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"Breaking Bad" gehört zu den erfolgreichsten Serien der modernen Fernseh-Ära. 2014 wurde sie als "beliebteste TV-Serie" im Guinnessbuch der Rekorde verewigt, der Hauptdarsteller Bryan Cranston wurde über Nacht zum Superstar. Nach einem ausführlichen Ausflug Richtung Hollywood ist er in "Sneaky Pete" nun wieder in einer Serie zu sehen – und Fans von "Breaking Bad" sollten sie auf keinen Fall verpassen. Sie kann nämlich als spiritueller Nachfolger durchgehen.

"Breaking Bad" machte das Publikum süchtiger als das blaue Meth aus der Serie. Das liegt vor allem an den unglaublich realistischen Charakteren, die nicht immer sympathisch sind, aber stets glaubhaft und nachvollziehbar bleiben. So bringt "Breaking Bad" den Zuschauer tatsächlich dazu, mit Drogendealer Walter zu sympathisieren. Den weichherzigen, überarbeiteten Familienvater treibt seine Krebsdiagnose in den Drogenhandel, ist ja eh alles scheißegal, und so kann er immerhin seine Behandlung finanzieren und seine Familie absichern, das kann man ihm einfach nicht verdenken. Man hofft sogar, dass er ungeschoren wieder aus der Sache herauskommt. Allerdings scheint das von Anfang an unwahrscheinlich.

Plötzliche, Tarantino-eske Tode sind keine Seltenheit der Welt von ″Breaking Bad″. Der Zuschauer muss jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen, und genau das macht es fast unmöglich, abzuschalten. Eine ganz ähnliche Stimmung erzeugt ″Sneaky Pete″. Star der Serie, die von ″Dr. House″-Schöpfer David Shore und Cranston selbst kreiert wurde, ist der Trickbetrüger Marius Josipovic, gespielt von Giovanni Ribisi. Als Marius nach drei Jahren Haft aus dem Gefängnis kommt, steht er vor einem Problem: Er schuldet Gangsterboss Vince Lonigan, gespielt von Cranston, eine stolze Summe Geld. Weil er die nicht hat und an seinem Leben hängt, nistet Marius sich kurzerhand bei den Großeltern seines Zellengenossen Pete ein – und lässt sie glauben, er sei ihr lang vermisster Enkelsohn. Allerdings hat auch Marius' neue Familie ihre Geheimnisse, die im Laufe der Serie zutage treten. Zu allem Überfluss ist einer von Petes Cousins auch noch Polizist. Mit einem ganz ähnlichen Problem musste sich bekanntlich schon Walter in ″Breaking Bad″ herum schlagen – sein Schwager arbeitete bei der Drogenfahndung. 

″Sneaky Pete″ ist zwar (noch) nicht so düster wie ″Breaking Bad″, das ist allerdings vor allem der Prämisse der Serie geschuldet. Am Anfang von ″Breaking Bad″ steht ein absoluter Durchschnittstyp, der durch äußere Umstände in die Kriminalität getrieben wird. Ab dem Moment, in dem Walter sich zum ersten Mal in die Drogenküche stellt, beginnt sein kriminelles Doppelleben mehr und mehr auf den Alltag abzufärben. Die Gesamtsituation wird dadurch immer dunkler, verfahrener und verzweifelter. Die Ausgangssituation in ″Sneaky Pete″ ist genau umgekehrt: Marius ist ein erfahrener Berufskrimineller, der keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich in eine bürgerliche Existenz zu flüchten. Seine Vergangenheit kann er auf Dauer aber genauso wenig abschütteln wie Walter seine zwei Leben trennen kann. 

Dass ″Breaking Bad″ kaum ein glückliches Ende nehmen würde, war vielen Zuschauern bald klar. Ein ums andere Mal vertut Walter die Chance, sich aus dem schmutzigen Geschäft zurückzuziehen; vielmehr wird er im Verlauf der Serie immer gieriger, überheblicher und skrupelloser. ″Breaking Bad″ erzählt die tragische Geschichte eines Mannes, der sich langsam, aber sicher sein eigenes Grab schaufelt; ″Sneaky Pete″ stellt die Frage, ob auch ein anderer Ausweg möglich wäre. Ist Marius bereits zu weit gegangen oder kann ihm der Absprung gelingen? Und will er das überhaupt? Genau wie Walter wird auch Marius immer wieder von den Verlockungen des Gangster-Daseins eingeholt. Und auch für ihn wird das Spiel zunehmend gefährlicher.

Die Gefahr in Marius' Welt verkörpert Cranston in der Rolle des Gangster-Bosses Vince Lonigan. Hinter seiner weltmännischen Fassade verbirgt sich ein skrupelloser Killer, der jederzeit zum Vorschein kommen kann. Als Marius und seine Freunde zu Beginn der Serie versuchen, ihn aufs Kreuz zu legen, nimmt Lonigan genussvoll Rache: In einer Szene, die auch ohne weiteres in die Welt von ″Breaking Bad″ passen würde, erschießt er ein Mitglied der Crew vor Marius' Augen, um dann laut zu überlegen, was er mit den anderen machen sollte. 

Für ″Breaking Bad″-Fans dürfte Lonigan besonders interessant sein. Im Laufe der Serie outet der wortgewandte Unterweltboss sich als ehemaliger Polizist, der hart für die Errichtung seines kriminellen Imperiums gearbeitet hat. Besonders wichtig ist es ihm, ernst genommen und respektiert zu werden. Wer ihm dies verweigert, muss mit dramatischen Konsequenzen rechnen. Auch wieder eine ″Breaking Bad″-Parallele. 

 

 

Lonigan hat zwar nichts mit Drogen zu tun, könnte aber sonst als eine ältere Version von Walter White durchgehen. In einer der berühmtesten Szenen aus ″Breaking Bad″ macht Walter seine Frau nieder, weil die sich um ihn sorgt – Walter selbst findet die Vorstellung, irgendjemand könnte ihm etwas anhaben, geradezu lächerlich. ″Ich bin nicht in Gefahr″, weist er seine Frau zurecht. ″Ich bin die Gefahr!″ Dieselbe Aussage wäre ohne weiteres auch aus Lonigans Mund denkbar. Einen Gangster, der sich nicht an seine Regeln halten will, bedroht er ohne Umschweife mit dem Tod. Nur mühsam kann er dabei seine Wut über das Auftreten seines Gegenübers in Zaum halten. Ob diese Sucht nach Anerkennung und die eigene Arroganz Lonigan ebenso viel kosten werden wie Walter, bleibt abzuwarten. Wer sich schon immer gefragt hat, wie Walters Reise wohl hätte weitergehen können, bekommt in ″Sneaky Pete″ jedenfalls eine mögliche Antwort präsentiert. 

 

Also, liebe ″Breaking Bad″-Freunde: Neben dem offiziellen Spin-Off ″Better Call Saul″ ist ″Sneaky Pete″ Pflichtprogramm. Aber auch alle, an denen die tragische Geschichte des Walter White vorbeigegangen ist, dürfen gern einschalten. ″Sneaky Pete″ ist eine brillant gespielte und inszenierte Serie, die vor schwierigen Fragen nicht zurückschreckt.

 

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