T wie Tangatechnik: das große Freibad-ABC

Sommer, Ferien, Wüstenhitze! Das Freibad ist der beste Ort, um die Sommerfrische zu verbringen. Eine Sammlung der wichtigsten Begriffe, von A wie Anstehen bis Z wie Zehnerspringer.
Von Jakob Biazza und Jan Stremmel
pipi
Foto: Niels P. Joergensen

A wie Anstehen

Die Essenz des Freibadbesuchs. Nichts, was im Freibad Spaß macht, geht ohne: Reinkommen, vom Sprungbrett hüpfen, Pommes essen – überall Schlangen, überall warten, überall Ungeduld. Im Normalfall ist das nervig. Für den -> Runterkletterer werden die Anstehenden, die ihn erst zum schnellen Sprung gedrängt haben, zum "Trail of Shame" – einem Spießrutenlauf aus Kopfschütteln, Pöbeleien und kehlig pubertärem Gelächter.

B wie Bum Bum

Milcheis mit roter Zuckercremeglasur. Der Kaugummi im Stiel macht es zu einem, wenn nicht dem Klassiker der Freibad-Kulinarik. Deren wichtigstes Wesensmerkmal ist es, größtmöglichen Zuckergehalt in die überraschendsten Formen zu bringen: Maoam in Zäpfchenform (Cola-Kracher), Brause als Lippenstift (Candy-Lipstick), Säurebad als Kaugummi (Center-Shock). Nur Freibad-Fachmänner wissen, dass Bum Bum nach "Bum Bum Boris" Becker benannt ist, nachdem dieser im Jahr 1985 das Wimbledon-Turnier gewann.

C wie chlorfrei

Resultat des Trends zum Naturbad – mit Algen statt Chemie, die Yogurette unter den Freibädern: nichts Halbes und nichts Ganzes.

D wie Dreier

Mittlere Sprungbretthöhe, hierbei in etwa vergleichbar mit einer roten Abfahrt beim Skilaufen. Der Dreier belegt in der Hierarchie der Sprungtürme den vorletzten Platz: Er ist nur knapp höher als der indiskutable -> Einser. Andererseits ist ein Bauchplatscher von dort schon schmerzhaft genug, um von den ->Hosenposern als erste geeignete Bühne anerkannt zu werden. 

E wie Einser

 

Ballungszentrum für Kinder, deren Väter und natürlich ->Weiber. Klar, weil: Spektakuläre Verletzungen sind von hier kaum möglich, sieht man von einer Flutung der Nebenhöhlen ab (->Nasezuhalter). 

 

F wie Fünfer

 

Das Basiscamp des Sprungturms: Ab hier steigt die Zahl der -> Hosenposer rapide an. Sie lehnen oben meist in Vierertrauben mit tropfenden Badehosen am Geländer und verhöhnen ->Runterkletterer und verirrte ->Nasezuhalter.  Erste Sprungbretthöhe, bei der man auf der Leiter den Höhenwind zu spüren meint. 

 

G wie Geölte, Der

 

Der Geölte ist ein ganzkörperrasierter Narziss, der den Moment herbeisehnt, sich irgendwann im Schmierfilm auf der eigenen Haut spiegeln zu können. Er nutzt das Freibad vor allem zur optischen Selbstoptimierung – also zum Bräunen. Es ist nicht überliefert, ob er je im Wasser war. Was der Geölte sucht, ist schließlich nicht Erfrischung, sondern Sonne beziehungsweise mehr Sonne. Entsprechend schmiert er sich auch nicht mit Sonnencreme ein, sondern mit Südtiroler Nussöl. Der Geölte ist in aller Regel das Frühstadium des -> Silberrückens. Wo man ihn garantiert nie sieht: Rutschenparadies. Schade eigentlich! Er dürfte aufgrund reduzierter Reibung Spitzengeschwindigkeiten erreichen – und die -> Tangatechnik ist bei ihm serienmäßig eingebaut.

H wie Hosenposer

 

Der Hosenposer ist immer im Rudel anzutreffen, immer männlich, immer laut und zeigt seine Zahnspange mit dem Stolz, mit dem er später seine Rolex zeigen wird. Der Hosenposer trägt mindestens zwei, manchmal auch drei Badeshorts übereinander. Was er damit sagen will: „Meine Arschbomben sind so krass – das hältst du sonst nicht aus!“ Was er tatsächlich sagt: „Guck nicht so – das Wasser ist ja auch kalt ...“

 

I wie „Ist das Wasser gerade wärmer geworden?!“

 

J wie Jangtse-Staudamm

 

-> Yangtse-Staudamm

 

K wie Karambolage

 

Häufige Folge des Wasserrutschens in größeren Gruppen bei Unterschreitung des vorgeschriebenen Mindestabstands. Entsteht meistens, wenn Kenner der ->Tangatechnik unmittelbar hinter einer Gruppe mit den Handflächen bremsender Mädchen (->Weiber) die Rutschbahn hinab donnern. Meist jedoch gesundheitlich unbedenklich, weshalb anfänglichem Kreischen, gespielter Empörung und Entwirrung aller Gliedmaßen im Landebecken meist ein großes gegenseitiges Anspritzen aller Unfallparteien folgt. 

 

L wie „Langsamer laufen!“

 

Reflexhaft gebellter Befehl des Bademeisters am Sprungbecken, der den zügigen Verkehrsfluss zwischen Becken und Turm aus Sicht der ->Hosenposer unnötig aufhält.

 

M wie Machorolle

 

Im Freibad zuverlässig eintretende Charakterwandlung bei Jungs ab dem 14. Lebensjahr. In größeren Gruppen legen Jungs in dieser Altersgruppe zusammen mit den Straßenklamotten auch weite Teile ihrer guten Erziehung ab. In der Machorolle heißen Mädchen fortan -> "Weiber", es wird gegrölt, gefurzt und "zwei fürs Zurückzucken" gespielt.

 

N wie Nasezuhalter

 

Unterste Kaste in der Hierarchie des Sprungturms. Drunter stehen nur Nichtschwimmer. Anzutreffen in der Regel am ->Einser, häufige Überschneidungen mit der Gruppe der ->Weiber, weshalb gelegentlich eine natürliche Korrelation mit dem ->Hosenposer zu beobachten ist.

 

O wie Obendrüberklettern, nachts

 

Wahrscheinlich ein Urban Myth wie die Spinne in der Yucca-Palme: Angeblich war ein enger Freund mal dabei. Der wird bei genauer Nachfrage aber „eher ein Freund der Cousine“. Und er hat’s auch nur gehört. Trotzdem: unbedingt erstrebenswerte Form jugendlicher Kleinkriminalität – wenn ein paar Hirnamputierte es nicht übertreiben würden.

P wie Pommes

 

Nahrungsmittel, das wissenschaftlichen Studien zufolge nirgends so gut schmeckt wie im Freibad (siehe auch ->Bum Bum).

 

R wie Runterkletterer

 

Das Horrorszenario des Heranwachsenden! Mal was riskieren, sich selbst überwinden, die eigenen Grenzen austesten, den -> Fünfer lässig links liegen lassen, die zweite Badeshort noch mal zurechtrücken, an den Rand des Sprungturms treten und, zack: Höhenangst, Schwindelanfall, taube Angst, verschwommenes Blickfeld, das sich von den Rändern her langsam verengt, Harndrang, aufsteigende Übelkeit, zitternde Knie, Vollblockade! Was folgt ist ein letzter, aussichtsloser Moment, in dem das Hirn noch versucht zu leugnen, was der Körper längst weiß und dann: Rückzug, Trail of Shame. Vorbei an den Anstehenden, dem -> Zehnerspringer, vorbei an den hämischen Blicken, den Kommentaren, dem kehligen Gelächter. Runterklettern. Stufe für Stufe. Rückwärts.

 

S wie Silberrücken

 

Der Gorilla unter Affen, die graue Eminenz des Freibads. Der Silberrücken ist vorrangig an seiner sonnengegerbten Haut zu erkennen, die – je nach Ausprägung und Alter – einem Lederkoffer aus der Camel-Trophy-Serie oder einer Krokotasche ähnelt. Ihn verrät aber auch die Körpersprache: Wenn ein Silberrücken sein Revier abschreitet, sieht es immer so aus, als könnte er jeden Moment auf die Vorderpfoten sinken und lostraben. Tut er das nicht, dann nur, um jederzeit mit Fäusten auf der haarigen Brust trommeln zu können. Der Silberrücken ist immer da, und immer als erster. Er kennt jede Ecke des Geländes und ist auf Du-und-Du mit jedem Bademeister. Trotz seiner damit quasi natürlichen Dominanz jedem Normal-Bader gegenüber droht ihm Gefahr – vor allem das Alter. Der -> Geölte pocht auf die Nachfolge. Er ist jünger, er ist dynamischer. Er wird kommen. Die Natur ist da grausam.

 

T wie Tangatechnik

 

Gängige Methode, um die Höchstgeschwindigkeit in der Rutschbahn zu maximieren. Dabei werden beide Badehosenbeine zusammengerafft und als Wulst in der Poritze verstaut. Die Tangatechnik lässt sich nur mit dehnbaren Spandex-Badehosen praktizieren, schließt also den ->Hosenposer als Anwender von vornherein aus. 

 

U wie Umkleiden

 

Lästiger Vorgang, der bei jedem Freibadbesuch die Rahmenhandlung bildet. Zu absolvieren entweder auf der Wiese unter einem verschämt an der Hüfte verknoteten Handtuch. Oder in dazu vorgesehenen Räumlichkeiten, in denen der Wasserfilm auf dem Boden zuverlässig die Socken anfeuchtet. 

 

V wie Viererbob

 

Beliebte Rutsch-Kombination unter Kennern der ->Tangatechnik. Führt spätestens im Landebecken zur ->Karambolage.  

W wie Weiber

 

Direkte Folge der -> Machorolle: Haben die sich erst mal in Proleten verwandelt, werden Frauen in ihrer Wahrnehmung zu Weibern. Und die werden je nach Alter im besten Fall zum Reiterkampf auf die Schultern genommen und im schlimmeren getaucht oder furchtbar plump angemacht.

 

X wie Xerophobie

 

Angst vor Trockenheit und Dürre.

 

Y wie Yangtse-Staudamm

 

Drei-Schluchten-Talsperre in China. Mit einer Staukapazität von knapp 40 Milliarden Kubikmetern einer der größten Staudämme der Welt und Vorbild für das Rutschenstauen im Freibad. Der Rutschende muss hierzu im Startbereich der Rutschbahn möglichst lang in der Embryonalstellung verharren, um dann von einer Flutwelle umso schneller den Kanal hinunter getragen zu werden. Beliebt bei Anwendern der ->Tangatechnik.

 

Z wie Zehnerspringer

 

Neben dem -> Silberrücken der zweite König des Freibads. Allerdings hat er ein anderes Revier: Der Zehnerspringer dominiert nicht aus reiner Erfahrung und einfacher Daueranwesenheit, er beweist sich jedes Mal neu – mit einem formvollendeten Sprung (Hecht, Salto, Schraube) vom Turm. Er hat über die Jahre Fans gesammelt und entsprechend für den Arschbomben-Plebs (-> Hosenposer) nichts als Verachtung übrig. Dafür besitzt er aber meistens die Größe, den -> Runterkletterer nicht zu verhöhnen – Sicherheit geht in seinem Reich schließlich vor.

 

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