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Foto: femtasy

„Nein, bitte nicht, nicht die Großauf... doch, okay, dann die Großaufnahme. UGH, nein. Ich schau einfach kurz weg. Oh, ja, jetzt geht es wieder. Nein, nein, nein, nicht schon... oh komm.“ Diesen Gedanken-Hickhack haben schon viele Frauen durchleben müssen. Und zwar nicht beim Horrorfilmabend, sondern beim Youporn-Gucken. Frauen sind oft miserable Porno-Zuschauerinnen. Denn in der Mainstream-Pornoindustrie werden die Filmchen eben hauptsächlich für Männer gemacht und bedienen auch nur deren Fantasien.

Die 24-jährige BWL-Studentin Nina Lepique hat allerdings noch einen anderen angeblichen Grund dafür gefunden, dass Frauen nicht so gerne Pornos schauen – und gleich eine Lösung mitgeliefert. Ihre Erklärung: „Frauen funktionieren beim Porno-Schauen anders. Sie stellen sich die Bilder lieber vor, anstatt sich welche zeigen zu lassen. Die Filme unterdrücken die Fantasie unter ihrer Visualität.“ Ihre Lösung: „Femtasy“, eine Hörgeschichten-Pornoseite. Die lässt den ganzen visuellen Quatsch gleich weg und arbeitet nur mit Fantasie.

Auf der Seite, die Nina erfunden und gegründet hat, gibt es nichts zu sehen außer die Playbuttons für die Sex-Storys. Und wenn man die drückt, beginnt eine Stimme – manchmal männlich, manchmal weiblich – zu reden oder zu hauchen oder zu flüstern. Entweder spricht die Stimme den Hörer direkt an, um ihn mit Worten auszuziehen, anzufassen, heiß zu machen. Oder sie erzählen aus der Vogelperspektive, wie sich andere ausziehen, anfassen, heißmachen.

Dass die Lust der Frau genauso lukrativ sein kann wie die der Männer, ist längst durch die patriarchalischen Strukturen der Pornoindustrie gedrungen. „Feministischer Porno“ ist das Stichwort. Eine Form des Sexfilms, den die Berliner SPD übrigens vor Kurzem erst staatlich fördern lassen wollte. In den Filmen wird niemand herabwürdigend behandelt und alles soll viel authentischer sein. Die Königin dieser Disziplin, sozusagen der David Lynch des feministischen Pornos, ist Erika Lust. Doch auch die, mit ihren hyperrealistischen, gendergleichgestellten, politisch auf alle Fälle korrekten Pornos spricht nicht jede an. Und diese Lücke könnte Femtasy schließen.

Durch Gespräche kam Nina auf die Idee mit den Pornos zum Anhören. „Freundinnen haben mir erzählt, dass sie zwar Pornos gucken, dabei aber immer den Laptop zuklappen oder ein T-Shirt über den Bildschirm hängen, weil sie eigentlich nur der Ton reizt und sie sich Akteure und Setting dann lieber selbst ausdenken“, erklärt sie. Also hat sie ein bisschen nachgeforscht und ist beispielsweise auf Ulrich Clement gestoßen, einen Paartherapeut und Sexualforscher, der im Interview mit der Zeit einmal sagte: „Was das Sexuelle angeht, wird in der einschlägigen Literatur relativ gesichert festgestellt: Männer fantasieren anders als Frauen. Sie reagieren viel stärker auf optische Schlüsselreize. Frauen finden es erotischer, Geschichten zu hören. Männer reagieren auf das, was sie sehen.“

Nachdem Nina einiges von dieser einschlägigen Literatur durchgebüffelt hatte, begann sie 2017 eine eigene Studie mit 1500 Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren durchzuführen. Sicher ist sicher. Und diese Studie bestätigte tatsächlich ihre Hypothese, dass Frauen lieber hören als sehen. Also gründete sie ihre Seite und nannte sie Femtasy, der Name ist zusammengesetzt aus „Female“ und „Fantasy“. Dort gibt es nicht nur Stöhngeräusche wie mit einem Porno, über dem ein T-Shirt hängt, sondern ganze ausgeschmückte Geschichten (zum Ende hin werden sie aber doch oft mehr vorgestöhnt als vorgelesen.)

Die Hörgeschichten sind im Gegensatz zu ellenlangen Erotikhörbüchern nur vier bis 30 Minuten lang. Diese Dauer ist angepasst an die sexuelle Stimulation. „Erotikhörbücher sind Unterhaltung mit ein bisschen Sex, wir sind Sex mit ein bisschen Unterhaltung“, erklärt Nina. Keine Geschichte auf Femtasy gleicht der anderen. Denn die Geschichten werden nicht nur von unterschiedlichen Erzählern eingesprochen, sondern auch von unterschiedlichen Autoren geschrieben. Es gibt Hetero-, Bi- und Homo-Geschichten und Abstufungen zwischen sanft, intensiv und hardcore.

Mit der kostenlosen Testversion bekommt man erst einmal nur Zugriff auf drei Geschichten von insgesamt hundert. Da hört man dann zum Beispiel Samuel, der etwas zu übereifrig-sexy ins Mikro säuselt: „Ich klingle und du öffnest die Tür. Wow – ziemlich scharf siehst du aus. Du hast mir aufgemacht, weil du diejenige bist, die mir zeigen soll, wo in diesem Objekt der Heizungskeller ist“. Vor den ältesten Pornoklischees der Welt schreckt man hier also auch nicht zurück. Dann Raphael, der Masseur, der im Vergleich eigentlich ganz angenehm spricht. Und Philippe, der Dating-Kerl, der wieder ein bisschen zu übereifrig-sexy ins Mikro säuselt.

Generell wirken alle ein bisschen gezwungen, so als nähmen sie das gerade für ihre Freundin auf, mit der sie seit zwölf Jahren zusammen sind und seit drei in einer Sexdürre stecken. Dazu muss man aber auch sagen: So wirkt das auf jemanden, der es sich mittags im Büro anhört. Wie sich das mit der richtigen Stimmung am Abend im Bett anhört, ist eine andere Sache.

Die Erzähler hat Nina über Freunde gefunden, über direkte Anfragen, über Zufälle. „Am Anfang haben wir vor allem bei Schauspielschulen angefragt, aber dann gemerkt, dass das nicht immer Sinn macht – wir wollen es ja möglichst authentisch“, sagt sie. Auch über die Femtasy-Seite kann man sich für den Job als Sprecher oder Sprecherin bewerben. Und Autoren und Autorinnen können sich ebenfalls melden. „Meistens sind es Frauen“, sagt Nina. „Wir haben welche, die das neben ihrem Studium schreiben, aber auch welche, die das als Herzensprojekt machen, wir haben junge Mamis, aber auch eine 64-Jährige.“

Dass so eine erotische Geschichte gut wird, ist eine echte Herausforderung – nicht umsonst wird in London jährlich ein Preis für die schlechteste Sexszene in der Literatur vergeben, der „Bad Sex in Fiction Award“. Und unter den Nominierten tummeln sich ausschließlich erfolgreiche Literaten. Wenn also diejenigen schon keine gescheite Sexszene aufs Blatt bekommen, wie sollen es dann die Femtasy-Amateure schaffen?

„Ja, es ist schon schwierig“, antwortet Nina kurz. Sorgen muss sie sich darüber aber eigentlich nicht machen. Denn: Es funktioniert. Sogar besser, als die Gründerin gedacht hätte. Seit über einem Monat ist die Webseite jetzt – nach einer halbjährigen Testphase – endgültig online und die Abonnentenzahlen liegen bereits im höheren fünfstelligen Bereich. Und ein Monatszugang kostet immerhin ungefähr so viel wie bei Netflix, nämlich zehn Euro. „Viele können sich das zu Anfang nicht richtig vorstellen, aber jetzt melden sich selbst Männer bei uns an. Man muss es einfach ausprobieren“, sagt Nina.

Ob Frauen sich letztlich mit dem Hören von Pornos zufriedenstellen lassen, sei dahingestellt. Für die miserablen Youpornguckerinnen könnte es jedenfalls die Rettung sein – das Problem mit den Großaufnahmen wäre man so auf alle Fälle los.

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