Ines Anioli und Leila Lowfire

Ines Anioli und Leila Lowfire

Foto: Matze Hielscher

Allein auf iTunes gibt es mittlerweile etwa 240.000 Podcasts. Alle Genres. Alle Themen. Zu den meistgehörten deutschen Sendungen gehören neben dem Radio „Tatort“ der ARD und der Sendung „Fest und Flauschig“, mit Jan Böhmermann und Olli Schulz, der Podcast „Sexvergnügen“ von Ines Anioli, 30, und Leila Lowfire, 24. Schon kurz nach dem Start stiegen ihre zweiwöchentlich erscheinenden Gespräche an die Spitze der deutschen iTunes Charts. In 45-minütigen Folgen geht es um Penisgrößen, Fetische, Geräusche und Gerüche – und zwar unverkrampft und sehr unterhaltsam.

So unverkrampft sogar, dass einige Männer die Sendung als diskriminierend empfinden und die beiden in Sozialen Netzwerken beschimpfen. Geht es Anioli und Lowfire nur um Provokation? Oder waren sie schon immer so offen? Wir haben sie in Berlin zum Interview getroffen.

jetzt: Wenn man euren Podcast hört, hat man den Eindruck, ihr wärt jeden Tag auf wilden Partys oder bei Dates. Habt ihr wirklich mehr Sex als der Durchschnittsdeutsche? Oder plaudert ihr das, was ihr erlebt, nur anekdotenreicher und vor größerem Publikum aus? 

Leila Lowfire: Ich bin ein sehr sexueller Mensch und hatte wirklich wilde Phasen, in denen ich fast jeden Abend feiern war und jemanden abgeschleppt habe. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten Geschichten aus dem Podcast. Mittlerweile bin ich ruhiger geworden und trinke auch keinen Alkohol mehr.

Ines Anioli: Ich bin – anders als Leila – nicht in dieser Form unterwegs, ich muss meistens erst stundenlang mit dem Typen reden, bevor ich zur Sache komme...

Würdet ihr sagen, dass Frauen untereinander generell so offen über Sex sprechen?

Ines: Nein, gar nicht. Vielen passt es vor allem nicht, explizit darüber zu reden: Manchmal komme ich mir wie eine Perverse vor, wenn ich meine Freundinnen nach Details ausfrage. Aber ich finde das wichtig – Sex sagt viel über Beziehungen aus und außerdem kann man ja dabei voneinander lernen: Letztens redete ich von diesen typischen schmatzenden Vagina-Geräuschen, die beim Sex eben vorkommen, und eine Freundin war richtig erleichtert, dass die normal sind. Das erfuhr sie erst mit über 30!

Leila: Ich denke nicht, dass es üblich ist, in dem Ausmaß über Sex zu reden, wie Ines und ich es tun.

Woher kommt das? Waren eure Eltern sexuell aufgeschlossen? Wurdet ihr sehr liberal erzogen?

Leila: Meine Schwester und ich wurden sehr früh aufgeklärt, aber sonst wurde zu Hause nie über Sex geredet: Meine Mutter kommt aus einem katholischen Haushalt und mein Vater ist Iraner – er ist zwar liberal, aber eben auf persische Art. Seit ich Aktfotos mache, war ich auch nicht mehr bei meinen Verwandten im Iran.

Ines: Meine Eltern kommen beide aus Polen und haben mich sehr konservativ erzogen: Ich war auf einer katholischen Mädchenschule, habe elf Jahre lang Ballett getanzt und habe mich bei Sexszenen in Filmen total geschämt, wenn meine Eltern daneben saßen. Meine Mutter versuchte schon immer mal wieder, mit mir über das Thema zu sprechen, aber mir was das zu unangenehm. Obwohl ich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern habe, wollte ich nicht mit meiner Mutter über mein Sexleben reden.

Auch nicht, seit euer Podcast deutschlandweit bekannt ist?

Ines: Ich frage meine Mutter nicht danach – ich hoffe, sie hat nur mal kurz reingehört und sofort gemerkt, dass das Dinge sind, die sie nicht über ihre Tochter wissen will.

Wann fing das an, dass ihr so offen über Sex sprechen wolltet? 

Leila: Ich konnte in der Schule mit Gleichaltrigen nicht viel anfangen, deshalb suchte mir außerhalb Freunde, die meistens älter waren. Mit ihnen redete ich darum schon früher und offener über Sex. 

Ines: Ich war lange Zeit eine gute und brave Schülerin, bis ich irgendwann total durchgeknallt bin und meine Mitschüler zum Mistbauen angestiftet habe. Weil ich verbal immer so offen war, dachten allerdings viele Jungs, dass ich am liebsten mit dreien gleichzeitig Sex hätte – was aber gar nicht so war. Diese Erwartung setzte mich oft ganz schön unter Druck.

Macht ihr diese Erfahrung heute auch, seit ihr mit "Sexvergnügen" so erfolgreich seid?

Ines: Ja. Viele denken, die beiden reden so offen über Sex, dann wollen die sicher auch mit mir Sex haben. Ich staune immer wieder, wie sehr sich viele Männer überschätzen und was für ein großes Ego sie haben. 

Leila: Ich habe in einer Folge erwähnt, dass ich es süß finde, wenn ein Mann mich in einer Bar fragt: „Willst du knutschen?“ Seitdem bringen total viele Typen diesen Anmachspruch und ich bereue es, ihn verraten zu haben. Überhaupt erzählen mir jetzt auch wildfremde Menschen ihre Sexgeschichten – ich versuche zwar, möglichst hilfsbereit zu sein, aber es ist eigentlich nicht mein Wunsch, permanent und mit jedem nur über Sex zu reden.

Ihr betont oft, dass die Penisgröße doch eine Rolle spielt für guten Sex. Es gibt eine Folge, in der ihr über einen Mann lacht, der zu früh zum Orgasmus kommt. Viele finden so etwas herablassend.

Ines: Natürlich wollen wir niemals jemandem Komplexe einreden, weil er einen kleinen Penis hat. Aber ich finde, wir können darüber Scherze machen, denn es hilft, gerade beim Sex, Dinge mit Humor zu nehmen. 

Leila: Außerdem nehmen wir unsere eigenen Defizite auch oft auf die Schippe. Aber, ja: Politisch korrekt ist unser Podcast nicht.

Bewusst nicht? Geht es euch darum, ein Tabu zu brechen, indem ihr so derb wie viele Männer redet?

Ines: Ja, ich will immer provozieren – Normalität langweilt mich extrem. Mein großes Thema ist, dass ich Dinge tue und ausspreche, die bei Männern akzeptiert, bei Frauen aber verpönt sind. Damit spiele ich natürlich auch – aber es wäre schon schön, Stück für Stück dazu beitragen zu können, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. 

Leila: Um Horizonte zu erweitern, muss man auf jeden Fall ein bisschen schockieren.

"Warum sollte der Sexualtrieb bei Frauen anders sein als bei Männern? Sex ist ein Grundbedürfnis, genauso wie Kacken"

Also seht ihr euch auch in einer gewissen Vorbildrolle?

Leila: Ich bekomme oft Hasskommentare, in denen ich als Hure beschimpft werde – mittlerweile denke ich dazu aber nur: Okay, dann bin ich in deinen Augen eine Hure, aber ich liebe, was ich mache! Zu dieser Haltung möchte ich alle Frauen ermutigen, also dass man sich von gesellschaftlichen Zwängen löst. Aber natürlich ist unser Podcast kein trockenes Aufklärungsformat. 

Ines: Mein Ziel ist reine Unterhaltung und nicht, die Leute aufzuklären. Aber ich will vermitteln, dass es wichtig ist, sich für seine Sexualität nicht zu schämen – denn Sex ist nicht nur "Liebemachen", sondern auch ein Trieb. Darüber sollte man reden können, ohne doof angeschaut zu werden. 

Ihr erwähnt oft, wie wichtig es ist, Kondome zu verwenden und zur Schule zu gehen. 

Ines: Das ist ernstgemeint! Schließlich soll aus den Zuhörern was werden, nicht so wie bei uns. (lacht

In einer Folge erzählt ihr, dass ihr euch ab und zu mehrmals am Tag selbst befriedigen müsst, weil ihr euch sonst gar nicht konzentrieren könntet. Sind Frauen genauso triebgesteuert wie Männer?

Leila: Auf jeden Fall. Aber sie haben ihren Trieb besser unter Kontrolle. Bei Männern spielt das Sexuelle sogar in der Berufswelt eine große Rolle, selbst bei wichtigen Entscheidungen denken viele einfach mit dem Schwanz. 

Ines: Warum sollte der Sexualtrieb bei Frauen anders sein als bei Männern? Sex ist ein Grundbedürfnis, genauso wie Kacken – darum sollte das gesellschaftlich auch mehr anerkannt werden. Es sollte in jedem Unternehmen Masturbationskabinen geben – dann könnten viele ihrem Trieb freien Lauf lassen und sich dadurch auch besser auf die Arbeit konzentrieren. 

Seht ihr euch als Feministinnen?

Leila: Feminismus hat leider einen schlechten Ruf bekommen, doch ich finde, jeder Mensch sollte Feminist sein – man müsste nur den Grundbegriff neu definieren: Es geht nämlich nicht darum, dass Frauen das „wahre Geschlecht“ sind, sondern um die Selbstbestimmung der Frauen. 

Ines: Das stimmt. Natürlich bin ich Feministin, aber dennoch in meinem Verhalten oft widersprüchlich: Einerseits will ich, dass für Frauen das Gleiche gilt wie für Männer, andererseits möchte ich beim Date vom Mann eingeladen und von ihm auf Händen getragen werden. Aber letzten Endes ist doch wichtig, dass wir alle Triebe und Bedürfnisse haben und das menschlich ist – bei Frauen wie Männern. 

In Internetforen liest man immer wieder, dass viele Frauen Sex haben, wenn sie Bestätigung suchen. Kennt ihr das auch?

Leila: Ich habe eigentlich nur Sex, wenn ich selbst Lust darauf habe. Manchmal, wenn es mir schlecht ging, suchte ich vielleicht etwas Ablenkung bei Männern – aber das hat nichts mit Bestätigung zu tun: Die bekomme ich schließlich permanent durch meine Arbeit und privat hat das keinen großen Reiz für mich.

Ines: Mir gibt das gar nichts, ein Sexobjekt zu sein. Ich freue mich viel mehr über das Feedback, wenn ich mit meinen Videos und meinem Humor jemandem zum Lachen bringen konnte.

"Ich werde oft auf mein Äußeres reduziert, darum sind viele positiv überrascht, dass ich auch lustig sein kann"

Wart ihr eigentlich schon immer so selbstbewusst oder habt ihr auch Komplexe?

Ines: Als Jugendliche hatte ich viele Komplexe und bin nie ungeschminkt aus dem Haus gegangen. Bis mir das irgendwann zu anstrengend wurde und ich peu à peu herausgefunden habe, was mich wirklich glücklich macht: Man darf das nicht davon abhängig machen, was andere von einem halten – denn die Gesellschaft vermittelt sehr verkorkste Bilder. 

Leila: Das stimmt. In der Kleinstadt, aus der ich komme, wird viel getratscht – weil mich das schon immer gestört hat, zog ich relativ früh weg. Ich hatte als Teenager auch oft Probleme, meinen Körper zu akzeptieren. Das hat sich aber gelegt, als ich älter wurde und mittlerweile verdiene ich mit meinem Körper ja auch mein Geld. Ein interessantes Phänomen ist außerdem der Body-Positivity-Trend, bei dem Frauen gegen die gängigen Schönheitsideale rebellieren und zu mehr Selbstakzeptanz aufrufen. Auch mir ist es wichtig zu vermitteln, dass man gut ist, so wie man eben ist – egal ob dünn oder kurvig. 

Ihr sagt im Podcast oft Sätze wie: "Wir sind ja so dumm." Verstehen die Zuhörer diese Art von Selbstironie?

Leila: Ich werde oft auf mein Äußeres reduziert, darum sind viele positiv überrascht, dass ich auch lustig sein kann – andere wiederum sind total schockiert. Einige Männer finden unser Gekicher vielleicht infantil. Aber der Podcast soll authentisch sein und ich finde es extrem wichtig, über sich selbst und über Sex zu lachen. 

Ines: Ich liebe Selbstironie, glaube aber, dass sie oft nicht verstanden wird. Ich weiß, dass mein Humor nicht massenkompatibel und auch mein Youtube-Kanal eher für eine Nische ist. Aber ich will mich nicht verbiegen – dann habe ich lieber weniger Fame.

Ihr propagiert sexuelles Experimentieren und Abenteuerlust. Lässt sich sexuelle Erfüllung eurer Meinung nach in einer Langzeitbeziehung oder Ehe überhaupt leben?

Leila: Auf keinen Fall, das sieht man ja auch an der aktuellen Scheidungsrate: Nur sehr selten ist es wirklich der Tod, der die Ehen scheidet... Die Vorstellung, für immer mit derselben Person glücklich zu sein, halte ich auch für utopisch. Ich selbst bin jemand, der sich ständig neu erfindet, und deshalb auch ein großer Verfechter von offenen Beziehungen. Wichtig ist, dass man jemanden findet, der das toleriert. Vielleicht kommt nach dem Selbstverwirklichungsdrang unserer „hedonistischen Generation“ wieder eine Entwicklung hin zum konservativeren Beziehungsmodell, wer weiß.

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