Horror-Urlaub: Der Sturzflug

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. Diesmal schon im Flugzeug.
Von Erik Brandt-Höge

Illustration: Julia Schubert

Urlaubszeit: Sommer 2013

Urlaubsziel: Catania, Sizilien

Horror-Stufe: 8 von 10

Erst mal einen Beruhigungs-Martini. Trinke ich immer, bevor ich fliege. Nicht, weil ich riesengroße Angst davor hätte. Es ist eher ein Mix aus Respekt und … hmm … vielleicht doch ein bisschen Schiss, ich gebe es zu. Es geht nach Catania, Sizilien. Eine Woche Auszeit vom Alltag in einem alten Landhaus mit Pool. Also runter mit dem süßen Drink und rein in den Flieger.

Als alle sitzen, sorgt der Pilot für gute Laune: „Willkommen an Bord, Sie können sich auf bestes italienisches Wetter freuen: 35 Grad und keine Wolke am Himmel.“ Der Martini wirkt, ich lehne mich zurück und döse ziemlich fix weg. Das passiert mir in den folgenden drei Stunden immer wieder, kurz wach, kurz dösen, einzig die Sandwich-und-Kaffee-Verteilung der Stewardessen kriege ich wegen großen Hungers konzentriert mit. Ansonsten sind die Augen zu und die Gedanken in Träumen verloren.

Meine Sitznachbarin hat sich in meinem Arm festgekrallt

Bis es plötzlich ruckelt. Flugzeit bisher: gut dreieinhalb Stunden. Wir sind über dem Wasser zwischen dem italienischen Festland und Sizilien. Und es ruckelt noch mal. Und noch mal, jetzt schon doller. Kennt jeder, der schon mal durch Wolken geflogen ist, an sich völlig normal, so eine kurze Ruckelei, aber diese ist nicht kurz, diese hält an. Der Flieger düst von einem Luftloch ins nächste, gerät ständig in Schräglage, der Kaffee meiner Nachbarin ist ihr schon auf den Schoß gekippt. Ein paar Kinder und Babys weinen, bei jedem Ruckeln entsteht ein „Aaaah“-und-„Ooooh“-Chor der Passagiere, und ja, ein bisschen mulmig wird mir nun auch. Auf der Insel habe sich „ein Gewitter ergeben“, sagt der Pilot durch, „wir versuchen gleich die Landung“. „Versuchen“? Klingt ja so mittelzuversichtlich.

Der Flug fühlt sich jetzt an wie eine Autofahrt über besonders schlecht verlegtes Kopfsteinpflaster, zahllose Schlaglöcher inklusive. Über den Gang rollen Flaschen und Dosen, und über meinem Kopf ist eine Luke aufgegangen, kleine Taschen und einzelne Bücher purzeln heraus. Und was ist das an meinem Arm? Die Hand meiner Nachbarin! Sie hat sich festgekrallt!

Der Flieger ist im Sinkflug, Sturzflug fast, und je weiter es nach unten geht, umso turbulenter wird es, ein wuchtiger Ruck folgt dem nächsten. Kurzer Blick durchs Fenster: alles grau und schwarz. Mein Magen dreht sich um, mir wird schlecht. Die Armkralle spüre ich schon nicht mehr, sie ist eins geworden mit meinem Bizeps, den ich bis zum Anschlag angespannt habe, genau wie den Rest meines Körpers. Plötzlich geht der Flieger wieder hoch. „Keine Landung möglich, wir versuchen es gleich noch mal.“ Bitterliches Weinen vor und hinter mir. Kreischen. Einige sehe ich sogar beten.

„Wir haben kein Kerosin mehr, eine Landung ist aktuell nicht möglich“

Dann Landeversuch Nummer zwei - der dem ersten gleicht und erneut im Abbruch endet. Massenpanik. Absoluter Horror. Meine Nachbarin hat Tränen in ihren weit aufgerissenen Augen, sie starrt mich an und ich sie. So viel Angst habe ich noch nie in einem Blick gesehen.

Neue Pilotendurchsage: „Wir haben kein Kerosin mehr, eine Landung ist aktuell nicht möglich, wir müssen zurück zum Festland.“ Neeeeeein! Die Stewardessen wanken über den Gang, fallen dabei immer wieder links und rechts in die Sitzreihen, was zu noch mehr Gekreische führt. Irgendwie am Festland ankommen, denke ich, und dann raus, einfach nur raus. Sizilien, Landhaus, Urlaub, alles egal, Hauptsache – und das denke ich jetzt wirklich – Hauptsache überleben.

Auf einmal habe ich alle Leute, die ich gerne mag, direkt vor Augen. Eine halbe Stunde geht es auf der löchrigen Kopfsteinpflasterluftstraße zurück, gefühlt im Looping, ich sehe meine Mutter, meinen Vater, meine Schwester, durchs Fenster weiter grau und schwarz. Das Gewitter hält sich hartnäckig. Augen zu. Noch einmal, zweimal, dreimal bewegt sich der Flieger mit wuchtigen, alles und jeden durchrüttelnden Aufs und Abs durch die Luft. Und dann setzt es auf. Dann landen wir. Ich muss raus. Ich brauche Martini. Und nehme zwei Stunden später, bei Sonnenschein, das nächste Flugzeug auf die Insel.

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