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Illustration: Daniela Rudolf

Wir sind die aufgeklärteste Generation, die es je gab. Unser Wissen über weibliche Sexualität wird jedoch noch immer von Gerüchten, Mythen und Klischees bestimmt. Es wird Zeit aufzuräumen, findet unsere Autorin. Hier kommt die erste Folge unserer „Untenrum“-Kolumne. 

Es mangelt uns in der Alltagssprache ja eigentlich nicht an Namen für das, was Frauen zwischen den Beinen haben. Nur kenne ich keine einzige Frau, die auch nur einen von diesen Begriffen ernsthaft für ihr Geschlechtsteil verwenden würde. Pussy, Muschi, Mumu, das klingt viel zu kindlich – und die weiteren bekannten Alternativen sind zu abwertend oder zu pornös. Wie viel weniger wertend ist da schon der Begriff „Vagina“. Fast könnte man meinen, er wäre ähnlich neutral wie das Wort „Penis“. Zwar klingt „Vagina“ trotz ihrer schönen Wortmelodie mehr nach medizinischem Untersuchungsbesteck als nach wahrem Leben, ist aber immerhin ein Wort, das man ohne zu erröten in den Mund nehmen kann.

Doch wer nun denkt, damit sei das Problem gelöst, liegt leider falsch. „Vagina“ ist mitnichten das richtige Wort für das weibliche Geschlechtsteil – auch wenn es nur allzu oft dafür verwendet wird. Wie wäre es also mit etwas „Medical Correctness“? Die Vagina bezeichnet streng genommen nur diese schlauchartige Verbindung zwischen unserem äußeren Geschlechtsteil und der Gebärmutter – also den unsichtbaren Teil unseres Geschlechtsorgans. Was wir aber meist meinen, wenn wir drüber sprechen, ist der sichtbare Teil, also die äußeren und inneren Schamlippen, die Klitorisperle und den Vaginaleingang. Das alles ist: die Vulva.

Das weibliche Geschlecht bleibt eine Leerstelle, die nur in Beziehung zum Penis existiert

Benutzt dieses Wort jemand? Kaum. Stattdessen verwenden wir mit erschreckender Regelmäßigkeit ein Wort, das etwas Unsichtbares meint, um etwas Sichtbares zu verbalisieren. „Damit wird nicht nur der gesamte sichtbare Teil des weiblichen Genitals sprachlich unsichtbar, es hat so auch keine eigenständige Bedeutung mehr, ist nur ein Loch, in das der Mann sein Genital stecken kann, oder, um im Bild zu bleiben: eine Scheide für sein Schwert“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal in ihrem Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“. Das weibliche Geschlecht bleibt also eine Leerstelle, die nur in Beziehung zum Penis existiert.

Sprache ist ein Instrument der Macht und gleichzeitig Spiegel der Gesellschaft. Durch Benennung bewerten wir und verleihen Bedeutung. Mit anderen Worten: Etwas, für das es keine präzise Bezeichnung gibt, wird gesellschaftlich kaum Anerkennung erfahren. Und es macht es uns schwer, darüber zu reden. Eins von vier fünfzehnjährigen Mädchen hat keinen Begriff auf Lager, mit dem sie das weibliche Genital benennen könnte. Sprachlosigkeit und Scham machen uns noch heute die Beziehung zu unserem eigenen Körper schwer.

Auch in unserer Bildsprache ist die Vulva im Gegensatz zum Penis kaum existent. Als die Nasa 1972 die Raumsonde Pioneer ins All entsandte, wurde, für den Fall einer Begegnung mit außerirdischen Lebensformen, auf eine Metallplakette die Abbildung zweier nackter Menschen eingraviert. Der Mann hatte selbstverständlich einen Penis zwischen den Beinen, die Frau nichts – nicht mal den Ansatz eines Schlitzes. Und auch wenn wir den heute nicht mehr verleugnen, geht es selbst in den meisten Aufklärungsbüchern nur um die Aushöhlung, in die der Mann sein Ding reinsteckt.

Hallo? Das zwischen unseren Beinen ist ein eigenständiges Organ und kein Loch, das darauf wartet, durch einen Mann gefüllt zu werden! Es besteht aus einer Vagina und aus einer Vulva, und die beiden sollten genau so wenig verwechselt werden wie Penis und Hoden. Das ist eine Frage des Respekts. Reden wir also von Vagina, wenn wir Vagina meinen, und von Vulva, wenn wir Vulva sagen wollen. Einem Körperteil übrigens, das uns auch ganz ohne Penetration durch einen Penis glückselig seufzen lassen kann.  

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