Sex im Shutdown: Wenn Monogamie wieder angesagt ist

Was macht das Virus eigentlich mit unserem Sexleben? Folge drei unserer neuen Kolumne: Die offene Beziehung.
Von Katja Lewina

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

„Könntest du dir vorstellen, dass wir eines Tages wieder monogam sind?“, fragte ich meinen Mann vor einigen Monaten mal aus Spaß. „Aber warum sollten wir das tun?“, lachte er. Wir überlegten gemeinsam. Aber nein, es wollte uns partout kein Grund dafür einfallen. Seit wir vor fünf Jahren unsere Beziehung geöffnet haben, müssen wir uns nicht mehr zwischen Freiheit und Liebe entscheiden. Das aufzugeben, schien einfach verrückt. Damals jedenfalls.

Außereheliche Eskapaden lassen sich aus anderthalb Metern Entfernung schlecht durchziehen

Kurze Zeit später kam der Shutdown – und Peng! – da hatten wir unseren Grund: eine Pandemie, die sich nur eindämmen lässt, indem man auf soziale Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts verzichtet. Bye-bye, Dates! Bye-bye, Affären! Alles, was uns blieb, war Abend für Abend zu zweit zu Hause zu sitzen. Außereheliche Eskapaden ließen sich aus anderthalb Metern Entfernung ja schlecht durchziehen. „Willkommen zurück im traditionellen Beziehungsmodell“, glaubten wir unsere Sofakissen höhnen zu hören, wann immer sich unsere Hintern ihnen näherten. Aber ganz so leicht wollten (und konnten) wir es ihnen dann doch nicht machen.  

Denn schließlich war da auch noch mein Freund, mit dem ich seit zwei Jahren eine Beziehung führe. Und Lebenspartner*innen, die nicht im selben Haushalt wohnen, durfte man auch weiterhin besuchen – ganz offiziell. Andererseits lag auch der Verdacht nahe, dass polyamore Konstellationen bei dieser Regelung nicht unbedingt mitbedacht worden waren. Menschen, die mehr als eine Liebesbeziehung führen, sind in der öffentlichen Wahrnehmung ja auch eher ein Kuriosum als die Norm. Bei uns gibt es wenigstens nur diese eine Person on top. Aber was war mit den Geflechten, die sich aus vielen verschiedenen Beziehungen zusammensetzten? Die mussten sich wohl oder übel entscheiden. Schließlich ist es bei Social Distancing nicht hilfreich, weiterhin fünf Sexpartner*innen gleichzeitig zu haben.

So wurde unsere Beziehung dank Corona wieder (nahezu) monogam

Tatsächlich kaute auch ich eine Weile an der Frage, ob ich meinen Freund immer noch treffen möchte. Aber dann war klar: Es würde so oder so in der Familie bleiben. Mein Mann, mein Freund und ich arbeiteten alle drei im Home-Office und hatten jeden anderen sozialen Kontakt geknickt. Klar, wir konnten uns immer noch beim Gang in den Supermarkt mit Corona anstecken. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das passierte, erschien uns gering. Viel wahrscheinlicher war, dass mein allein lebender Freund komplett vereinsamen würde. Zeit hatte ich dank unbetreuter Kinder und Arbeit bis spät in die Nacht ohnehin fast keine mehr für ihn.

Mein Mann hatte im Gegensatz zu mir keine feste Freundin und damit auch keine Lizenz zum Daten. Ein Tinder-Flirt, der unter normalen Voraussetzungen ziemlich schnell zu einem Treffen geführt hätte, wurde also seit Wochen per Chat und Telefon ausgetragen. Ausgang ungewiss. Und dann gab es letztlich doch noch ein Date: ein abendlicher Spaziergang, mit vorgeschriebenem Abstand, versteht sich. „Es war saukalt“, beschwerte mein Mann sich am nächsten Tag, „und absolut unflirty.“ Aber wie sollte das auch anders sein, wenn man schon von vornherein weiß, dass man sich nicht mal gegenseitig anhauchen darf?

Und so wurde unsere Beziehung dank Corona wieder (nahezu) monogam. Der Witz dabei ist: Es macht uns rein gar nichts aus. Man könnte mit unseren glücklichen Vorzeige-Gesichtern glatt Werbung für Waschmittel machen. Aber vielleicht sind wir damit auch nur deswegen so entspannt, weil wir wissen, dass es wieder vorbeigehen wird. Keine*r von uns beiden hat das Ruder in Richtung „Du sollst keine Götter neben mir haben“ rumgerissen. Einzig und allein das verdammte Virus ist an allem schuld. Im Herzen sind wir zwei nach wie vor Team „Freie Liebe“. Oder „Sodom und Gomorrha“, je nach Interpretation halt.

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