Deshalb kommen uns die Menschen im Ausland netter vor

Nicht, weil sie es sind. Sondern weil wir es gern glauben wollen.
Von Mercedes Lauenstein
Klischees Deutsche_cover
Illustration: Janina Schmidt

Wenn Freunde, Familie, Bekannte oder auch ich selbst von einer Reise heimkehren, klingt das oft etwa so: „Die Menschen in XY waren viel herzlicher und unbeschwerter als hier! Cooler, schöner, lässiger auch! Ist mir gleich am Flughafen wieder aufgefallen, überall diese frustrierten Gesichter. Servicewüste Deutschland!“

Glaubt man diesen Aussagen, erlebt man als in Deutschland lebender Mensch den wahren Kulturschock nicht auf Reisen, sondern bei der Rückkehr ins eigene Land. In Deutschland herrschen Rüpeltum und Mentaltristesse. Herzlichkeit und echte Lebensart gibts nur anderswo, Eleganz sowieso.

Was hat es damit auf sich? Romantisiert man das Fremde aus Prinzip, egal aus welchem Land man stammt, einfach zur Urlaubsfreuden-Maximierung? Ist das Angeödetsein vom eigenen Zuhause nicht einfach nur die nackte Enttäuschung darüber, dass die aufregende Reise vorbei ist?

Tourismus, sagen Soziologen, soll Außeralltäglichkeit inszenieren. Der Reisende will mal was anderes erleben, als immer nur ins gleiche Büro gehen, Abendbrot, schlafen, putzen, Waschmaschine reparieren und wieder von vorn. Er will Fremdheit erleben und darüber Freude empfinden. Und das tut er auch. Das Andere ist immer aufregend und vielversprechend, es birgt noch soviel Unbekanntes, endlosen Raum für Illusionen.

Das Andere ist immer aufregend und vielversprechend

 

Aber meine Frage ist: Finden Italiener Italien auch traurig, wenn sie aus dem Urlaub zurückkommen? Guckt die Frau im deutschen Flughafenkiosk nun wirklich böser als die am thailändischen, und selbst wenn: Hat das dann wirklich was mit ihrer Nationalität zu tun? Deutschland ist als leidenschaftslos und trist verschrien. Leben wir denn wirklich in einem deprimierenden Land?

Ich rufe Thomas Hauschild an, Professor der Ethnologie und Herausgeber des 2002 erschienen Sammelbandes „Inspecting Germany“. Darin wagen ausländische Ethnologen einen Blick auf Deutschland. Hauschild muss sich  auskennen. Doch er sagt mir am Telefon als Erstes: „Ich muss Sie enttäuschen: Die Forschung, die Sie zur Antwort auf Ihre Frage suchen, gibt es leider gar nicht.“

 

 

Er sagt aber auch: „In allen Ländern und Völkern dieser Welt gibt es Behauptungen darüber, wie es zu Hause ist, wie es woanders ist und wie man selbst gern wäre. Diese Stereotypen spielen tagtäglich in der Politik eine Rolle. Was es allerdings wirklich an kulturellen und soziologischen Unterschieden zwischen Nationen gibt, welche der Klischees tatsächlich auf die Mehrheit einer Bevölkerung zutreffen, ist empirisch nicht gut untersucht.“

 

Und das hält er für einigermaßen tragisch. Schließlich sei die Frage nach dem Spannungsfeld des Eigenen und Fremden in Zeiten wie diesen hochaktuell: Welche Unterschiede gibt es wirklich zwischen unterschiedlichen Gesellschaften, welche Strukturen und Funktion haben sie im Positiven wie im Negativen, und wie lassen sie sich verbinden, ohne unser Zusammenleben zu gefährden? Wie wichtig ist „Kultur“, wie groß ist die Fähigkeit zum Wandel? Und können wir von Menschen aus anderen Gesellschaften lernen?

 

Um aussagekräftig herauszufinden, was sich über die Menschen eines bestimmtes Volkes oder einer Nation wirklich sagen lässt, bräuchte es laut Hauschild eine wilde Kombination verschiedenster Forschungsansätze.

 

Andererseits: Kann man wirklich, egal wie, über die Mentalität eines ganzen Landes in zutreffenden Pauschalbegriffen reden? Was ist das schon, eine Nation? Viele verschiedene Bürger mit den unterschiedlichsten Biographien, Temperamenten und Wertvorstellungen. Und auch Hauschild bestätigt: „Immer wieder zeigt sich, dass die internen Unterschiede innerhalb einer Nation viel größer sind, als die Unterschiede zwischen den Nationen.“

 

Wir brauchen die Erfahrung der Fremdheit, wir müssen es irgendwo schöner finden als zu Hause

 

Und trotzdem reisen wir möglichst weit weg und finden es dort aus Prinzip aufregender. Klar, erklärt Hauschild: „Wir brauchen die Erfahrung der Fremdheit, und wir brauchen es, es irgendwo schöner zu finden als zu Hause.“ Idealisierungen und Illusionen, sagt er, seien etwas Wunderbares. Sie helfen uns, etwas zu genießen. Und sie erleichtern uns die Kontaktaufnahme mit Menschen.

 

Viele Reisende, erklärt Hauschild, vergäßen darüber hinaus auch, dass man als Tourist in ferienhafter Stimmung ein Land von Leuten zelebriert bekomme, die von der Zufriedenheit ihrer Kunden leben: Die Mitarbeiter der Tourismusindustrien. 

 

Aber auch negative Vorurteile, so Hauschild, sind nichts an sich Schlechtes. „Wir brauchen sie. Sie bieten Orientierung. Ohne findet man nichts heraus. Wer mal einen Affekt gegen das Fremde spürt, muss sich deshalb auch nicht gleich Asche aufs Haupt streuen“, sagt Hauschild. „Man muss lediglich die Fähigkeit gewinnen, zu fragen: Stimmt das denn, was ich da denke?"

 

Wie leicht man seinen eigenen Vorurteilen zu unterliegen droht, hat Hauschild selbst schon erlebt, und zwar nicht nur im Urlaub oder auf Forschungsreisen: Als er vor einigen Jahren eine Professur in Halle übernahm und mit seiner Frau Britta Heinrich in den Osten Deutschlands zog, glaubten sie beide, dort viele verbitterte, düster dreinblickende Menschen in der Öffentlichkeit zu beobachten. Mit der Zeit entwickelten sie ausgefeilte Theorien über die Gründe für diese Freudlosigkeit im Alltag.

 

„Aber dann hat es uns gepackt: Stimmt das überhaupt oder reden wir uns hier etwas zurecht?“ Beim Weg durch Hallenser Einkaufsstraßen machten sie die Probe: Britta Heinrich zählte die Menschen, die traurig und frustriert dreinblickten, Hauschild zählte diejenigen, die fröhlich und aufgeschlossen wirkten. „Wir waren uns sicher, dass das Ergebnis unsere Vorurteile bestätigen würde, also etwa 90 zu 10 für die Schlechtgelaunten ausginge. Letztendlich stand es aber 50 zu 50.“

 

Ein Vorurteil aufgeben zu müssen, tut immer auch ein bisschen weh. Es hat einem so lang vorgegaukelt, man habe etwas verstanden. Und damit ein sicheres Werkzeug zum besseren Umgang mit der Welt in der Tasche. Ängstlichen oder beruflich verunsicherten Menschen aus prekären Verhältnissen, sagt Hauschild, kann es deshalb passieren, dass aus ihren unhinterfragten Befürchtungen ein skurriler Fetisch wird: „Ich kenne Leute, die wirklich wie süchtig nach Jamaica oder Brasilien in den Urlaub fahren und gleichzeitig hier in Deutschland Ausländer hassen.“ 

 

Und was sagt Hauschild nun zum Klischee des tristen Deutschen? „Es ist natürlich schon so, dass der deutschen Gesellschaft einiges anhaftet. Während meiner ersten Forschungsreisen nach Italien in den Achtzigern bin ich noch manchmal massiv angefeindet worden für meine Herkunft aus Deutschland." Es habe zwar auch Momente der Vergebung gegeben, sowie Bewunderung bei alten Faschisten und Anhängern der technischen Perfektion. "Aber nie war das Thema abwesend. Und das hatte zur Folge, dass man damals als Deutscher auf Reisen nur ungern zugab, aus Deutschland zu kommen.“ 

 

Ich frage mich, ob sich daran wirklich viel geändert hat. Klar, ich werde auf meinen Reisen nur noch selten mit der Nazi-Geschichte Deutschlands konfrontiert. Jeder vernünftige Mensch, egal wo auf der Welt, weiß, dass ich die Geschichte meines Geburtslandes selbst nur aus dem Geschichtsbuch kenne. Aber hat sich an dem Bedürfnis, auf Reisen nicht als Deutscher erkannt zu werden, ansonsten wirklich etwas geändert? Ich empfinde es intuitiv als Kompliment, wenn mich im Ausland jemand nicht für deutsch hält. Und genau wie viele andere Deutsche kann ich es nicht leiden, im Ausland auf deutsche Touristen zu treffen. Ich empfinde sie als plump, tumb, spießig. Deutsch eben. Davon laufen ja zu Hause schon genug rum. Weg mit denen!

 

Warum fühle ich so? Mir ist und bleibt alles Deutsch-Nationale ein Minenfeld. Schnell raus aus der Kategorie des Landes, sonst steht man womöglich als rechts da. Und außerdem: Wozu überhaupt Patriotismus? Ich bin halt ich, und nicht der Pass, den ich habe, oder die Städte und Dörfer, in denen ich gelebt habe. Und welche positiven deutschen Klischees gäbe es schon, die es sich mit einer leicht irrationalen, weltmännischen Fröhlichkeit zu lieben und kultivieren lohnte? Pünktlichkeit, Effizienz, Genauigkeit, Planungsversessenheit, frommes Arbeitsstreben – ja, alles löblich. Gähn! Deutsche Schauspieler, deutsche Filme, deutsche Musik, haha, die „Fashion Week“ in Berlin. Alles irgendwie gewollt und nicht gekonnt. Und wo hat die deutsche Küche frischen Glanz? Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Oder?

 

Der Psychologe Thomas Grünewald, Leiter einer Studie des Rheingold-Instituts zum deutschen Selbstbild, kam 2015 in einem Interview mit der Zeit zu dem Schluss: „Wir haben keine klar gefasste Identität wie die Franzosen mit ihrer Genusskultur oder die Amerikaner mit ihrem amerikanischen Traum. Das führt dazu, dass wir immer auf der Suche nach uns selbst sind. Wir versuchen uns aus dieser ständigen Sinnsuche zu erlösen, indem wir alles normieren und standardisieren wollen. Das Ideal ist, dass alles relativ messbar gleich ist. (…) Sinnbild für dieses Denken ist der VW Golf, das klassenlose Auto, zu dem sich alle bekennen können.“

 

Einen allzu verschämten, ängstlichen Blick der Deutschen auf sich selbst konstatiert auch der italienische Journalist Robert Guardina in seinem Buch „Anleitung, die Deutschen zu lieben“: „Die Deutschen wollen geliebt werden. Kein anderes Volk kümmert sich mit solcher Besessenheit um die Frage, was man im Ausland von ihm denkt. (…) Die Anleitung, die Deutschen zu lieben wird einiges Achselzucken hervorrufen. Manch einer wird lächelnd den Kopf schütteln. Das kann ja nur ein Scherz sein. Wer kann schon die Deutschen lieben? Sie lieben sich ja nicht einmal selbst!“

 

„Du bist so deutsch“ ist eine Beleidigung

 

Gut, das war 1994. Aber auch 2017 hat Jens Spahn doch Recht, wenn er in der Zeit von einer „provinziellen Selbstverzwergung“ der Deutschen spricht. „Du bist so deutsch“ gilt in meiner gesamten Peer-Group als Beleidigung. Ich wünschte, es wäre nicht so. Aber mir ist Deutschsein peinlich, wie einem Kind seine Eltern peinlich sind. Nur, dass ich kein Kind mehr bin.

Und jetzt? Was tun? Auf Stereotypen, Vorurteile, Klischees können wir anscheinend kaum verzichten. Sie ständig zu hinterfragen, darauf kommt es an. Und sich unbedingt vor Augen zu halten, dass wir unser Selbstbild selbst erschaffen. Wenn wir fest an die Klischees glauben, die es über uns gibt, wenn wir dauernd die Miesepetrigkeit der Deutschen beschwören, indem wir sie beklagen, dann setzen wir sie auch in die Welt. Und meinen sie überall wiederzuerkennen. Man verharrt so in der Pose des Kindes, das sagt: „Ich KANN halt kein Mathe“ und es deshalb auch gar nicht mehr versucht.

 

Erzählungen leben nur so lang sie jemand erzählt

 

Zugegeben, es ist sauschwer, sich noch einmal ganz neu und motiviert mit etwas zu befassen, das man sein ganzes bisheriges Leben für todlangweilig gehalten hat. Aber vielleicht muss es sein. Denn Erzählungen leben nur so lang sie jemand erzählt. Und demnach wären die, die nach dem Urlaub in Pauschalkategorien über ihr Zuhause jammern, nichts als kontraproduktive Idioten, die ihr eigenes Klischee bestätigen, das in diesem Fall ja vor allem lautet: Nichts ist deutscher, als das Jammern der Deutschen über sich selbst.

 

Eigentlich sollte es doch so sein, dass man gern von einer Reise nach Hause kommt. Weil eine Reise ins Fremde den Blick fürs Eigene schärft. Und der sollte im besten Fall ein einigermaßen liebevoller sein. Ansonsten müsste man dringend einen Umzug planen. Oder eine Therapie.

 

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