„Bloß nicht glotzen“ ermahnt sich unser Autor. Dabei darf man das hier ja sogar, oder?

„Bloß nicht glotzen“ ermahnt sich unser Autor. Dabei darf man das hier ja sogar, oder?

Illustration: Daniela Rudolf

Zur Lust führt ein schmaler Korridor zwischen Hauswand und Holzzaun, einmal ums Eck eines Flachbaus im Dortmunder Industriegebiet. Die Frau hinter dem Tresen begrüßt das Pärchen vor uns. Den schwarzhaarigen Mann lernen wir später noch kennen, seine Begleitung sehen wir zum letzten Mal. Meine Begleitung ist Sophie*, sie war schon mal mit ihrem Exfreund hier im Swingerclub „Schickeria“. „Wir waren immer nur auf Young-Parties für Paare“, erzählt Sophie. „Ich wollte nie, dass da alte Leute sind. Oder einzelne Männer.“

Sophie ist heute Abend meine Eintrittskarte, in der Schickeria ist „Young Dream – Pay Your Age Party“: Männer kommen alleine gar nicht rein, „für Solo-Damen gilt dies NICHT!!!“, brüllt der Veranstaltungstext. Sie bezahlen nichts, müssen aber unter 37 sein. Pärchen zahlen ihre Jahre in Euro und dürfen zusammen höchstens 72 sein. Im Eintritt enthalten sind alle Getränke, auch Alkohol, das Essen vom Buffet und jede Menge Erwartungen. Vorurteile bringe ich selbst mit.

Swingen, das ist doch was für mittelalte Pärchen mit flippig blondierten Spitzen oder Mittelstandsbauch, ledrige Haut in ledrigen Outfits. Wenn es bei denen nicht mehr läuft, sollen die von mir aus in den Swingerclub gehen. Wir aber haben Online-Pornos. Oder Plattformen, auf denen wir jeden Menschen mit allen Neigungen finden können, die wir ausleben wollen. Oder wir haben eben gar keinen Sex mehr oder wenig – das sagt man den Millennials ja gerne nach. Wen treffe ich also, wenn Leder-Gabi und Netzhemd-Klaus heute nicht in den Sexclub dürfen? Welche jungen Menschen gehen bitte in einem Industriegebiet in Dortmund frivol feiern? 

Sophie hat da ein genaues Bild im Kopf: „Zuhause haben die rosa Hausschuhe an und sitzen zusammen im Onesie vor dem Fernseher. Und in 20, 30 Jahren sind sie die Gabis und Kläuse. Nur ohne blondierte Spitzen, die sind dann nicht mehr in.“ Aber wer genau sie heute sind, das will ich doch lieber selbst herausfinden. Darum habe ich „ja“ gesagt, als Sophie mich gefragt hat, ob ich sie begleiten will.

Mehr als 300 Nachwuchs-Swinger haben ihr Kommen angekündigt. Ausverkauft, keine Chance ohne Anmeldung im „JOYclub“, einer Onlineplattform für Dates, Sex, Aktfotos – und eben auch für Swinger. Tina Höch, die Pressesprecherin von JOYclub, sagt, das Interesse sei allgemein gestiegen. Bei ihnen gebe es inzwischen doppelt so viele Sexevents wie noch vor drei Jahren. „Im Regelfall sind die Leute schon älter“, sagt sie. Das Durchschnittsmitglied ist fast 40 und männlich. Blöd für viele Jüngere, bei denen das Interesse nämlich gerade auch steigt, sagt Höch. Darum gibt es die Youngster-Parties, denn, so Höch, „man möchte seine Eltern ungern in Strapsen sehen.“ 

Ratlos habe ich vorher Sophie gefragt, was ich bloß anziehen soll

Sophie und ich zahlen 46 Euro und bekommen Spindschlüssel Nummer 36. Wir schieben den roten Samtvorhang zur Seite und laufen über die Tanzfläche zu den Umkleiden. Dabei ein erster hastiger Rundblick, bloß nicht glotzen. Vielleicht 30 Nachwuchs-Swinger sind schon da. Die sehen besser aus als befürchtet, denke ich. „Männer haben eine viel größere Angst vor dem Vergleich“, hatte Tina Höch gesagt. „Frauen sind da neugieriger und bekommen viel Aufmerksamkeit, wenn sie in einen Swingerclub gehen.“

Meine Aufmerksamkeit gilt erstmal dem Discobereich. Eine Mischung aus Costa-Brava-Disco und der Eventparty im städtischen Hallenbad. Nur, dass die Speedos, Badeanzüge und Bikinis gegen enganliegende Shorts, Corsagen und String-Sets mit Spitze getauscht wurden. Straßenklamotten haben sich selten so falsch angefühlt. Ich muss hier raus – entweder aus dem Laden oder den Klamotten. Ich schlängele mich durch eine Gruppe halbnackter Wegelagerer, weiche Blicken aus und versuche, niemanden versehentlich zu berühren.

Ratlos habe ich vorher Sophie gefragt, was ich bloß anziehen soll. „Das ist für Männer echt schwieriger, so Lederkram oder Netzhemden sehen echt nicht heiß aus!“, hat sie gesagt. Dank ihrer Beratung zwänge ich mich jetzt in der Umkleide in meine hellgraue Anzughose, passende Halbschuhe dazu und die rote Fliege, sonst nix. Sophie gewährt in ihrem schwarzen, rückenfreien Minikleid seitliche Einblicke. Es ist zu kurz, um ihr ganz über den Po zu reichen. Sie schnallt sich die schwarzen High-Heels unter, dann gehen wir zur Theke.

Als wir mit Bier in der Hand möglichst unauffällig am Rand der Tanzfläche stehen, sehe ich mich zum ersten Mal richtig um. Alles ist in rot und schwarz gehalten, indirektes Licht, hohe Decke. An den Wänden hängen goldbemalte Skulpturimitate, die wohl wie Engelsgesichter aussehen sollen. Vor der langen, stilvoll beleuchteten Bar steht ein Podest mit Pole-Stange, gegenüber zieht sich oberhalb der Sitzgelegenheiten ein Spiegel über die gesamte Breite der Wand. „Geschmackvoller als ich dachte“, sage ich zu Sophie.



Wir warten auf die Führung für Neulinge, wir warten auf Micha. Als er auftaucht, steht mein Vorurteil vor mir: Er ist um die 50, seinen sonnenbankgebräunten Körper quält er anscheinend gegen den drohenden Verfall. Außer einer enganliegenden Hose trägt er nur eine dunkle Krawatte mit goldener Nadel, auf der „Micha“ steht. Während er uns durch den Club führt und das Wichtigste erklärt, grüßt er nach links und rechts, verteilt Küsschen. In einer Glasvitrine stehen Dildos in allen Farben und Formen, dazwischen liegen akkurat angeordnet kleine Peitschen und Stäbe mit rosa Federn an den Enden. Wer was zum Spielen leihen will, meldet sich an der Theke. „Ist alles desinfiziert“, sagt Micha. „Aber allein, wenn du nur denkst: ‚Sind die sauber?‘, dann willst du dir das als Frau nicht reinschieben.“ In jedem Raum gibt es einen Desinfektionsspender, Zewa-Rollen und eine Schale mit Kondomen, das nächste Regal mit frischen Handtüchern ist im schlimmsten Fall im Nachbarraum. „Wenn ihr auf die Matte geht: Standard sind zwei Handtücher pro Person zum unterlegen. Außer die Frau squirtet, dann bitte drei oder vier mehr mitnehmen“, sagt Micha. Matten oder „Spielwiesen“ sind im Swingerclub der Matratzenersatz.

Die Räume entlang des roten Ganges heißen Medusa- oder Orgienzimmer, je nach Thema

Hinter einer Tür aus Gitterstäben sind der Sadomaso-Raum und ein Zimmer mit Liebesschaukel. Ein schwarz verhängtes Loch ist der Eingang zum Darkroom. Rechts davon verläuft die Aorta der Schickeria: Über den langen Gang, der in orange-rötliches Licht getaucht ist, gelangt man zu den meisten „Spielzimmern“ des Clubs. Micha nennt die wichtigsten Regeln: Zugucken ist immer und überall erlaubt. Alle können nachfragen, ob sie mitmachen dürfen, einfach ansprechen oder vorsichtig berühren. Ein Nein ist immer und unbedingt ein Nein, das man nicht persönlich nehmen darf, aber akzeptieren muss. Und zugezogene Vorhänge dürfen nicht geöffnet werden. Sie bedeuten: Wir wollen dahinter ungestört sein!

Die Räume entlang des roten Ganges heißen Medusa- oder Orgienzimmer, je nach Thema. Ich blicke kurz in ein Spielzimmer und fühle mich wie ein Spanner.  Das China-Zimmer – „unser beliebtestes“, sagt Micha – besteht aus einer großen Spielwiese und einem überdimensionierten Drehteller. „Wisst ihr, was Skifahren ist?“ Micha grinst und masturbiert zu seiner Linken und Rechten zeitgleich in der Luft. Ich lache lauter als es sein Witz verdient hat. 

Nach der Führung stehen Sophie und ich da, zwischen Spielwiesen, Dildos, Desinfektionsspendern. Ich habe einmal alles gesehen, aha, spannend, soso, verrückt. Nur: Die Führung ist zu Ende und damit auch der ungefährliche Zuschauerteil. Ja, meine Mutter in Strapsen ist nicht hier. Aber ich habe null Bock auf Sex, ich bin viel zu gestresst. Ich will nicht gehen, das wäre feige, ich will aber auch nicht hier stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Darum murmele ich irgendwas von wegen Hunger in Sophies Ohr. 



Im Buffetraum räkeln sich Tomate-Mozzarella-Scheiben und kalte Minireibekuchen neben Kartoffeln und Feta-Auflauf. In den anderen Schalen schwitzen Nudeln und blubbert Gulasch in Pilz-Rahmsoße. Ich nehme  vom Auflauf, hocke mich an den riesigen Tisch und stochere mit maximaler Konzentration und enganliegenden Ellbogen im Feta rum. Meine Kiefermuskulatur beginnt vom Dauerlächeln zu schmerzen. Nach dem Essen rüber an die Kaffeebar, Zeit gewinnen. Ich interessiere mich auf einmal sehr für die riesige Fingerhutpflanze aus Plastik und die Wandtattoos mit Kaffee-Motiven. Sophie will eine rauchen. Ja, lass uns eine rauchen gehen! Ich rauche nicht.

Wir quatschen mit Noel wie in der WG-Küche

Im Durchgang kommt uns ein Pärchen entgegen. Er trägt knappe Shorts und ein enges Oberteil. Sein Sachbearbeitergesicht wurde auf den Durchschnittskörper eines Mittzwanzigers gesetzt. Sie trägt Metall in Lippe und Nase, wirkt jung und etwas unsicher. Ich schaue sie einen Wimpernschlag zu lange an.

Sophie und ich nehmen uns jeder einen der roten Bademäntel vom Haken und gehen imAußenbereich zum Heizpilz, wo zehn andere Swinger mit Bier und Kippe stehen. Wie auf jeder Party lernt man die meisten Leute beim Rauchen kennen. Reden kann ich. Mein Lächeln ist jetzt echt.

Mit wem bist du hier? Ich bin heute das erste Mal im Club. Wie lang seid ihr schon zusammen? Nee, ich trinke nur Cola, muss noch fahren. Nur ein Typ namens Steffen fragt alle, die vorbeikommen: „Wollt ihr mit auf die Matte? Wir suchen noch Leute für Gruppensex!“  Er trägt eine offene Plastiklederweste, auf der Schulter hat er ein Tribal-Tattoo. Sie gehen seit zwei Monaten in den Swingerclub, erzählt Andrea, die mit Steffen verheiratet ist. Der dunkelhaarige Mann, den wir am Eingang gesehen haben, kommt dazu. Er heißt Noel und sagt, seine Begleiterin sei „mit Bauchschmerzen“ nach Hause gegangen – er glaubt ihr das nicht. Wir quatschen mit ihm wie in der WG-Küche am Tisch, machen Witze. Noel erzählt von seinem kleinen Bruder. Er, Sophie und ich verdrehen die Augen, als Steffen die Nächsten peinlich anbaggert und wieder eine Abfuhr kassiert. Während Noel mit Sophie flirtet, kommen Durchschnittsmann und Metall-im-Gesicht-Mädchen in den Außenbereich. Sie stellen sich artig vor: Marc und Laura.

Marc erzählt, dass er Musiklehrer ist und seine damalige Schülerin durch das Tattoofoto auf ihrem JOY-Profil erkannt hat. Ihre Avancen habe er damals zunächst abgeblockt. Erst nachdem sie nicht mehr an der Schule war, sei da was passiert, sagt Laura. Seit zwei Jahren sind die beiden inzwischen zusammen. Wir alle, Steffen und Andrea, Marcel und Laura, Sophie und ich, stoßen wie alte Freunde miteinander an, als Noel die nächste Runde bringt. Wir reden darüber, dass der DJ echt gut auflegt, es eine coole Location und einfach eine gute Party ist. Alle sind sich einig: Dass es auf einer Swingerparty wohl entspannter ist, wenn die Männermeute draußen bleibt und unsere Eltern oder der Chef zu alt sind.

Ich beobachte die Leute beim Sex, mit denen ich eben noch über ihren Job geredet habe

Laura erzählt, dass sie mit Marc heute Nachmittag erst ihr Outfit gekauft hat – sie ist wie ich zum ersten Mal im Club. Wir verstehen uns. Als sie mit ihrem Lippenpiercing herumspielt, sieht sie aus wie ein Mädchen, dass ich vor ein paar Jahren mal gedatet habe. 

„Wollen wir alle mal nach hinten?“, fragt jemand. Noel holt lieber die vierte Runde Schnaps. Als er wiederkommt, sind die Anderen schon vor, eine Zigarette später folgen Sophie, Noel und ich.

Wir betreten den roten Gang mit den vielen Türen. Werfen flüchtige Blicke in die ersten Räume, sehen verschlungene Körper. Aus dem Engelszimmer hören wir Gebärschreie. Immer tiefer dringen wir ein, vorbei an knutschenden Menschen auf dem Gang, in den türlosen Zimmern passiert Pornographie ohne Playbutton. Hinten links im Chinazimmer finden wir Andrea und Steffen, Marc und Laura. Sie sitzen nebeneinander auf dem Drehteller, küssen, fummeln, hinter ihnen auf der Matte haben drei mal zwei Menschen Sex. Wir bleiben in der Tür stehen, genießen. Ich bin nicht länger ein Spanner, während ich zuschaue.

Ich beobachte die Leute, mit denen ich eben noch über ihren Job geredet habe. Ich sehe wie sich ihre nackten Körper ineinander verkeilen. Körper, die eben noch unter den Bademänteln hervorblitzten. Ich schaue meiner Partycrew beim Sex zu.

Marc nimmt Laura von hinten, Sophie und ich beginnen uns zu küssen, setzen uns auf den Drehteller, halten immer wieder inne und gucken. Marc und Laura werfen mir jetzt einen fragenden Blick zu und ich bin wie versteinert. „Na geh schon“, flüstert mir Sophie ins Ohr und es hallt in meinem Kopf. Marc wendet sich zu dem Paar neben ihm. Ich gehe auf Laura zu. Sie beginnt, mich zu küssen, ich fahre mit meinen Lippen ihren Hals entlang, sie öffnet meine Hose. Ich lasse mich auf den Drehteller fallen, die Anzughose in den Kniekehlen. Ihre Hand greift in meinen Schritt. Gleich wird mein Gesicht zwischen ihren Beinen verschwinden.



*Alle Namen wurden geändert. 

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