„Vibratoren sind keine Problemlöser gegen Einsamkeit“

Silke Heimsoth bekommt gerade viel Aufmerksamkeit für ihr „Dildo-Taxi“. Profit will sie daraus nicht schlagen.
Interview von Magdalena Pulz
dildotaxi

Dieses Bild hat die ganze Aufregung losgetreten.

Foto: privat

Silke Heimsoth hat etwas Geniales erfunden: das Dildotaxi. So steht es in großen Lettern auf einem dunklen Pkw - das Bild davon, das sie ursprünglich auf Facebook gepostet hatte, ging durch die Medien. Die Idee hinter dem Dildotaxi ist, Menschen in Selbstisolation mit Sexspielzeug zu beliefern. Die 55-Jährige besitzt auch einen Erotikladen namens „Pussy Pleasure“ in Duisburg. Mit jetzt spricht sie darüber, warum sie nicht plant, mit dem Dildotaxi das große Geld zu verdienen und warum Sexspielzeug wie ein Restaurant ist. 

Jetzt: Ein Dildotaxi – na, das ist ja mal eine Idee! Bei dir geht es jetzt vermutlich rund am Telefon?

Silke Heimsoth: Absolut. Aber nicht wegen tatsächlicher Bestellungen! Ich bekomme ständig Interviewanfragen. Dabei war das alles zuerst nur ein Scherz. Aber die Menschen sind so begeistert davon: Ich habe sogar schon eine Initiativbewerbung von einem jungen Mann bekommen, der gerne das Dildotaxi fahren würde. Daraus wird aber nichts. 

Wie – das Dildotaxi gibt es gar nicht echt?

Naja, doch, irgendwie schon, wenn es um den Lieferservice geht. Mein Geschäft gibt es seit 15 Jahren, und es kommt immer wieder vor, dass ich Menschen anbiete, ihnen die Ware nach Ladenschluss vorbeizubringen, wenn sie mit dem Auto nicht in die Innenstadt wollen. Nur: Den Aufdruck „Dildotaxi“ gibt es nicht. Den habe ich als Witz auf das Auto gephotoshopped, als ich mich auf Facebook in die wegen Corona verordnete Pause verabschiedet habe. Meinen Lieferservice Dildotaxi zu nennen, war zuvor ein Insider zwischen mir und meinem Mann.

Also, das Dildotaxi ist kein letzter Versuch, dein Geschäft in Corona-Zeiten zu retten?

Nein, soweit ist es noch nicht. Ich habe Rücklagen, weil ich den Shop etwas renovieren wollte. Damit komme ich zwei, drei Monate um die Runden.

Wie viele Menschen benutzen das Dildotaxi bisher so?

Ganz wenige nur! Und vor allem nur Kundinnen und Kunden, die mich gut kennen. Die freuen sich aber. Die erste Kundin, an die ich nach dem Facebook-Post geliefert habe, hat tatsächlich zu mir gesagt: „Vielen Dank für dein erotisches Engagement.“ Und das habe ich wirklich, neulich habe ich einer älteren Kundin auch den Vibrator repariert – das ist nachhaltiger als ihr einen neuen anzudrehen.

Immerhin bringt der Mythos vom Dildotaxi etwas kostenlose Publicity…

Genau. Wobei: Bei meinem etwas kleineren Sexshop hilft das vermutlich nicht so wahnsinnig viel. Zu uns kommen die Leute vor allem, wenn ihnen ein Freund oder eine Freundin den Laden empfiehlt. 

Da wäre es doch eine gute Idee für dich, das Dildotaxi zum Hauptgeschäft zu machen, oder? 

Eigentlich nicht. Mir ist es viel lieber, wenn die Menschen ins Geschäft kommen. Für eine gute Beratung ist es nötig, dass man die Dinge in Augenschein nimmt. Es geht immer darum, ein Produkt zu finden, das zu einem passt! Aber ganz generell hätte ich gerne, dass die Menschen dem Thema Sexspielzeug offener gegenüberstehen würden.

dildotaxi portrait

Silke Heimsoth, Inhaberin des Geschäftes Pussy Pleasure.

Foto: privat

Tun sie das nicht?

Mein Gefühl ist, dass das schon einmal besser war. Viele Leute haben Hemmungen, und denken: Liebesspielzeug benutzt man nur, wenn man sonst nicht klarkommt. Das ist aber Quatsch. Man geht ja auch nicht in ein Restaurant, weil es zu Hause nicht schmeckt. Man probiert verschiedenes aus und manchmal sagt man: „Boah das war super hier, das machen wir noch mal.“

Und kommen dann nur so super aufgeschlossene, experimentierfreudige Menschen in dein Geschäft?

Nein gar nicht! Wir haben auch ganz viele verlegene Erst-Täter*innen. Jung, alt, arm, reich – da ist alles dabei. Nur: manchmal müssen sie erst ein paar Mal vor dem Shop herumgeistern, bis sie sich hereintrauen. 

Aber jetzt, wo alle zu Hause sitzen, wäre schon ein guter Moment, um sich … nun ja, sich selbst zu widmen, oder?

Es ist immer gut, sich sich selbst zu widmen. Aber nur in der Form, auf die man Lust hat. Wenn es einem guttut, mal ordentlich aufzuräumen oder die Wohnung zu streichen, ist das eine gute Idee. Wer sich mit sich selbst oder der oder dem Partner*in zu beschäftigen will, sollte auch seinem Bauchgefühl folgen.

Das klingt jetzt aber skeptischer, als man das von einer Sexspielzeug-Verkäuferin erwarten würde!

Nun ja, in Corona-Krise-Sprache ausgedrückt: Weder der Dildo noch das Dildotaxi ist systemrelevant. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und was man will: Das ist systemrelevant. Vibratoren sind keine Problemlöser gegen Einsamkeit. Das kann nur Kommunikation. 

Okay, es gibt kein Sexspielzeug, das zu allen passt. Aber wenn du jetzt den Neugierigen in der Isolation etwas empfehlen müsstest – was wäre das?

Mhh, die Klassiker, also ganz reduzierte Sachen, Dildos etwa. Bei Frauen ist außerdem der Womanizer wahnsinnig beliebt. Das Gerät war wirklich ein technischer Durchbruch. Ich werde nie vergessen, als ich 2014 den ersten verkauft habe, rief mich die junge Frau am nächsten Tag an und sagte: „Sie haben mich glücklich gemacht. Ich möchte am liebsten auf die Straße rennen und allen Frauen sagen, dass sie das probieren müssen!“

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