freunde mit kindern
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Gerade hat Jacques beim Wickeln noch geschrien, jetzt streckt er die Füße von sich und präsentiert seinen Po glucksend dem lauwarmen Luftstrom. Der Trick ist einfach, aber effektiv: Ich föhne ihm den Hintern. Meine Freundin und ich schauen uns an, zufrieden und erleichtert. Wir haben es geschafft. Das Kind ist glücklich.

Jacques ist ein halbes Jahr alt. Er ist der Sohn einer Freundin, die ich seit dem Studium kenne. Wir haben zusammengewohnt, viele hundert Liter Tee getrunken und ein paar Liter Alkohol. Wir haben Beziehungsprobleme diskutiert und Uni-Prüfungen zusammen gemeistert. Jetzt stehen wir vor einem halbnackten Baby, mit Windel und Fön. Unsere Freundschaft tritt in eine neue Phase ein: Eine von uns hat jetzt ein Kind.

Wenn ich unter Kinderlosen erzähle, dass einige meiner Freunde jetzt Kinder bekommen, sagen viele: „Oh.“ Das klingt wie: „Oh, dann ist die Freundschaft ja jetzt vorbei.“ Die Sorge, dass sich ihr Leben für immer verändert, haben vermutlich viele werdende Eltern. Und obwohl es meistens keiner sagt: Ihre Freunde haben diese Sorge auch. Denn was Freunde verbindet, sind Rituale, ein gemeinsamer Lebensstil. Freitagabends zum Späti radeln und mit einem Feierabendbier am Ufer sitzen, Sonntags zu lange schlafen und zum „Tatort“ frühstücken – wie soll das mit einem zahnenden Säugling gehen?

Das Problem ist: In vielen Köpfen mutieren Menschen, die Kinder bekommen, zu Monstern, die helikopterartig um ihren Nachwuchs schwirren. Anstelle meiner Freunde erwarte ich in den ersten Wochen Menschen mit tiefen Augenringen, die sich nicht mal mehr an den eigenen Vornamen erinnern, gekettet an ein kleines, ständig nach Aufmerksamkeit schreiendes Geschöpf. Ich gebe zu, der Gedanke hat mir Angst gemacht. Keiner weiß schließlich, wie sehr ein Kind das Leben verändert, bevor es da ist – weder die Eltern, noch deren Freunde.

Wer eine Freundschaft an ein paar Ritualen festmacht, hat das Prinzip nicht ganz verstanden

Es stimmt, meine Freunde sind müder. Und ja, Neugeborene schreien. Als mir meine Freundin nach ein paar schlafarmen Monaten sagte, dass sie keine Reserven mehr hat, fühlte ich mich hilflos. Das Baby ist existentieller als der Prüfungsstress und die Männerprobleme davor. Aber am Ende ist die Lösung dieselbe: da sein, zuhören. Ich finde, Freunde sollten junge Eltern selbst ein bisschen wie Babys behandeln: Haben sie Hunger? Müssen sie mal wieder duschen oder aufs Klo? Heißt konkret: Essen mitbringen, ihnen das Kind abnehmen, beim Gehen den Müll runterbringen. Wer auf eine Schwangerschaftsverkündung mit „Boah, heißt das, du kannst jetzt Sonntags nicht mehr brunchen?“ reagiert, ist disqualifiziert.

Ein Baby ist eine Prüfung. Nicht nur für eine Beziehung, auch für eine Freundschaft. Meine Freundin und ich trinken seltener Tee als früher, am Kanal saßen wir noch gar nicht. Aber: Ich vermisse nichts. Wer eine Freundschaft an ein paar Ritualen festmacht, hat das Prinzip nicht richtig verstanden. Wenn eine Freundin ihr kleines Kind versorgt und ihren Alltag daran anpasst, ist sie ja trotzdem noch derselbe Mensch. Nur müder und gestresster vielleicht. Was dann hilft, ist Normalität. Vor dem Lieblingscafé in der Sonne sitzen oder zuhause frühstücken. Dass mittlerweile noch ein Kleiner dabei ist, der zwischen Krümeln und Marmeladeresten an einem Löffel nuckelt, stört nicht, sondern ist schön.

Meine Freunde und ich haben jetzt neue Rituale: Wir liegen mit dem Baby auf dem Bett und reden, drehen ein paar Runden mit dem Kinderwagen, ich föhne dem Kind den Arsch und wir lachen darüber, wie es gluckst. Unsere Gesprächsthemen sind die Gleichen, wenn auch um die Sparte „Kind“ erweitert. Zuhören können meine Freundinnen nach wie vor noch. Aber ich glaube, wir sind ehrlicher. Ich erlebe sie in einer Extremsituation, die nicht viel Platz zum Schönreden lässt. Diese Ehrlichkeit tut auch mir gut.

Und auch ihnen scheint es gut zu tun, ein bisschen aus dem Elternkosmos auszubrechen. „Nichts gegen Krabbelgruppen-Support, aber sich ‘ne halbe Stunde über den Stuhlgang des Kindes auszutauschen ist mir echt zu viel“, sagte eine Freundin nach einem Elterntreffen. Viele dieser Gruppen verbindet nichts außer ihre Kinder. Manches kann ich sicher schlechter nachvollziehen, weil ich kein Kind habe. Trotzdem kenne ich meine Freunde – nicht nur als Eltern. Vielleicht verstehe ich sie gerade, weil ich weiß, wie sie knülle und im Karnevalskostüm aussehen. Und zu sehen, wie sie versuchen, einen Menschen großziehen, macht mich auch deswegen stolz.

Als wir so am Wickeltisch stehen, meine Freundin mit der Windel, ich mit dem Fön, verstehe ich, dass ich keine Angst haben muss. Das Kind bestimmt den Rhythmus, aber unsere Uhren sind längst umgestellt. Männerprobleme, Prüfungsstress, Kinder – all das ist normales Leben. Und gute Freunde gehören dazu, egal was davon gerade ansteht.

Es stimmt. Die Kinder haben unsere Freundschaften verändert, aber sie haben sie auch tiefer gemacht. Einen größeren Vertrauensbeweis als diesen gibt es nicht: Vor ein paar Wochen überlässt mir eine andere Freundin für ein paar Stunden ihre kleine Tochter. Vielleicht, weil sie weiß, dass ich der Kleinen notfalls auch den Hintern föhne.

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