eh der Subtext. Man konnte das Augurenlächeln ja förmlich durchs Telefon hören und den Subtext dahinter. Und der lautete: „So, so, wenn ich da mal nix merke, zwinker, zwinker. Aber ich tue trotzdem überrascht, wenn du mir erzählst, dass ihr schwanger seid.“ Also sagte ich: „Nein, tut mir leid, nicht schwanger.“ Und T. sagte: „Ach so.“ Und da war kein Subtext. Nur Enttäuschung. Und ein bisschen Langeweile.

Noch etwas länger her, da gab es privat Erfreuliches: Die Frau, die ich gut kenne, und ich, wir renovierten gerade die Wohnung. Ganz schön grundlegend. Ganz schön lang auch und wir waren endlich in den Endzügen, als Freund W. anrief, aus der mittelhessischen Provinz, um einen Besuch zu verkünden. Ich sagte also: „Cool, hier verändert sich gerade eh sehr viel, dann siehst du das gleich direkt, bevor ich dir lange davon erzähle.“

Und wieder selbes Spiel: Augurenlächeln durchs Telefon und „So, so“ oder „Oh, ho“ und Beschwichtigung von meiner Seite – nein, nein, die Wohnung, einfach so, weil’s geil ist. Die subtextlose Enttäuschung von W. passte in die zwei Wörter „Ah, okay.“

Natürlich ist das auch ein Altersphänomen. Irgendwann haben alle Kinder. Und alle, die Kinder haben, halten das für das größte (eigentlich einzige) Glück. Und die meisten halten es auch auf unbestimmte Zeit für das größte (eigentlich einzige) Thema. Und man muss das natürlich verstehen. Das ist ja bestimmt auch aufregend und richtig. Und nur, damit das ganz, ganz deutlich ist: Ich liebe T. und W.! Innig und heiß! Und ihre Kinder, die liebe ich auch. Aber diese „Ach so“s und „Ah, okay“s, die sind, mit Verlaub, eine Anmaßung, dass ich sie an die Wand klatschen könnte (nicht die Kinder).

„Wir transzendieren ja momentan eher. Wir haben ja ein Kind.“

Weil sich hinter der Enttäuschung, so lieb sie natürlich gemeint ist (man will sich ja nur ganz doll mit dem anderen freuen), eben auch eine Norm versteckt. Und weil die besagt, dass es irgendwann wenigstens eine Zeitlang keine erzählenswerten Neuigkeiten mehr gibt, die nicht mit Nachwuchs oder Ringtausch zu tun haben. Weil es auch sagt: „Ach, du erfreust dich noch an Weltlichem – Karriere, neuen Küchen, einer Couch? Da haben wir gerade wenig Kontakt zu. Wir transzendieren ja momentan eher. Wir haben ja ein Kind.“

Das macht andere Leidenschaften klein. Es lässt sie weniger wert erscheinen – vielleicht sogar nutzlos. Und deshalb soll hier auch tatsächlich mal ein echter, etwas wütender Appell stehen: Hört auf damit! Meine herausgerissene Wand und die loftige Küche, für die sie Platz gemacht hat, sind für mich genauso wichtig, wie der erste Milchzahn eures Kindes für euch. Behandelt die Nachricht so!

Als ich übrigens vor ein paar Tagen D. erzählen wollte, dass ich gerade einen großen Text in einem großen Ressort einer großen Zeitung untergebracht habe, mit Lob und Folgeauftrag und etwas Stolz auch wieder, da sparte ich mir das Spiel gleich: „Freue mich auf heute Abend“, sagte ich, „es gibt nämlich weder Kind noch Hochzeit und trotzdem habe ich ein paar schöne Sachen zu erzählen. Beruflich!“ D. war nur kurz irritiert, dann sagte er: „Den Text im Feuilleton meinst du? Habe ich gelesen! Bockstark. Gratuliere.“ Und dann sagte er noch, dass er sich sehr für mich freue. Und dass er sein zweites Kind erwarte. Und dann haben wir uns abends ganz wunderbar betrunken.

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