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Mit deinem Freiwilligendienst im Ausland hilfst du niemandem

Außer dir selbst. Und das ist völlig in Ordnung.
Von Charlotte Bastam
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    Foto: Maciej Bledowski / photocase.de / Freepik

Kaum hatte ich mein Abitur, wollte ich einfach nur raus aus der schwäbischen Provinz und rein in die Welt – am liebsten so weit weg von Schrebergärten wie möglich. Ich ging nach Chile, um einen Freiwilligendienst zu machen. Ich dachte, das sei sicher die perfekte Mischung aus Abenteuer, Reisen und Sich-nützlich-machen. In mein Motivationsschreiben für die Bewerbung schrieb ich: „Ich möchte der Welt etwas zurückgeben.“ 

Ich landete im Umweltamt von Santiago de Chile, einer Stadt mit mehr als sechs Millionen Einwohnern. Nicht ganz die unberührte Natur und die bizarre Berglandschaft, die ich mir eigentlich vorgestellt hatte – aber egal. Im Umweltamt saß ich schließlich direkt an den institutionellen Hebeln der Macht, um möglichst viel verändern zu können! 

Tatsächlich waren die ersten Wochen sehr spannend. Die Stadt war aufregend, meine Gastfamilie herzlich und meine Kollegen schienen interessiert an mir und meinen Ideen. Aber als die erste Aufregung vorbei war, merkte ich, dass Chile nicht unbedingt auf meine Ankunft gewartet hatte. Ich hatte auf meiner Arbeitsstelle nicht wirklich etwas zu tun. Für viele Dinge reichten mein Spanisch und meine Kenntnisse in Sachen Umweltadministration nicht. Meine Vorschläge zu Workshops und Diskussionsabenden ernteten zwar ein Lächeln, aber mehr auch nicht. Also erstellte ich den ganzen Tag irgendwelche Dokumente oder begleitete Kollegen zu Meetings, in denen ich kaum ein Wort verstand. 

Ich hatte mich noch nie zuvor so unbrauchbar gefühlt. Ich war genau beim Gegenteil meines eigentlichen Vorhabens angekommen: Ich half hier niemanden und gab der Welt rein gar nichts zurück – noch schlimmer, ich fühlte mich sogar im Weg.

Mein Aufenthalt sei ein gekauftes Abenteuer, sagte mein Gastbruder

Als ich meinem Gastbruder meinen Frust anvertraute, zeigte der nur wenig Verständnis für meine Situation: Ich dürfe mich als reiches Mädchen aus Europa nicht beschweren. Ich solle ehrlich zu mir sein: Mein Aufenthalt sei ein gekauftes Abenteuer, das nur den Anschein erwecken sollte, dass ich einem ärmeren Land helfe.

Ich reagierte eingeschnappt. Tatsächlich aber schämte ich mich. Denn er hatte ja Recht: Ich war ein privilegiertes weißes Mädchen, das es sich leisten konnte, anderen in einem weit entfernten Land „helfen“ zu wollen – ohne es zu können. Wie peinlich und naiv war es von mir zu glauben, irgendwo etwas verändern zu können, ohne nennenswerte Lebenserfahrung oder ein Bewusstsein für dieses Land und seine Menschen! Auf einmal hatte ich ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Die nächsten Wochen ging ich unmotiviert meinem Alltag nach. Ich erledigte die wenigen Dinge, die mir aufgetragen wurden, hinterfragte nicht ihren Sinn und redete wenig mit meiner Gastfamilie. Ich sehnte mich sogar nach der schwäbischen Provinz. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich mir wie eine Versagerin vor. Nicht mal eine Reise plante ich. Meine Entdeckungslust war kaum noch vorhanden, mein Aufenthalt in Chile hatte den Sinn verloren. Weil ich anfangs so motiviert gewesen war, nicht nur meine Freizeit zu genießen, sondern auch zu arbeiten und etwas zu bewirken, konnte ich jetzt beides nicht mehr. 

Irgendwann war meine trostlose Stimmung wohl nicht mehr auszuhalten, sodass mich mein Gastvater darauf ansprach. Wir hatten bis dahin noch kein längeres Gespräch geführt, was auch an meinen immer noch mangelhaften Spanischkenntnissen lag – doch er gab mir schließlich den besten Rat: „Mach dich doch mal locker!“ 

Er sagte, wenn ich unglücklich sein wolle, okay – aber es müsse ja nicht so sein. Ich müsse auch nicht die Welt oder Chile verändern. Das könne ich auch gar nicht. Aber ich hätte die Möglichkeit, mich zu verändern. Und die Chance, etwas zu lernen und mit nach Hause zu nehmen. Es sei meine Entscheidung, sagte mein Gastvater, ob ich davon profitiere oder nicht. 

Sich darüber klar zu werden, aus welchen Verhältnissen man kommt, ist wichtig

Der erste Schritt in Richtung dieser Entscheidung war unbequem, aber wichtig. Ich musste einsehen, dass mein Freiwilligendienst vor allem einer Person half: mir. Die Institutionen vor Ort funktionierten auch ohne die Hilfe junger, unerfahrener Europäerinnen ganz gut, also: ohne mich. Das klang nicht schön. Aber es war zumindest ehrlich und bot mir die Chance, mich in meinem neuen Umfeld selbst zu hinterfragen und tatsächlich mal die Perspektive zu wechseln. 

Im nächsten Schritt änderten sich dadurch meine Erwartungen, die ich zu Beginn meines Aufenthalts gehabt hatte. Ich hatte mir einen regen „interkulturellen Austausch“ erhofft. Aber wenn man sich selbst als einen wertvollen Beitrag für eine andere Gesellschaft begreift und nicht bereit ist, seine eigenen Denkkategorien, Stereotypen und die eigene Herkunft zu hinterfragen, und gleichzeitig auch noch ein möglichst gutes Deutschlandbild im Ausland abgeben will – dann wird es mit einem wirklichen Austausch nichts. Doch wenn man den Aufenthalt in einem anderen Land als Chance sieht, sich ernsthaft und kritisch mit sich selbst und seinen Privilegien auseinanderzusetzen, wenn man zuhört und versucht zu verstehen und nicht sofort aufgibt, wenn es zu Unverständnis und Schwierigkeiten kommt – dann kann man tatsächlich wertvolle interkulturelle Erfahrungen machen.

Sich darüber klar zu werden, aus welchen Verhältnissen man kommt, ist wichtig. Manche Menschen sagen es einem vor Ort einfach ins Gesicht, aber wenn man aufmerksam ist, sieht man auch ansonsten, wie unfair Ressourcen und Chancen verteilt sind und wie einfach man es vergleichsweise hat. Das ist erst mal beschämend. Und kurzfristig ändern kann man daran nichts. Aber anstatt sich mit seinem schlechten Gewissen abzufinden, kann man sich auch dazu entscheiden, Privilegien nicht mehr als selbstverständlich anzusehen. In Chile habe ich Demut vor dem Leben und Schaffen anderer Menschen entwickelt und gelernt, mich selbst und Deutschland kritischer zu sehen.

Als ich das verstanden hatte, wurde meine Zeit in Chile besser. Ich erledigte die Aufgaben, die mir zugeteilt wurden. Ich bot kleinere Projekte an, die einfacher umzusetzen waren, ohne den Anspruch zu haben, dass Land umkrempeln zu wollen. Aber vor allem lenkte ich nun den Fokus darauf, mich mehr mit der Stadt, mit den Menschen und der Geschichte des Landes bekannt zu machen, und plante für das Ende meines Aufenthaltes eine große Reise. Ich ging nun wirklich mit offenen Augen und Ohren durch dieses Land. Auf diese Weise nahm ich sehr viel mit aus Chile – und das war völlig in Ordnung, obwohl ich zuvor ja erwartet hatte, möglichst viel dort zu lassen. 

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