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Rache-Sex nach einer Trennung tut gut

Es ist zwar nicht nett, dem Ex absichtlich weh zu tun – aber manchmal ist es emotionale Notwehr.
Von Katja Lewina
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    Foto: HS LEE/ Unsplash, Bearbeitung: jetzt

Es gibt Menschen, die finden Rachegelüste beschämend. Weil sie Unreife offenbaren, fehlendes Reflexionsvermögen und mangelnde Integrität. Weil Rache uns daran hindert, voranzuschreiten und stattdessen die Vergangenheit unsere Taten bestimmen lässt. Weil sie sinnlos ist.

 

Diese Menschen würden dem Volksmund über seinen Schnabel fahren, sollte er allen Ernstes behaupten, Rache wäre süß. Meine Freundin Paula zählt sich zu diesen Menschen, die nichts mehr als einfach vergeben und vergessen wollen. Und doch wurde sie kürzlich von der wohltuenden Wirkung einer ganz besonderen Form der Vergeltung überrascht: dem Rache-Sex. 

Die halbgare Romanze mit Anton ging gegen Paulas Willen spürbar dem Ende entgegen. An ihrem letzten gemeinsamen Abend besuchten sie ein Konzert, ein Wort kam zum anderen, und plötzlich war Schluss. Zu ihrem Glück ließ Paulas enormer Alkoholpegel sie ihre Prinzipien vergessen. „Ich tanzte mich zum heißesten Mann, den ich finden konnte, und fing irgendwann an, mit ihm zu knutschen. Als wir am Ende Hand in Hand zu mir nach Hause gingen, trafen wir Anton am Ausgang. Er sagte nichts, aber sein Gesicht hat mich in diesem Augenblick für alles entschädigt.“

 

Bei dem Gedanken daran, wie das ausgesehen hat, bricht aus Paula das Lachen heraus. Dass der Sex mit dem Fremden am Ende nicht der Ober-Knaller war, schmälert ihre Euphorie kein bisschen. Denn hier ging es ihr nicht um körperliche Befriedigung. Sondern allein um seelische. 

 

Und damit ist sie nicht allein: So oft mein Freund P. auch beteuern mag, dass sein Post-Trennungs-Absturz mit einer Freundin seiner Ex reiner Zufall war – er wusste genau, was er tat. Und dass sie es auf jeden Fall erfahren würde. Meine Freundin A. lässt keine Partyknutscherei aus, wenn ihr Exfreund ebenfalls zugegen ist. Und ich selbst machte ein Mal während eines wütenden Bordsteinkanten-Telefonats mit meinem Gerade-noch-Lover einen One-Night-Stand klar, den ich in meine Wohnung lotste. 

Bevor Paulas oder sonstwessen Bereitschaft, den eigenen Körper zum Zwecke der Rache einzusetzen, nun von der moralisch versierten Leserschaft in der Luft zerrissen wird, sei Folgendes angemerkt: Nicht nur für Prostituierte und ihre Freier ist Sex eine Währung. Wir alle setzen, bewusst oder unbewusst, unsere Sexualität für bestimmte Zwecke ein. Ob wir es nun auf den Endorphin-Kick nach dem Orgasmus abgesehen haben, bei einem One-Night-Stand unser hungriges Herz an einem fremden Körper sättigen oder nach dem Streit mit unserem Liebsten die weiße Flagge aka unseren Slip für den Versöhnungssex hissen, ist eben nichts anderes als das.

 

Sexualität folgt, wie jede andere Handlung, der Intention, das eigene „psychische Einkommen“ zu maximieren. So beschreibt es der Historiker Gérard Bökenkamp in seinem Buch „Ökonomie der Sexualität“. In Alltagssprache übersetzt bedeutet das: Egal, was wir tun – wir tun es, um etwas anderes dafür zu bekommen. Darum ist Körpereinsatz genau so (un-)moralisch, wie einfach in der Ecke liegenbleiben und eine Runde heulen. Klar, heulen müssen wir auch zu gegebener Zeit, der Schmerz muss ja raus, damit er verschwinden kann. Aber das eine schließt das andere nicht aus. 

 

„Wenn nicht du, dann jemand anderes“ – das trifft den Ex garantiert

 

Denn manchmal ist unser Ego nach einer Niederlage derart am Boden zerstört, dass es dringend eine fette Packung Selbstbestätigung braucht. Und durch einen Rache-Aufriss bekommen wir gleich die doppelte Portion. Nicht umsonst heißt es: „The best way to get over someone is to get under someone“. Denn erstens – und das ist eine nicht zu unterschätzende Binsenweisheit – können wir uns selbst dadurch versichern, dass wir trotz (unfreiwilliger) Trennung  immer noch ein heißes Gerät sind. Und nein, das können wir in diesem Augenblick nicht auch einfach so wissen. Wir müssen es spüren.

 

Und zweitens können wir diese Tatsache dem betreffenden Übeltäter auch noch zielgerichtet unter die Nase halten. „Wenn nicht du, dann jemand anderes“ trifft ihn garantiert. Nicht, weil er uns noch immer liebt oder sich nach uns verzehrt. Sondern, weil er seine Besitzansprüche in den allermeisten Fällen nicht einfach mit der Beziehung entsorgt. Oder warum sonst ist das Evozieren von Eifersucht solch ein wirksames (wenn auch auf Dauer unzuverlässiges) Mittel, um jemanden zurückzuerobern? Warum sonst trifft es uns oft noch nach Jahren, unsere Ex-Partner mit anderen zu sehen, obwohl wir selbst schon lange kein Interesse mehr an ihnen haben? Die meisten von uns sind possessive Egomanen, auch wenn wir das nicht gerne zugeben. 

 

Nein, es ist kein allzu feines Verhalten, jemandem absichtlich Schmerz zuzufügen. Und das auch noch zu genießen. Und nein, niemand von uns ist stolz darauf. Am wenigsten meine Freundin Paula. Und doch ist es nicht so, als hätte sie die Fensterscheiben von Antons sorgsam poliertem Mustang zertrümmert  oder tödliche Gerüchte über seine Qualitäten als Liebhaber in die Welt gesetzt. Sie sorgte lediglich dafür, dass es ihr in ihrem Elend wieder besser ging. Denn wenn wir am Boden liegen, ist nichts schöner, als es dem „Übeltäter“ ein ganz kleines bisschen heimzuzahlen. Betrachten wir Rache-Sex doch einfach als emotionale Notwehr, die überaus angebracht ist, wenn wir nichts mehr wollen, als unsere posttraumatischen Depressionsanfälle loszuwerden. Und zwar sofort. 

 

Und dann gibt es noch einen kleinen, aber wirksamen Nebeneffekt bei der Sache: „Sieh her, ich weine dir keine Träne nach“, ist in diesem Augenblick vielleicht noch gelogen. Aber „Fake it 'til you make it“ hat sich schon oft als wirksam erwiesen. Paula jedenfalls ist über den Berg. Und lacht noch heute, Wochen später, über diesen Abend, an dem sie ihrem Ex den Mittelfinger zeigte.

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