masturbation dezember cover
Illustration: Daniela Rudolf

Sich einen runterholen. Ablaichen. Den Biber melken. Keulen. Sich einen von der Palme wedeln. Jenseits der Fachbegriffe „Onanie“ und „Masturbation“ gibt es unzählige Ausdrücke für die menschliche Selbstbefriedigung. Moment. Die menschliche? Nein. Die männliche. Für Frauen reichen so ein, zwei Begriffe wie „Es sich selbst machen“ oder, noch besser, „An sich selbst rumspielen“. Das klingt dann wenigstens noch ein bisschen nach Porno. Dass solch beschränkte sprachliche Mittel für weiblichen Solo-Sex absolut ausreichen, ist wenig überraschend. Schließlich gilt es als ausgemacht, dass Frauen es sich sowieso viel seltener machen als Männer. Das bestätigte sich jüngst wieder in der groß angelegten Umfrage „Wir Deutschen und die Liebe“ von YouGov: 32 Prozent der Frauen machen es sich mindestens ein Mal die Woche selbst im Gegensatz zu 57 Prozent der Männer – also nur knapp halb so viele.

 

Ein ausgeprägter Trieb gilt als männlich. Kein Wunder also, dass Kerle eher als Frauen dazu neigen, ihre Masturbationserfahrungen im realen Leben, im Netz oder in Songtexten zu teilen. Oder würde eine Frau je „Ich hab schon vier Mal onaniert, weil hier einfach nichts passiert“ sagen oder singen, wie die Ärzte damals? Selbst die Aufmerksamkeit, die der NoFap-Bewegung zukommt, lässt sich mit dieser Tendenz erklären. Und das, obwohl es da gerade darum geht, nicht zu onanieren.

Nachdem also die NoFapper den No Nut November, einen ganzen onanier- und orgasmusfreien Monat, verkündeten, hat sich irgendein Scherzkeks als Reaktion darauf den Destroy Dick Decemeber ausgedacht: Ein Mal Wichsen am Ersten, zwei Mal am Zweiten, drei Mal ... – man weiß schon, wo das endet. Und dass es schon rein physisch nicht funktionieren kann. Zumindest nicht beim Mann. Denn der braucht bekanntlich zwischen zwei Orgasmen eine Wiederherstellungspause. Die Frau hingegen kann in den meisten Fällen immer wieder. Bis zu 31 Höhepunkte an einem Tag sind zwar sportlich, aber nicht unmöglich. Wenn Frauen also das viel größere orgasmische Potential haben als Männer – warum es nicht herzeigen?

Genau das ist der Grund, weshalb ich mitmache, statt den drölfzigsten unpersönlichen „Stellt euch vor: Frauen masturbieren tatsächlich!“-Text zu schreiben. Frauen können das, was Männer können, schon lange. Und nur, wenn wir das uns anerzogene schamhafte Schweigen hinter uns  lassen, können wir unsere Sexualität enttabuisieren und zu dem machen, was sie ist: etwas völlig Selbstverständliches. Ich habe zwar keinen Penis zum Zerstören, aber ich habe etwas anderes. Vorhang auf für den Destroy Dildo December!

 

Tag 1: Weg mit der Scham

Nach einem Mal soll Schluss sein? Wenn ich erst mal angefangen habe, kann ich meist nicht so schnell wieder aufhören. Aber was soll's, dann schone ich eben meine Kräfte. Und sinniere stattdessen darüber, warum wir Frauen oft so schamhaft sind.

Viele denken immer noch, dass Männer biologisch auf die möglichst weiträumige Verspritzung ihres Samens programmiert, Frauen hingegen auf die Verlässlichkeit ihres Versorgers angewiesen sind. Ergo: Die weibliche Sexualität weniger ausgeprägt als die männliche sei – und wo nichts ist, da gibt es auch nicht viel zu erzählen. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass das Slut-Shaming – trotz seines fancy klingenden Namens ein Jahrtausende altes Phänomen – in dieser Hinsicht bestimmend ist. Denn wenn Frauen aus der ihnen zugeschriebenen Rolle fallen und sexuell aktiv werden, egal ob mit sich selbst oder zwanzig Typen, dann können sie sicher sein, für ihr Verhalten abgewertet zu werden. Also halten sie lieber die Klappe. Oder ersticken ihre Lust gleich im Keim, manchmal noch bevor sie überhaupt entstehen kann. Diesen Mechanismus beschreibt zum Beispiel der Autor Daniel Bergner in seinem Bestseller „Die versteckte Lust der Frauen“, für den er sich sexualwissenschaftliche Erkenntnisse aus aller Welt vorgeknöpft hat. Sein Schluss: In Kulturen, in denen weibliche Sexualität keine Abwertung erfährt, haben Frauen genau so viel Lust auf Sex wie Männer und leben sie genau so offen aus. Möglicherweise würden Frauen also mehr und ehrlicher über Selbstbefriedigung reden, wäre das Ganze nicht so eine peinliche Angelegenheit. Und vielleicht würden sie es sich überhaupt öfter selbst machen.

Tag 4: Hallo, Endorphine!

So gefällt mir das – genau meine Frequenz. Warum habe ich es mir nicht schon früher mehrmals täglich gemacht? Mein Hirn arbeitet nach diesen kleine Endorphinschüben wie ein Duracellhäschen, meine Laune ist fabelhaft. Sogar mein Kaffeekonsum ist gesunken. Hoch lebe meine rechte Hand! Und mein heimisches Arbeitszimmer, in dem ich entspannt an solchen Challenges „arbeiten“ kann. Im Großraumbüro ginge das nicht. Manchmal hat es eben doch Vorteile, Kulturprekariat zu sein. Ich liebe meinen Job! Wo sonst würde ich für Selfsex bezahlt werden? „Als Camgirl vielleicht oder beim Porno“, sagt eine Freundin. Was soll's. Wir Bitches tragen unsere Häupter aufrecht.

 

Die Meinungen zu diesem Experiment in meinem Bekanntenkreis klaffen übrigens so schmerzhaft auseinander wie der Gender Pay Gap: Während die meisten Frauen das einfach nur affig finden („Musst du auch jeden Scheiß mitmachen?“), sind die Männer fasziniert („Wie funktioniert das genau?“ oder „Schaffst du schon!“). Und ich weiß wieder genau, warum ich den Scheiß mitmache.

 

Tag 7: Noch mehr Lust

Es ist erstaunlich, wie schnell sich meine Vagina an regelmäßige Betätigung gewöhnt hat. Es stimmt also: Je mehr Sex man hat, desto mehr will man davon. Auch, wenn es „nur“ Sex mit sich selbst ist. Ich jedenfalls verspüre nach ein paar Stunden Onanier-Pause deutliche Regungen zwischen den Beinen, die sagen: Zeit für Zärtlichkeit. Allein oder mit meinem Freund. Der aber flüchtet vor meiner überdimensionierten Libido ins Büro. Er findet, ich falle ihn an wie ein wilder Hund und fühlt sich bei uns zu Hause nicht mehr sicher. „Du solltest öfter wichsen!“, rufe ich ihm hinterher.

 

Kurz ergebe ich mich dem schrecklichen Gedanken, es könnte wahr sein, dass weibliche Lust die männliche auslöscht. Diese These verbreitete der britische Porno-König der 70er, Paul Raymond, in seinem Männerheftchen Men Only. Denn obwohl heute alle Welt das Gegenteil behauptet, gilt: Der Mann erobert, während die Frau sich ziert. Zeigt die Frau hingegen offensiv, dass sie will, kann das überfordern. Ich rufe meinen Freund im Büro an: „Tötet meine Lust die deine?“ – „Nein“ antwortet er. „Aber gerade überspannst du den Bogen. Ich fühle mich ganz … ausgelutscht.“ So ist sie, die weibliche Begierde: im Prinzip unstillbar.

 

Tag 11: Wie zur Hölle?

Heute ist der erste Tag, an dem mir mein Soll unerreichbar vorkommt: Vormittags ein Höllenritt durchs Möbelhaus, nachmittags Geschenkegroßfahndung in der überfüllten Stadt. Abends bin ich bei einem Freund zum Kochen verabredet. Wann soll ich mich jetzt noch befriedigen? Verzweifelt erzähle ich ihm von meinem Dilemma. „Mach es dir doch einfach hier. Mit mir“, sagt er. Ich zögere kurz. Wir haben es in den Jahren unserer Bekanntschaft ein paar Mal mit  Sex versucht. Es war jedes Mal eine Enttäuschung. Vielleicht würde uns gemeinsame Masturbation endlich die Höhepunkte bescheren, die wir nie hatten? Nein, entscheide ich. Weil ich nicht will, dass im Eifer des Gefechts doch noch eins zum anderen kommt. Also bin ich gezwungen, mir die volle Ladung im Bett neben meinem schlafenden Freund zu geben. Elf Orgasmen in einer Stunde. Das letzte Mal fühlt sich eher nach Harnröhrenentzündung als nach Kommen an. Meine Stimmung droht zu kippen.

 

Tag 14: Keine Zeit für garnix

„Machst du überhaupt noch etwas anderes?“, fragt mein Freund, als er unerwartet mittags nach Hause kommt und mich im Bett vorfindet. Er hat Recht: Meine Arbeit lasse ich schweifen. Und „Sorry, muss masturbieren“ ist meine Standartantwort auf Anfragen jeder Art geworden. Vorgestern musste ich ein Konzert absagen, gestern ein Date mit meinen Freundinnen. Soziale Isolation, ich komme! Jetzt endlich verstehe ich zumindest ansatzweise, warum es so etwas wie die NoFap-Bewegung gibt: exzessives Wichsen raubt dir nicht nur die Manneskraft, es macht auch einsam.

 

Zwischendurch blättere ich im frisch erschienenen Buch „Das beherrschte Geschlecht“ der Psychologin Sandra Konrad. Und kriege meinen Mund nicht mehr zu. Die weibliche Sexualität habe sich nicht befreit, sondern lediglich der männlichen angepasst, schreibt sie. Junge Frauen, die sich freizügig verhalten und offen drüber reden, würden sich selbst sexualisieren – mit dem alleinigen Ziel, männliche Phantasien zu erfüllen. Was für ein Bullshit. Ja, es gibt Frauen, die über ihre Grenzen gehen oder denen es wichtiger ist, gut im Bett zu sein als es selbst besorgt zu bekommen. Aber dass sexuell aktive Frauen per se als Opfer des Patriarchats abgestempelt werden, sollte eigentlich seit den 70ern vorbei sein. Ich will diese Challenge schaffen, und sei es nur, um vom Rathausturm zu schreien: Ich hab's mir diesen Monat 496 mal selbst gemacht! Und mir ist scheißegal, wie das auch nur ein einziger Mann findet!

 

Tag 16: Schmerzfrei dank Hand

Meine Phantasien reichen schon lange nicht mehr aus, um auf mein Soll zu kommen – ich brauche härteren Stoff, um schneller und öfter zu kommen. Darum heißt mein neuer bester Freund Pornhub. Doch auch wenn er sich täglich um neue Reize für mich bemüht, fängt er schnell an mich zu langweilen. Lust auf Sex habe ich auch keine mehr. Ich habe auf gar nichts mehr Lust, außer, dass der Dezember schnell vorbei geht. Das einzig Gute an diesem Tag: Meine sonst so fiesen Regelschmerzen sind dank 16 Mal Gebärmuttergymnastik kaum zu spüren. Das sollte es auf Rezept geben.

 

Tag 18: Mein Körper, meine Freiheit

Würde ich auf erzwungene Orgasmen abfahren, säße ich jetzt vermutlich in einem SM-Studio. Tatsächlich aber hasse ich es, zu irgendetwas gezwungen zu sein, das ich nicht will. Mich heute 18 Mal anzufassen, zum Beispiel. Weil es mir wirklich zum Hals raus hängt. „Wolltest du das nicht durchziehen?“, fragt mein Freund. „Und der ganzen Welt davon erzählen?“ Ja, wollte ich. Aber ich wollte auch, dass es Spaß macht. In den letzten Tagen jedoch fühlte es sich mehr nach Gewalt als nach Genuss an. Es gibt diese Regel beim Sex: Wenn es sich nicht mehr gut anfühlt, hört man auf. Egal ob zu zweit, zu dritt oder allein. Egal, wie sehr man vorher noch wollte. „Ich hab ja gleich gesagt, dass das Blödsinn ist“, belehrt mich eine Freundin.

 

Vielleicht hat sie Recht. Genau wie Sandra Konrad, die meinen Ehrgeiz in Sachen Dildo-Dezember garantiert als „maskulinisiert“, also männlichem Verhalten nacheifernd, bezeichnen würde. Aber liegt nicht genau hierin die Freiheit, die wir eigentlich haben wollen? Irgendeinen Blödsinn mitzumachen. Uns männliches Verhalten anzueignen. Und dann immer noch entscheiden können, ob es passt. Ja, ich bin auf halber Strecke abgeschmiert. Aber mit dem fabelhaften Gefühl: Meine Pussy gehört mir und kein Mensch und keine Challenge dieser Welt diktiert mir, was ich mit ihr machen soll.

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