Homosexuelle müssen sich im Urlaub oft verstellen

Lena und Simon erzählen, wie sie mit LGBTQ-feindlichen Ländern umgehen.
Von Magdalena Pulz

Illustration: Federico Delfrati

Ob du Team Strand oder Städtetrip bist oder lieber im Camping-Style unterwegs bist: Im Urlaub wollen alle frei sein zu tun, worauf sie Bock haben. Bücher lesen, schwimmen, wandern, sich die Birne wegknallen, Eis schlecken oder in der Sonne knutschen. Aber ausgerechnet letzteres Vergnügen ist nicht allen überall möglich – genauso wie Händchen halten, sich einen Nachtisch teilen, ein gemeinsames Zimmer mieten. Während sich Schwule und Lesben in Deutschland zumindest theoretisch nicht verstecken müssen, sind einige andere Länder noch nicht so weit: Malaysia etwa, der Yemen oder Qatar. Aber wie sicher und willkommen fühlt man sich als LGBTQ, wenn man in solchen Ländern Urlaub macht? 

Simon, Kapuzenpulli, braunes Haar, offenes Lächeln, ist Flugbegleiter und hat über zwanzig Länder besucht – darunter auch Indien, Mexiko, Marokko und die Ukraine. Der 21-Jährige liebt das Reisen, deswegen hat er sich seinen Job ausgesucht. Wenn er mit der Arbeit unterwegs ist, mache er sich eigentlich wenig Gedanken über potenzielle Gefahren, sagt er. Aber er will auch unterwegs seine Sexualität leben: „Woanders schaue ich mir auch gerne die Szene an, gehe in Schwulenbars oder Clubs feiern. Angst hatte ich eigentlich noch nie.“ Simon sagt aber auch, dass das vielleicht auch daran liege, dass er in seinem Job oft alleine unterwegs sei. „Es wäre definitiv anders, wenn ich einen Partner hätte. Man will ja auch seine Beziehung ausleben.“ 

Simon ist gerne unterwegs – auch außerhalb seines Jobs.

Foto: Privat

Wie oft sind LGBTQ im Urlaub denn tatsächlich aufgrund ihrer Sexualität in Gefahr? Statistiken zu Übergriffen oder Festnahmen von deutschen Touristen und Touristinnen im Ausland gibt es keine. Das Auswärtige Amt hat in seinen Reisehinweisen auch Informationen zur Strafgesetzgebung zu dem Thema auf seiner Homepage. Für das Land Marokko heißt es da beispielsweise: „Gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen können in Marokko strafverfolgt werden.“ Und: „Vermeiden Sie Zeichen der Zuneigung in der Öffentlichkeit.“ Dann gibt es noch einen allgemeinen Hinweis auf die FAQs für LGBTQ-Personen auf Reisen.

Nicht alle homosexuellen Menschen reisen mit dem gleichen Selbstverständnis und Sicherheitsgefühl wie Simon. Der Lesben- und Schwulenverband (LSV) berichtet etwa, dass es eine sehr hohe Nachfrage nach der ILGA-Weltkarte bei ihnen gebe – eine Karte, auf der man den rechtlichen Status von Lesben, Schwulen, Bi- und Intersexuellen sowie Transgender weltweit ablesen kann und die von der International Lesbian and Gay Association (ILGA) herausgegegeben wird.

Lena will ihr Geld nicht in solchen Ländern ausgeben

Lena hat zuletzt mit ihrer damaligen Freundin im italienischen Verona Urlaub gemacht. Die sommersprossige Münchnerin mit langen hellbraunen Haaren, dunklen Brauen und großen Brillengläsern erzählt, dass sie sich genau überlegt, wohin sie fährt. Nicht nur, weil sie lesbisch ist. Sondern auch, weil sie Länder, in denen Homosexualität noch unter Todesstrafe steht, nicht unterstützen will, indem sie etwa Geld dort ausgibt. Ob sie traurig ist, manche Länder, Städte oder tolle Landschaften nicht sehen zu können? Nicht wirklich, sagt sie. Sich in so einem Land nicht willkommen zu fühlen, würde ihr die Lust sowieso ziemlich vermiesen, meint die 24-jährige Soziologiestudentin. 

Wer die Reiseproblematik von LGBTQ besser einschätzen können will, kann auf den „Spartacus Gay Travel Index“ zurückgreifen – ein jährliches Rating, das von einem auf LGBTQ-Reisen spezialisierten Reiseunternehmen veröffentlicht wird und unter anderem auch vom LSV empfohlen wird. 197 Nationen werden hier aufgelistet und anhand von Faktoren wie „Ehe für alle“, Anti-Diskriminierungsgesetzen, Pride Parade-Verboten und Hassverbrechen bewertet. Auf dem letzten Platz des Spartacus-Index liegt 2019 Tschetschenien, dicht gefolgt von Somalia, Saudi-Arabien und Iran. Den ersten Platz teilen sich dagegen Kanada, Portugal und Schweden. 

Lena ist es wichtig, sich im Urlaub willkommen zu fühlen.

Foto privat

Es ist zwar die absolute Ausnahme, aber es kommt vor, dass Touristen im Ausland aufgrund des dort gültigen LGBTQ-feindlichen Gesetze ernsthafte legale Probleme bekommen. Etwa ein damals 27-jähriger Schotte, der 2017 in Dubai zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, weil er die Hüfte eines Mannes in einer Bar berührt haben soll. 2015 wurde ein 35-jähriger Kanadier in Marokko wegen gleichgeschlechtlichen Sexes festgenomme. Im Jahr zuvor war es bereits einem 69 Jahre alten Briten ebenfalls in Marokko so ergangen.

Dabei kann man als schwuler Tourist oder lesbische Touristin oft auch in LGBTQ-feindlichen Ländern eine gewisse Freiheit genießen – gerade, wenn viele Menschen im Land von den Einnahmen der Tourismusbranche abhängig sind, werden von offizieller Seite her zumindest manchmal die Augen zugedrückt. Das bedeutet, dass man im Gegensatz zu der dort heimischen Bevölkerung vermutlich in den wenigsten Ländern tatsächlich gefährdet ist, legal belangt zu werden und ins Gefängnis zu kommen.

Es geht nicht nur um Gefahr – sondern auch um soziale Akzeptanz

Auch in den harten Fällen kommen die Urlauber und Urlauberinnen meist nach kurzer Zeit wieder frei. Aber neben den offiziellen Einschränkungen ist es die damit zusammenhängende Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz, die homosexuelle Reisenden mitdenken müssen: Wie reagieren die Menschen auf der Straße auf gleichgeschlechtliche Liebe? Und was bedeutet das für meine Ferien?

Lena mag entspannten Urlaub, egal ob alleine oder mit Freunden, all-inclusive oder auf der Isomatte. Hauptsache „kein Städteurlaub, bei dem man zehn Stunden rumläuft oder auf irgendwelchen Vulkanen rumstapft“. Und es sollen eben im besten Fall Orte sein, an denen sie sich direkt erwünscht fühlt. Sie freut sich zum Beispiel, wenn Regenbogenfahnen am Balkon hängen: „Einfach ein Zeichen, dass die Leute ok damit sind. Darauf bin ich angewiesen. Auch wenn es keine Gesetze gegen Homosexualität gibt oder man als Touristin nicht in Lebensgefahr ist, man kann nie wissen, was in so einem Land in der Gesellschaft vorgeht.“

Simon sieht das anders, er würde auch in Länder reisen, in denen er sich aufgrund seiner Sexualität nicht wohl fühlt. „Ich würde mich vorher informieren. Aber hätten mein Partner und ich zum Beispiel Lust, Dubai zu sehen, könnte man dafür schon mal eine Woche lang in der Öffentlichkeit zurückstecken.“ Also kein Händchen halten auf der Straße oder sich beim romantischen Sonnenuntergang am Strand einen Kuss auf die Backe drücken. Für manche ist es das eben wert.

Es scheint mit der Frage zusammenzuhängen, was für ein Reisetyp man ist. Der schwule Reise-Blogger Adam erklärt das auf seiner Homepage so: „Es gibt homosexuelle Familien, die reisen, homosexuelle Solo-Urlauber und Urlauberinnen, Menschen, die zu Gay-Pride-Events fahren oder auf Hochzeitsreise sind, Cruises machen, auf Luxusferien protzen, oder eben einfach an weit entfernten Orten campen und backpacken.“ All diese Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen in verschiedenen Ländern und haben ihre eigenen Ansprüche. Sicherheit ist aber für jede und jeden das absolute Minimum.

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