Donald Glover will, dass wir uns alle schwarz fühlen

Mit seiner hochgelobten Serie „Atlanta“ könnte ihm das gelingen.
Von Nadja Schlüter

Es gibt diesen Promo-Trailer (leider ist er in Deutschland nicht freigeschaltet), der – obwohl er nur 30 Sekunden lang ist – erahnen lässt, dass diese Serie einen besonderen Reiz hat. Erstmal wirkt alles normal: Man hört Musik, man sieht eine Straßenecke und man sieht Menschen. Aber etwas irritiert. Die Menschen gehen rückwärts. Die Autos fahren rückwärts. Sogar die Kamera fährt rückwärts. Dann laufen drei Männer ins Bild. Vorwärts. Sie tanzen mehr als dass sie gehen. Und etwas daran fühlt sich so neu an, dass man mehr sehen will. 

Die drei Männer im Trailer sind die Protagonisten in „Atlanta“, einer neuen Serie, von der in den USA bisher erst drei Folgen gelaufen sind (und die in Deutschland voraussichtlich im November auf Fox und Sky startet), die aber Medienkritiker und viele Serienfans im Internet jetzt schon völlig verrückt macht. Atlanta sei „bemerkenswert“, heißt es. Würdig, „die Lücke zu füllen, die ‚The Wire‘ hinterlassen hat“. Ein „schwarzes ‚Master of None‘“. Eine der „interessantesten Serien in diesem Herbst“. Sie trage zur Diversität der Serien-Landschaft bei und bringe uns allen endlich auf eine ganz ehrliche, nicht belehrende Art den Alltag vieler Schwarzer in den US-Südstaaten näher. Und immer so weiter, Lobeshymne auf Lobeshymne.

Atlanta-Schöpfer Donald Glover sagt selbst über sein Werk: „Ich will erreichen, dass die Menschen sich schwarz fühlen.“ Glover ist 32 Jahre alt, Schauspieler, Autor, Musiker, Comedian. Er hat bereits für die „Daily Show“ und für „30 Rock“ geschrieben, in „Community“ mitgespielt und mit „Childish Gambino“ ein Rapper-Alter-Ego erschaffen, das gleichzeitig Hommage an und Satire auf das Hip-Hop-Business ist.

In Atlanta spielt er selbst die Hauptrolle: Earnest „Earn“ Marks, einen Uni-Abbrecher, der in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist – Georgias Hauptstadt Atlanta, die natürlich, wie der Titel schon verrät, die Haupt-Hauptrolle spielt. Dort versucht er ohne Wohnung und Geld, dafür mit einer Ex-Freundin, einer kleinen Tochter und einem mies bezahlten Job, zurecht zu kommen. Als er mitkriegt, dass sein Cousin Alfred als „Paper Boi“ gerade zum neuen Hip-Hop-Star avanciert, sieht Earn seine Chance: Er bietet Alfred an, als sein Manager zu arbeiten. Um ihn und natürlich sich selbst reich zu machen. 

Earns Eltern lassen ihn nicht mehr ins Haus – weil er seinen letzten Stuhlgang nicht abgespült hat

Plot-mäßig gesehen war’s das eigentlich schon. Der Rest ist vor allem Earns Leben. Er wohnt bei seiner Ex-Freundin Van und versucht, sie zurückzugewinnen, ist aber zu pleite, um sie ohne peinliche Zwischenfälle zum Essen einzuladen. Er will sich um seine Tochter kümmern, ist aber zu verplant, alle Termine auf die Reihe zu kriegen. Er will sich mit seinen Eltern gut stellen, aber die lassen ihn nicht mal mehr ins Haus, weil er sich zu oft Geld geliehen und außerdem nach seinem letzten Stuhlgang nicht runtergespült hat. Und er will Paper Boi groß machen, der aber selbst nicht ganz glücklich mit seinem neuen Gangsta-Star-Image ist und lieber mit seinem Kumpel und Helferlein Darius (der dritte Mann im Trailer und eine Art druffe philosophische Instanz der Serie) im Auto oder der Wohnung rumhängt und kifft. Mit seinem Rucksack auf dem Rücken läuft Earn in Atlanta von Station zu Station und erreicht dabei: nichts.

Und weil das ja gar nicht mal so spannend klingt, muss man sich umgucken in dieser Serie,  um das Besondere an ihr zu sehen, man muss die Umgebung erfassen, durch die Earns Leben da zuckelt. Die „Washington Post“ schreibt, Atlanta zeige die Stadt, wie sie wirklich ist: Man sieht die Schlaglöcher in den Straßen, die tristen Häuser der Unterschicht, die Tankstelle, in der der Tankwart hinter einer dicken Plexiglas-Scheibe ausharrt. Gedreht wurde die Serie in East Point, einem Vorort von Atlanta, der laut Washington Post mal als „gefährlichster des Landes“ galt und heute immer noch zu kämpfen hat, vor allem mit einer hohen Armutsrate.

Das Besondere an Atlanta ist aber, dass Glover es schafft, dass man sich an diesem Ort Zuhause fühlt. Er wirft keinen sezierenden Blick auf irgendeine Art von Elend, er hat auch kein Mitleid – er zeigt einfach das Leben, wie es eben so ist, und Leben – so könnte man die Atmosphäre der Serie vielleicht zusammenfassen – ist halt insgesamt eher beschissen. Hier auch nicht mehr als anderswo. Alle Figuren haben eine bemerkenswerte „Joa, so ist’s eben“-Haltung. Und obwohl das beizeiten wie Passivität, wie Resignation wirken kann, wirkt es die meiste Zeit eher wie der Versuch, nur gerade so sehr gegen den Strom zu schwimmen und sein Leben zu meistern, dass man dabei nicht völlig außer Atem gerät. Wie im Promo-Trailer: Zwar in die andere Richtung gehen, aber dabei so lässig sein, dass es immer noch so aussieht, als würde man sich auch bloß treiben lassen. 

Man darf den Autoren der Serie glauben, was sie uns zeigen: Sie sind in Atlanta aufgewachsen

Zum einen erreicht Atlanta diese Nähe zur Stadt, den respekt-, sogar liebevollen Blick auf sie und ihre Menschen, durch das Autoren-Team: Glover hat sich einen all black writers’ room“ zusammengecastet, und alle Autorinnen und Autoren (mit einer Ausnahme) sind in und um Atlanta aufgewachsen. Man darf ihnen also durchaus abnehmen, was sie uns zeigen. Und davon ausgehen, dass man einiges nicht verstehen, nicht mal bemerken wird: Die Serie ist vollen Insider-Witze und Anspielungen, Atlanta betreffend, aber auch die Hip-Hop-Szene. Wer sich da also auskennt, wird noch mehr Freude haben.

Zum anderen ist da der Humor. Glover lässt die problematischen Themen wie Waffen- und Polizeigewalt oder Armut nicht aus. Aber auch sie schwimmen einfach so mit, als lakonische Kommentare, als Normalität – und oft so, dass man lachen muss. Earn zum Beispiel ist sogar zu pleite, um sich ein Menü bei McDonald’s leisten zu können. Aber das erfahren wir vor allem, weil er sich mit der Bedienung darüber streitet, dass sie ihm kein Happy Meal verkaufen will („Du bist kein Kind, nur Kinder dürfen ein Happy Meal bestellen!“). Und als wir einen kleinen Jungen mit einer Spielzeugpistole schießen sehen und dazu „Ich bin wie Paper Boi!“ rufen hören (von dessen Verwicklung in eine Schießerei natürlich jeder aus dem Lokalfernsehen erfahren hat), tapst Paper Boi selbst wie Karl aus der Kiste plötzlich ins Bild und hält den Kindern einen Vortrag darüber, dass auf andere schießen nicht gut sei.

Und sogar, wenn man nicht lachen kann, zum Beispiel als ein (weißer) Polizist in der Polizeistation einen psychisch kranken (schwarzen) Mann niederprügelt, wirkt das so wenig wie ein Bruch oder etwas Dramatisches, dass man sich danach einfach wieder mit Earn durch die Straßen treiben lassen kann. Es ist eben die Normalität. Und die „Joa, so ist’s eben“-Haltung hilft einem dabei, diese Normalität wegzustecken. Auch, wenn sie nicht unbedingt golden ist.

Atlanta ist keine Serie, die sofort knallt. Die einen direkt kriegt und nicht mehr loslässt. Dafür ist sie viel zu langsam, viel zu beobachtend, und eben auch viel zu „Joa, so ist’s halt“. Aber es lohnt sich, sich ein bisschen in ihr umzusehen und sie dann sehr lieb zu gewinnen. Dann fühlt man das Neue und Ehrliche daran – und will mehr sehen. Donald Glover hat das in einem Interview selbst sehr schön beschrieben: Da vergleicht er seine Serie mit einer Wolljacke, die du erst mal anziehen musst, um zu merken, dass du sie magst. Dass sie zwar ein bisschen kratzig ist, aber dir einfach ziemlich gut passt. 

"Ich will mehr Serien sehen (und drüber lesen)!" Okay, bitteschön:

  • teilen
  • schließen