Elias hat ein Reisebüro für weite Zugreisen gegründet

Er schickt seine Kund*innen mit dem Zug auch mal bis nach Vietnam.
Interview von Marcel Laskus
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Tagelang Zug fahren? „Ich leide nicht, ich genieße es“, sagt Elias von „Traivelling“.

Foto: Elias Bohun

Wer ferne Ziele mit dem Zug bereisen will, hat es bei der Buchung der Strecke oft nicht leicht. Mit der Deutschen Bahn kommt man nur schwer über Nachbarländer hinaus und auch andere Portale helfen nur umständlich weiter. Deshalb – und weil er selbst am liebsten tagelang im Zug sitzt – hat der 19-jährige Österreicher Elias Bohun zusammen mit seinem Vater „Traivelling“ gegründet: ein Reisebüro, das Zugfahrten bis nach Japan, Thailand oder Vietnam vermittelt.

jetzt: Welche Verbindung war die letzte, die du nach einer Anfrage in deinem Reisebüro gebucht hast?

Elias Bohun: Das war eine Reise von Deutschland nach Vietnam für zwei recht junge Leute. Die Reise beginnt in zwei Monaten und wird rund zehn Tage dauern.

Zehn Tage bis nach Vietnam fahren, wenn es mit dem Flugzeug nur ein paar Stunden dauert. Wer tut sich das an?

Es sind umweltbewusste Menschen. Aber für viele geht es auch darüber hinaus. Die meisten, die so etwas machen, sehen die Reisezeit als Urlaubszeit. Eine Zugfahrt ist ein ganz anderes Erleben, als wenn ich mich in ein Flugzeug setze.

Inwiefern?

Vergangenen Sommer bin ich mit meinen Eltern und meinen zwei kleinen Geschwistern im Zug von Wien nach Rijeka in Kroatien gefahren. Die Fahrt dauerte elf Stunden. Als Familie hatten wir ein eigenes Abteil für uns, das ist in den meisten Zügen so. Wir konnten reden, uns ausruhen, herumlaufen. Einfach tun, was wir wollten. Beim Fliegen wird man gleich angefeindet, wenn man mit einem Baby reist, das jammert und schreit. Man ist eingepfercht, hat keinen Platz und bei der Ankunft ist man total fertig. In einem Nachtzug ist alles viel entspannter. Und was man da alles erlebt! Wenn man von Deutschland nach Vietnam mit dem Zug fährt, durchquert man alle Klimazonen der nördlichen Hemisphäre. Wer hingegen direkt nach Vietnam fliegt, der ist direkt in einer Touri-Bubble, aus der man nicht mehr rauskommt.

„Fünf Tage lang habe ich von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends genäht, während die Landschaft an mir vorbeizog“

Tagelanges Sitzen gehört zu solchen Reisen auch dazu. Wie leidensfähig muss man sein für so lange Zugstrecken?

Ich leide nicht, ich genieße es. Auch mein Opa ist erst kürzlich mit dem Zug nach Lissabon gefahren – dem macht das gar nichts aus. Wenn man es einmal ausprobiert und ein gutes Buch mitnimmt, das man währenddessen liest, ist es einfach toll. Einmal bin ich von Sibirien nach Moskau gefahren, in fünf Tagen. Ich habe währenddessen ein Kuscheltier für meinen kleinen Bruder genäht. Fünf Tage lang habe ich von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends genäht, während die Landschaft an mir vorbeizog, und habe mit Russen im Speisewagen Bier getrunken. Im Alltag hat man für solche Dinge keine Zeit. Dabei ist genau das die Erholung, nach der so viele suchen.

Gerade Nachtzüge sind oftmals nicht unbedingt geräumig und modern. Haben manche Leute falsche Erwartungen an so eine Reise?

Wir sagen ihnen, welche Kategorien es gibt und beantworten Fragen. Manche Züge innerhalb von Mitteleuropa sind ziemlich alt, das stimmt. Aber vielen ist klar, dass es eben eine andere Art des Reisens ist. In China und in Kasachstan sind die Züge sehr modern, sauber und schön. Dazu kommt der Orient-Express-Flair, der umso schöner ist, je weiter man von Deutschland und Österreich wegkommt.

Was sind schöne Strecken für Langstrecken-Einsteiger?

Von Deutschland in den Süden von Italien. Man kann ganz einfach in München in den Nachtzug nach Rom steigen. Von dort aus geht es, wenn man möchte, mit einer weiteren Nachtzugfahrt bis nach Sizilien. Schön ist auch die Fahrt nach Lissabon, dafür braucht man von Wien etwa eineinhalb Tage – von Köln sogar nur einen. Richtung Osteuropa werden die Fahrten günstiger und langsamer, aber dafür ist zum Beispiel die russische Bahn sehr pünktlich.

Welche Reisen werden besonders gern gebucht?

Am beliebtesten sind Ziele in Portugal und Spanien, zum Beispiel Lissabon oder Barcelona.

„Die Frage, wie man nach Neuseeland oder Australien reisen kann, die kommt sehr oft“

Zugfahrten kosten oft viel mehr als Flüge. Ist langes Zugfahren etwas für Privilegierte?

Nicht unbedingt. In Osteuropa und Asien ist der Zug ein Massentransportmittel. Nachtzüge kann man dort günstig buchen. Es stimmt aber auch, dass es vielerorts noch zu teuer ist. Zeitlich ist es jedenfalls nicht nur für Privilegierte. Man kann ja auch Zeit sparen. Wenn man abends in München in den Nachtzug steigt und am nächsten Morgen in Rom aufwacht, hat man Zeit gespart.

Was kostet beispielsweise eine Fahrt von München nach Bangkok, wie lange dauert die Fahrt und wie oft muss ich dafür umsteigen?

Von Deutschland nach Bangkok kosten die Zugtickets in etwa 700 Euro, hinzu kommen rund 150 Euro als Aufwandsentschädigung für uns. Wir haben ja auch Leute, die wir vor Ort bezahlen müssen.

Wie lange braucht ihr dafür, um so eine Route zu planen?

Bei den Standardrouten geht es sofort, dazu zählen Tokio, Bangok, Hanoi, Lissabon und Barcelona. Ansonsten dauert es ein bisschen länger, aber wir finden für so gut wie jedes Ziel eine Route.

Was mache ich, wenn ich auf meiner Reise einen Zug verpasse oder nicht mehr weiterkomme? Kümmert ihr euch dann darum?

Wir sind immer erreichbar, wenn es zu unerwarteten Zwischenfällen kommt. Allerdings ist es so, dass man vor allem außerhalb von Europa keine Anschlussgarantie hat. Das ist aber in der Regel kein Problem, weil wir die Reisen so planen, dass man in den Städten, in denen man umsteigt, tagsüber Halt macht.

Welche Anfragen haben euch in euren ersten Wochen überrascht?

Die Frage, wie man nach Neuseeland oder Australien reisen kann, die kommt sehr oft. Genauso Südamerika. Denen müssen wir sagen: Leider gibt es solche Routen einfach nicht.

Was denkst du bei solchen Anfragen?

Dass sich die Art, wie wir reisen, unbedingt ändern muss. Wenn jeder auf der Welt einmal im Leben nach Neuseeland fliegen würde, dann wäre das für das Klima eine Katastrophe. Auch ich wusste bis vor ein paar Jahren noch nicht, wie leicht man nach London kommen kann, mit dem Zug oder mit dem Bus. Je mehr der Klimawandel voranschreitet, desto mehr Menschen werden das Zugfahren ausprobieren und daran auch das Positive sehen.

„Es melden sich öfter Mitarbeiter von Bahnunternehmen bei uns“

Trotz „Flugscham“ steigen die Flugpassagierzahlen. Wie stellst du dir diesen Wandel vor?

Man sollte seine Reisen viel mehr danach ausrichten, welche Ziele gut erreichbar sind, und nicht mehr nur danach, welches Ziel möglichst weit weg ist. Der Tourismus ist schlimm an vielen dieser weit entfernten Orte. Gerade in Südostasien, in Thailand, in Vietnam.

Aber ihr schickt die Menschen ja auch dorthin.

Natürlich. Aber wir schicken sie sehr langsam dorthin. Und so, dass mehr Menschen davon profitieren. Züge sind Transportmittel, die normale Menschen alltäglich und überall benutzen. Davon profitieren der Kioskbetreiber am Bahnhof, die Eisenbahnen, der Staat. Das ist der Unterschied zu einer österreichischen Fluglinie, die ihre Passagiere einfach nach Thailand fliegt.

Haben sich schon Bahnunternehmen gemeldet, um nach eurem Rat zu fragen?

Es melden sich öfter Mitarbeiter von Bahnunternehmen bei uns, aber nicht geschäftlich, sondern privat. Letztens sagte einer: „Ich arbeite an einem Schalter, aber ich bekomme es einfach nicht hin, das Ticket nach Barcelona zu kaufen. Können Sie mir helfen?“ Das sagte ich: Na klar.

Wohin willst du als nächstes reisen?

Von Usbekistan nach Tadschikistan. Dort fährt der Zug hin, der die meisten Grenzen überquert. Er fährt über Russland nach Kasachstan und dann immer im Wechsel von Usbekistan nach Turkmenistan und wieder von Turkmenistan nach Usbekistan. Das liegt daran, dass die Gleise gebaut wurden, bevor die Grenzen gezogen wurden. Dorthin bin ich rund fünf bis sechs Tage unterwegs.

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