„Es war cool zu zeigen, dass wir nicht alle dumm und Nazis sind“

Nur wenige Studierende in Aachen stammen aus den „Neuen Bundesländern“. Unser Autor hat zwei von ihnen getroffen.
Von Anton Zirk
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Anton Zirk stammt aus Thüringen und lebt heute in Leipzig. In Aachen hat er sich auf die Suche nach ostdeutschen Studierenden gemacht.

Foto: Marc Zimmer; Bearbeitung: jetzt

Die Deutsche Wiedervereinigung jährt sich 2020 zum 30. Mal. Auch heute sind mehr oder weniger originelle Sprüche über „Mecker-Ossis“ und „Besser-Wessis“ keine Seltenheit. Aber macht es für meine Generation, die die DDR nicht mehr bewusst erlebt hat, wirklich noch einen Unterschied, auf welcher Seite der ehemaligen innerdeutschen Grenze man aufgewachsen ist?

Um das herausfinden, steige ich in den ICE und fahre knapp sechs Stunden bis Aachen, Deutschlands westlichste Großstadt. Wenn es noch so etwas wie eine „West-Identität“ und Vorurteile gegenüber „Ossis“ geben sollte, dann ja wohl dort. Ich selbst bin in Apolda, einer Kleinstadt in Thüringen, aufgewachsen, habe in Jena studiert und lebe seit fünf Jahren in Leipzig. In Aachen treffe ich Menschen, die ebenfalls aus den Neuen Bundesländern stammen und zum Studieren nach Aachen gegangen sind. Mit ihnen möchte ich über ihre Erfahrungen reden. Viel wusste ich vor meiner Reise nicht über die Stadt. Klar, vom Dom habe schon mal gehört und von Aachener Printen auch. Außerdem ist Aachens größte Hochschule, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH), eine absolute Topadresse in Deutschland. Sie verfügt über drei Exzellenz-Cluster.

Aber reicht das, um junge Menschen aus den neuen Bundesländern hunderte Kilometer weit in die westlichste Uni-Stadt Deutschlands zu locken? Albrecht hat sich von der Entfernung nicht abschrecken lassen. Er studiert seit eineinhalb Jahren Media and Communications for Digital Business. Ich treffe ihn südlich der Stadt auf dem Campus der FH. Albrecht ist in Rothenburg, einer Kleinstadt in der sächsischen Oberlausitz, aufgewachsen und erzählt mir auf dem Weg von den modernen Vorlesungssälen zur voll besetzten Bibliothek, wie sich sein Umzug nach Aachen angefühlt hat: „Klar war das ein einschüchternder Schritt, aber ich habe hier den Anschluss gefunden, der mir während meines Semesters Informatik in Leipzig gefehlt hat.“

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Albrecht kann sich vorstellen, langfristig in Aachen wohnen zu bleiben.

Foto: Anton Zirk

Vor ein paar Jahren lernte der 25-Jährige beim Online-Gaming neue Freunde kennen, die aus der Nähe von Aachen stammen. Weil die Freundschaft auch abseits des Bildschirms funktionierte und Albrecht in Aachen einen Studiengang fand, der ihn interessierte, verlegte er seinen Lebensmittelpunkt 500 Kilometer nach Westen. Bedenken habe es weder von Freundinnen und Freunden, noch von Verwandten gegeben: „Wenn mich jemand gewarnt hätte, wäre ich total verwundert gewesen. Für mich gab es auch damals keine Unterschiede zwischen Ost und West.“ Wirklich wohl fühlte sich Albrecht zunächst nicht: „Ich fand Aachen erst ziemlich hässlich und es lag viel Müll rum.“ Doch mittlerweile ist er in der Stadt mit ihren fast 250 000 Einwohnern angekommen: „Ich habe dann natürlich auch schöne Ecken entdeckt. Aber Zuhause ist für mich ohnehin dort, wo meine Freunde sind. Es hätte auch jede andere Stadt werden können“, erzählt er mir im „Leni liebt Kaffee“, einem gemütlichen Café im beschaulichen Kurviertel Burtscheid, das mit seinen Brunnen, Thermalquellen und kleinen Parkanlagen zu den beliebtesten Teilen der Stadt gehört. Eine der Mitarbeiterinnen des Cafés frage ich, ob es in ihrem Team Menschen aus den neuen Bundesländern gibt. Nach einem etwas verwunderten Lachen antwortet sie: „Nein, nicht dass ich wüsste. Ich habe acht Jahre in Aachen studiert und nie jemanden kennengelernt, der von so weit weg kam.“

Wie viele Studierende tatsächlich aus den neuen Bundesländern stammen, will oder kann mir auch die Pressestelle der RWTH nicht verraten: „Der Aufwand, das aufzuschlüsseln, wäre zu groß.“ Zumindest finde ich später heraus, dass im Wintersemester 2018/19 etwas mehr als 60 Prozent der etwa 45 000 Eingeschriebenen aus Nordrhein-Westfalen stammten. Weitere 14 Prozent kamen aus Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen. Die „übrigen“ zehn Bundesländer stellten laut Zahlenspiegel der Hochschule 1845 Studierende, also gerade mal vier Prozent. Viele „Ossis“ können es also tatsächlich nicht sein.

„Das ist typisch Aachen. Nirgendwo in Deutschland regnet es so viel“

Diesen Eindruck bestätigt auch Albrecht: „Ich habe nur Leute aus dem Westen getroffen.“ Einsam gefühlt habe er sich deshalb jedoch nie. „Für mich spielt das keine Rolle. Es könnte mir nicht egaler sein.“ Schlechte Erfahrungen habe er wegen seiner Herkunft auch nicht gemacht. „Ab und zu reißen meine Freunde mal einen Witz darüber, dass ich die DDR toll finden würde. Das ist natürlich absurd, weil ich sie ja nicht mal erlebt habe. Aber das ist ja auch alles spaßig gemeint.“

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Franzi will nach dem Studium wieder näher zu ihrer Familie ziehen.

Foto: Anton Zirk

Franzi, die im sächsischen Plauen aufgewachsen ist, treffe ich am nächsten Tag bei ungemütlichem Wetter auf dem Theaterplatz. Sie begrüßt mich mit den Worten: „Das ist typisch Aachen. Nirgendwo in Deutschland regnet es so viel.“ Auf dem Weg durch die Altstadt Richtung Dom erzählt sie mir, dass sie wegen ihrer Herkunft schon den ein oder anderen Spruch gehört hat: „Die Leute versuchen dann, ostdeutschen Dialekt zu reden oder sie sprechen von Dunkeldeutschland. Das ist alles Spaß und mir macht das eigentlich nichts aus, aber ein, zwei Mal habe ich schon was gesagt, wenn es mir zu viel wurde“, sagt die 30-Jährige. Das sei aber nur der Fall, wenn sie das Gefühl habe, dass die Leute gar keine Ahnung haben und nur irgendetwas nachplappern: „Viele waren ja selbst noch nie in den neuen Bundesländern.“ Franzi kam vor sieben Jahren nach Aachen und erinnert sich, wie die Stadt auf ihrer persönlichen Landkarte auftauchte: „Als ich damals kurz nach Semesterbeginn beim Losverfahren für das Medizinstudium ausgewählt wurde, musste ich erstmal googeln, wo die Uni liegt. Danach habe ich geheult und eigentlich wollte ich den Platz gar nicht annehmen. Ich dachte auch, dass ich schon zu viel verpasst habe. Aber Freunde und der Verantwortliche von der RWTH haben mir klargemacht, was ich für ein Glück hatte. Es war wie ein Lotto-Gewinn.“

Der erste Besuch sei trotzdem ein Schock gewesen: „Ich habe eigentlich immer geglaubt, dass ich keine Vorurteile habe. Aber als ich in Aachen aus dem Zug ausgestiegen bin, dachte ich: Ah, das ist wohl typisch Westen, diese Nachkriegs-Architektur. Das kann ja auch schön sein, aber eben nicht so wie hier.“

Wer das Viertel um den Aachener Bahnhof betritt, bekommt eine Ahnung, wie sich Franzi gefühlt haben muss. Die funktionalen Reihenhäuser wirken von außen im Vergleich zu den historischen Gebäuden der Altstadt oder dem idyllischen Burtscheid ziemlich trist und grau. Obwohl sie längst die schönen Seiten Aachens kennengelernt hat, wird Franzi nach ihrer letzten Prüfung nicht bleiben. Sie zieht wohl nach Leipzig, auch wegen der Nähe zu ihrer Familie im sächsischen Plauen. „Ich habe mich schon manchmal gewundert, wenn Kommilitonen gesagt haben, dass sie ihre Eltern nicht besuchen, weil sie eine Stunde Zugfahrt entfernt leben. Immerhin hatte ich jedes Mal mehrere Stunden vor mir und war trotzdem regelmäßig in der Heimat.“

Albrecht und Franzi schauen heute anders auf ihre Heimat – auch, weil in Sachsen die AfD so stark ist

Richtig angekommen fühlte sich die angehende Unfall-Chirurgin in Aachen nie. Das liege aber nicht an den Menschen im Westen: „Ich habe hier viele positive Erfahrungen gemacht. Als ich am Anfang noch auf Wohnungssuche war, haben mir fremde Kommilitonen einen Platz auf ihrer Couch angeboten. Heute sind wir enge Freunde.“ Im Café Kittel, einem ihrer liebsten Läden in Aachen, erzählt Franzi dann vom einzigen Unterschied, den sie zwischen ihrer Heimat in Sachsen und dem „Westen“ bemerkt hat: „Gegenüber vermeintlich Fremdem sind die Leute hier einfach aufgeschlossener. Alle sind es gewohnt, dass verschiedene Kulturen, Nationen, Menschen verschiedener Herkunft aufeinandertreffen. Es ist völlig normal.“

Trotzdem stört es Franzi, wenn Menschen ein verzerrtes Bild des Ostens verbreiten. Zu ihrem Geburtstag im vergangenen Jahr hatte sie auch Freundinnen und Freunde aus Aachen nach Plauen eingeladen. Als diese kurz zuvor aus den Medien vom Aufmarsch der rechtsextremistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ in Plauen erfuhren, fragten einige: „Wo fahren wir denn hin?“ Heute ist Franzi froh, dass sich ihre Freunde von den Berichten nicht haben abschrecken lassen: „Es war cool zu zeigen, dass wir nicht alle dumm und Nazis sind.“ Auch Albrecht blickt bei Themen wie Rassismus mittlerweile anders auf seine Heimat: „Die Wahlen in den neuen Bundesländern haben ja gezeigt, dass extrem rechte Positionen im Osten einen größeren Anklang finden als im Westen.“ Nach Albrechts Eindruck spielt die Frage, woher jemand kommt, in Aachen grundsätzlich seltener eine Rolle als in seiner alten Heimat. In seinem Fall würden die meisten Menschen überhaupt nicht wissen, dass er im „Osten“ aufgewachsen ist: „Ich spreche ja fast ohne Dialekt. In der achten Klasse habe ich kurz in München gelebt und Kinder können grausam sein. Die haben mir das schnell abtrainiert.“ Obwohl seine Freundin in Leipzig wohnt, kann sich Albrecht im Gegensatz zu Franzi gut vorstellen, längerfristig in Aachen zu bleiben.

Ich nehme dagegen nach zwei Tagen den Zug zurück nach Leipzig. Franzi und Albrecht vermittelten den Eindruck, dass ihre aber auch meine ostdeutsche Herkunft für die Menschen in der Stadt kaum eine Rolle spielen. Obwohl das 30 Jahre nach der Wiedervereinigung normal sein sollte, lässt mich diese Erkenntnis mit einem guten Gefühl nach Hause fahren.

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