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Illustration: Katharina Bitzl

Im April gab es an der Uni Bielefeld einen Workshop mit dem Titel „Möseale Ejakulation – die Votzen spritzen zurück“. Auch jetzt hat darüber berichtet. Wäre ich dabei gewesen, als das Thema in der Redaktion besprochen wurde, ich hätte versucht, es zu verhindern. Unter meinen Kollegen bin ich längst als die Frau bekannt, die immer mit den Augen rollt, wenn mal wieder jemand vorschlägt, einen Text zum Thema „Squirting“ zu schreiben (kommt öfter vor, als man denkt). Ich halte es nämlich für völlig überbewertet.

Klar, jede Frau kann’s versuchen, wenn sie Lust hat, und ja, ich weiß schon, dass Workshops wie der in Bielefeld weibliche Sexualität enttabuisieren sollen. Aber gerade unter Feministinnen geht es oft darum, dass unser Sex eigentlich viel besser sein könnte, wir ihn aber als unterdrücktes Geschlecht bisher immer falsch betrieben hätten, beziehungsweise: nicht genug von dem eingefordert, was wir hätten haben können, und zu wenig an uns selbst ausprobiert. Jetzt sollen wir bitte trainieren (das Squirten, den Beckenboden, mit Sexspielzeug, mit dem Partner, mit uns selbst usw.), damit es endlich richtig knallt, so orgasmusmäßig, und das sei dann die ganz große Befreiung. Ich finde das anstrengend. Und wenn Sex eins nicht sein soll, dann anstrengend. Wobei: Anstrengend darf er schon sein, schwitzen gerne, keuchen auch – aber stressig, das soll er bitte nicht sein.

Ich finde es furchtbar, wenn Sex mit Training in Verbindung gebracht wird. Warum soll ich für etwas trainieren, dass ich auch so ziemlich gut hinkriege? Sex ist doch kein Sport. Oder er ist für mich sogar ganz genauso wie Sport, denn für richtig krasse Sprintergebnisse müsste ich auch hart trainieren – ich kann aber auch einfach ohne Erfolgsdruck rennen, wenn ich Bock drauf habe. Ich mag Sport und ich mache regelmäßig Sport, weil er mir guttut. Ich muss dabei niemandem etwas beweisen, ich erreiche keine Höchstleistungen, ich mache ihn so, wie ich es kann und mag, und hinterher fühle ich mich besser, ausgeglichener, entspannter. Und manchmal, wenn ich drüber nachdenke, jetzt ja Sport machen zu können, gewinnt ein anderes Bedürfnis: schlafen. Essen. Netflixen. Kuscheln. Ausgehen. Wasweißich. Ist dann aber auch nicht schlimm, denn ich will ja keine Profisportlerin sein. Genauso, wie ich keine Profisexhaberin sein will.

Die Trainingsmethoden für weiblichen Sexualität sind aber auch deswegen so anstrengend, weil sie als „feministisch“ angepriesen werden. „Das Private ist politisch“ ist eine Parole, die zuallererst von den Frauen des Second-Wave-Feminismus genutzt wurde, und ja, das Private meint auch Sexualität. Aber meiner Meinung nach endet das Politische im Sex da, wo es nur noch um den persönlichen Lustgewinn oder eben die Luststeigerung geht. Sex ist dann feministisch, wenn er einvernehmlich ist, wenn es kein Machtgefälle gibt  (außer, auch das ist einvernehmlich), und beide Spaß haben.

Sex kein Leistungssport ist. Sex ist nicht mal ein ambitioniertes Hobby

Alles darüber hinaus – die Häufigkeit oder Intensität von Orgasmen zum Beispiel – ist so individuell, dass da außer den beiden Beteiligten niemand was zu melden hat. Das, was da zwischen ihnen passiert, ist so intim und privat, dass man da bitte, bitte keine politische Dimension hineindenken sollte. Die übersexualisierte Öffentlichkeit setzt uns im Bett nämlich schon genug unter Druck: Lifestyle-Magazine und Blogs wollen uns ständig erzählen, wie man angeblich besseren Sex haben könnte, und Pornos gaukeln uns auch immer vor, dass eigentlich alles viel krasser sein könnte als im eigenen Sexualleben. Da müssen nicht auch noch Frauen mit Mission kommen und die eigene, sehr individuelle Lust als „feministisch“ labeln.

Manchmal klingt es verführerisch, dieses „Du glaubst gar nicht, was dein Körper theoretisch alles kann, du musst nur ein bisschen daran arbeiten!“ Aber dann fällt mir wieder ein, dass Sex kein Leistungssport ist. Sex ist nicht mal ein ambitioniertes Hobby und vor allem auch keine Arbeit. „Die schönste Nebensache der Welt“ ist zwar ein sehr großonkeliger Ausdruck aus einer Zeit, als Beate Uhse noch das Monopol auf Erotik hatte – aber er ist trotzdem wahr. Sex ist schön. Er ist sogar Superlativ-schön. Aber er ist eben auch: eine Nebensache. Und so viel entspannter und entspannender, wenn man ihn auch genauso behandelt. Als eine Sache, die man privat nebenher macht, mit Menschen, die man toll findet. Und die immer dann genau richtig ist, wenn sie sich gut anfühlt.

Dafür muss man nicht viel tun, bei den meisten Menschen passiert das nämlich einfach so. Das ist ja gerade das Gute daran. Besserwerden, Leistung, Steigerung, Selbstoptimierung nerven doch in anderen Lebensbereichen schon genug.

Die Autorin dieses Textes hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen. Sie ist der Redaktion aber bekannt.

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