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Frauen haben mehr Lust als Männer

Warum also hören wir immer nur das Gegenteil?
Von Katja Lewina
untenrum frauen wollen cover
Illustration: Daniela Rudolf

Wir sind die aufgeklärteste Generation, die es je gab. Unser Wissen über weibliche Sexualität wird jedoch noch immer von Gerüchten, Mythen und Klischees bestimmt. Es wird Zeit aufzuräumen, findet unsere Autorin. Und schreibt deshalb die „Untenrum“-Kolumne. 

Er würde ja öfter, wenn sie wollte. Aber sie will halt nicht. Hat viel im Kopf oder PMS, mag lieber kuscheln, und morgen müssen sie ja auch wieder so früh raus. Unsere kollektive Vorstellung von Verlangen ist eindeutig: Der Mann hat Lust, die Frau eher nicht. Auch Studien bestätigen diese Theorie immer wieder. Die durch breit angelegte Umfragen gestützte Publikation „Wir Deutschen und die Liebe“ brachte es letzten Herbst mal wieder mit Zahlen auf den Punkt: 57 Prozent der Männer machen es sich mindestens ein Mal die Woche selbst, aber nur 29 Prozent der Frauen. 48 Prozent der Männer denken täglich an Sex, aber nur 16 Prozent der Frauen. Das weibliche Geschlecht scheint tatsächlich nicht mit so einem intensiven Trieb ausgestattet zu sein. Oder?

Früher gab es Literatur darüber, wie man die Frau davon abhalten könne, vor dem Mann zu kommen

Bis vor ein paar hundert Jahren war man noch völlig anderer Meinung. In ihrem Buch über die Kulturgeschichte der Vulva, „Der Ursprung der Welt“, schreibt Liv Strömquist: „Vor der Aufklärung, z. B. in der Antike, wurde nämlich die Frau als fleischeslustig, zügellos und triebgesteuert angesehen, während man Männer als fähig erachtete, sich selbst zu kontrollieren und hochedle, intellektuelle Freundschaftsbeziehungen zu unterhalten.“ In der christlichen Tradition sieht es nicht viel anders aus. Hier war es Eva, die Adam mit dem Apfel verführte und fortan für die weibliche Sündhaftigkeit stand, vor der der Mann sich in Acht nehmen sollte. Auch in den Zeiten der Hexenverfolgung bediente man sich oft genau dieser Argumente. In einem Handbuch für Inquisitoren aus dem 15. Jahrhundert heißt es: „Die Fleischeslust (…) von Frauen ist maßlos.“ Zu dieser Zeit glaubte man auch, der beste Weg zu einer Schwangerschaft sei der gleichzeitige Orgasmus von Mann und Frau. Also gab spezielle Literatur und Ratschläge, wie man die Frau, dieses gierige Stück, davon abhalten könne, vor dem Mann zu kommen. Kein Scherz!

Erst mit der Aufklärung wandelte sich das Bild von der Frau als lüsterner Verführerin zur  libidobefreiten Vernunftträgerin. Im 19. Jahrhundert überboten sich die Wissenschaftler dann gegenseitig mit Erkenntnissen über die kaum vorhandene weibliche Sexualität bis hin zur „sexuellen Anästhesie“. Mit einem Mal konnten Frauen nicht mehr als triebgesteuert, sondern den Männern als moralisch überlegen betrachtet werden – sehr zur Freude des aufkeimenden Feminismus. Doch die Idee von der gefährlichen Frau blieb gleichzeitig bestehen, so dass sexuelle oder sonstige Fehltritte sie immer noch zur „Hure“ machen konnten. Das ist heute nicht viel anders. Seit einigen Jahren hat das Runtermachen von Frauen für ihr tatsächliches oder vermeintliches sexuelles Verhalten auch einen Namen: Slut-Shaming. Und das erfreut sich weiterhin größter Beliebtheit.

Aber was ist denn nun wirklich mit der weiblichen Lust? Nachdem sie über Jahrtausende hinweg ein Objekt männlicher Theorien und Zuschreibungen war, können sich Frauen sich doch inzwischen selbst dazu äußern – in Umfragen zum Beispiel. Doch leider machen solche Befragungen die Rechnung ohne unsere Sozialisation. Und die sieht nun einmal genau das am Anfang dieses Textes erwähnte Ungleichgewicht vor: Frauen wollen weniger, Männer wollen mehr. Wie sehr uns dieses Narrativ in unserem eigenen Verlangen prägt, zeigt Daniel Bergner in seinem Bestseller „Die versteckte Lust der Frauen“ anhand verschiedener Studien. Zum Beispiel, dass die allermeisten Frauen weniger Hornyness zugeben als in ihrer Vagina gemessen wird – und sie wesentlich leichter erregbar sind als Männer. Dass sie gern mal weniger Sexualpartner angeben, als sie tatsächlich hatten. Und dass sie innerhalb weniger Jahre die Lust auf ihre Langzeitpartner verlieren. Bergner leitet daraus ab, dass Frauen nicht für die lebenslange Monogamie gemacht sind. Dennoch beharren sie in der Mehrheit auf diesem Liebesmodell als Ideal – weil sie sich aufgrund ihrer gesellschaftlichen Prägung ihre Lust nicht eingestehen. Vielleicht nicht einmal von ihr wissen.

Mit anderen Worten: Wir Frauen haben keine Ahnung, was da alles in uns steckt. Die Zeit ist reif. Finden wir es raus.

 

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