Gute und schlechte Schurken

Warum werden manche Film- und Serien-Bösewichte gefeiert und andere gehasst?
Von Sebastian Witte

Spoiler-Alarm! Wer die neunte Folge „Die Schlacht der Bastarde“ der aktuellen Staffel „Game of Thrones“ noch nicht gesehen hat, sollte den ersten Abschnitt des folgendes Textes nicht lesen.

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Illustration: Katharina Bitzl

Ramsay war ein Sadist. Er häutete Gefangene, hetzte Hunde auf Verwandte und wenn er im Keller seiner Burg Menschen folterte, hatte er dabei ein diabolisches Grinsen im Gesicht. Nun wurde er selbst an seine Hunde verfüttert und über Winterfell weht wieder die Fahne der Familie Stark. In der Serie "Game of Thrones" gibt es kaum einen Charakter, der von den Fans mehr gehasst wurde, als Ramsay Bolton, der nun endlich aus der Handlung ausscheidet. In den sozialen Medien wünschten ihm Zuschauer zuvor einen möglichst schlimmen Tod und regten sich über seine gewalttätigen Exzesse auf. 

Die meisten Figuren in der Serie sind nicht besonders zimperlich, haben allerdings oft viele Fans. „Im Gegensatz zu anderen Charakteren in "Game of Thrones", die mehrdimensional sind, ist die Figur des Ramsay sehr eindimensional und nur böse,“ erklärt Dr. Johannes Breuer vom Institut für Kommunikation und Medienpsychologie der Uni Köln. "Viele entwickeln sich ja auch weiter." Ein Jaime Lannister z.B., der in den ersten Staffeln ein echter Fiesling war, zeigt auch schon mal, dass er verletzlich ist und auch sympathische Seiten hat. Er hätte eben eine richtige Geschichte, meint Breuer. Ramsay entspricht in seiner Schlichtheit dagegen nicht unbedingt dem Trend, dem erfolgreiche Erzählungen wie "Breaking Bad", "Homeland" oder "House of Cards" folgen. "In der medienpsychologischen Forschung gibt es den Begriff der morally ambiguous characters. Das sind keine klassischen Helden oder Schurken. Es wird in den Serien und Filmen heute eigentlich nicht mehr alles schwarz weiß gezeichnet," so Breuer. 

Genau genommen hat sich schon Freud mit Serien-Schurken beschäftigt 

Charaktere, die aber sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften haben, machen eine Serie oft erst richtig spannend. Darum hält man wohl auch zu Frank Underwood. Der spinnt in der Serie "House of Cards" politische Intrigen und ist meistens auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Underwood ist kein Menschenfreund, aber der Zuschauer will trotzdem wissen, ob und wie er seine Ziele erreicht und begleitet ihn darum gern bei seinem Aufstieg im Weißen Haus. Wie in vielen aktuellen Serien oder Filmen, ist auch er kein strahlender Held, sondern eher eine Hauptfigur, die mal mehr und mal weniger sympathisch wirkt. Vermutlich ist der Gipfel dieser Entwicklung die Comic-Verfilmung "Suicide Squad". Alle Hauptfiguren des Films sind Schurken aus dem Universum der DC Comics. Solche Figuren, meint Breuer, schätzt der Zuschauer sogar, weil sie ganz klar unmoralisch handeln und damit vielleicht Phantasien ausleben, die man eben nicht real umsetzen kann oder darf.

Der Psychoanalytiker Siegmund Freud sah ebenfalls eine Art Stellvertreter-Effekt in solchen Figuren: "Es kann dann nicht anders kommen, als dass wir in der Welt der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz suchen für die Einbuße des Lebens. Dort finden wir noch Menschen, die zu sterben verstehen, ja, die es auch zustande bringen, einen anderen zu töten," heißt es in Freuds Buch "Zeitgemäßes über Krieg und Tod". Ein Charakter der sich ebenfalls traut unmoralisch zu handeln ist der Joker im Film "The Dark Knight". Er zieht plündernd und mordend durch Gotham City und sehnt sich dabei nach einem ein Gegenüber wie Batman, das ihn zu kontrollieren versucht. "Was würde ich denn ohne dich machen? Du machst mich erst vollkommen," erklärt der Joker dem Superhelden im Film unter vier Augen.

Das Motiv ist bekannt. Seit jeher greifen Erzählungen auf einen Helden und dessen Gegenspieler zurück: Von David gegen Goliath, über Hamlet gegen Claudius bis hin zu Roadrunner gegen den Kojoten. In "The Dark Knight" sind die Rollen einigermaßen klar definiert. Batman ist ein heldenhafter, wenn auch düsterer, Protagonist und der Joker der verschlagene, aber teilweise lustige, Antagonist.

Matthias Pacht machen solche Bösewichte großen Spaß. Der Berliner hat schon Drehbücher für Kinofilme und Krimis wie "Tatort" oder "Polizeiruf 110" geschrieben. "Je vielschichtiger der Antagonist ist, desto vielschichtiger kann auch der Protagonist sein." Der Berliner erklärt, dass es aber auch nicht immer gelingt eine Filmfigur als Publikumsliebling oder verhassten Bösewicht anzulegen. Filmemacher würden viel weniger kalkuliert an eine Produktion herangehen als der Zuschauer denkt. Es herrsche in der Branche, seiner Erfahrung nach, eine "anarchische Lust und die Hoffnung, dass das, was den Filmemachern Spaß macht, auch den Zuschauern gefällt." Es könnte aber passieren, so Pacht, dass eine Figur beim Publikum komplett durchfällt. Dann würde auch schon mal während einer laufenden Serien-Produktionen schnell das Drehbuch umgeschrieben. Im Fall von Ramsay aus "Game of Thrones", ist es den Autoren gelungen, einen echten Widerling zu erschaffen.

Aber warum erfinden Drehbuchschreiber überhaupt so eindimensionale Figuren, die von allen Zuschauern verachtet werden? Hinter Verachtung stecke ja eine große Emotionalität, meint Pacht. Und auch diese Gefühlsregung würde der Zuschauer genießen. "Man muss unterscheiden zwischen: ich will die Figur sehen obwohl ich sie nicht mag. Und: Ich will die Figur nicht sehen, denn ich glaube ihr irgendwie nicht. Ich schalte aus."

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